Gedenkstatue für Burak Bektas: Zwei Meter hohe Bronzeskulptur wurde am Tatort enthüllt

Sechs Jahre ist es her, dass Burak Bektas im Neuköllner Ortsteil Britz auf offener Straße erschossen wurde. Die Polizei konnte diesen Mord bis heute nicht aufklären. Doch die Tat ist unvergessen: Am Sonntag wurde in Anwesenheit von 300 Personen am Tatort eine fast zwei Meter hohe Bronzeskulptur enthüllt. Die Skulptur soll an den Mann erinnern, der nur 22 Jahre alte wurde. Auch seine Eltern, die Schwester und weitere Verwandte waren bei der Gedenkveranstaltung zugegen, ebenso der türkische Konsul mit Personenschützern.

„Burak hatte eine Leichtigkeit im Leben, er hat immer so viel gemacht und alle angesteckt mit seiner Lebensfreude“, sagte sein Cousin Murat in einer Rede, Buraks Mutter übersetzte das mit schmerzerfüllter Stimme ins Türkische. Die Anwesenden stellten Fotos von Burak vor das Denkmal. Auch ein Kranz, den Angehörige von NSU-Opfern mitfinanziert haben, legte eine Frau nieder. Das Kunstwerk an der Rudower Straße/ Ecke Möwenweg soll auch eine Mahnung an die Ermittlungsbehörden sein, den Täter ausfindig zu machen. Bezahlt hat die Skulptur die „Initiative für die Aufklärung des Mordes“. Sie sammelte nach eigenen Angaben etwa 50.000 Euro Spenden.

Der unbekannte Täter war kurz nach Mitternacht des 5. April 2012 einer Gruppe junger Männer begegnet, zu der auch Burak Bektas gehörte. Er schoss mehrmals auf sie. Bektas starb an einem Lungendurchschuss, zwei andere junge Männer wurden lebensgefährlich verletzt. Alle fünf junge Männer waren Migranten unterschiedlicher Herkunft, sie unterhielten sich an der Bushaltestelle auf Deutsch. Es gab vorher keinen Streit.

Parallelen zum Mord an Luke Holland

Die Initiative, zu der Verwandte von Burak Bektas und Anwälte gehören, wollen mit der Aktion die Erinnerung an das Verbrechen wachhalten. Und zugleich weiter die Frage stellen, ob der Mord aus einem rassistischen Motiv geschah. „Die Polizei hat nicht wirklich in alle Richtungen ermittelt“, sagte der Anwalt der Familie, Mehmet Daimagüler, bei der Kundgebung. Die Initiative wirft der Polizei vor, zu wenig in Richtung eines rassistischen Tatmotivs ermittelt zu haben. Auch Parallelen zur Mordserie des NSU werden gezogen, zumal die Tat nur wenige Monate nach Bekanntwerden des NSU-Komplexes stattfand. Die Skulptur der 2017 verstorbenen Künstlerin Zeynep Delibalta trägt denn auch den Namen „Algorithmus für Burak und ähnliche Fälle“.

Helga Seyb, Sprecherin der Initiative, sieht wie die meisten Anwesenden am Sonntag Parallelen zum Mord an dem Briten Luke Holland im Jahr 2015 ganz in der Nähe. Der damals 32-Jährige war nachts vor einem Club niedergeschossen worden, als er einem Freund per Mobiltelefon zum Geburtstag gratulierte und dabei Englisch sprach. Auch in diesem Fall trat der Täter wie aus dem Nichts an das Opfer heran und schoss. In diesem Fall konnte die Polizei einen Täter ermitteln. Den arbeitslosen Betonbauer Rolf Z. verurteilten die Richter zu elf Jahren Haft wegen Mordes. Ein Einzelgänger, der Militaria sammelte.

Tatsächlich weisen beide Taten Parallelen auf: Wie Holland war auch Bektas ein scheinbar willkürlich ausgewähltes Opfer und wurde aus nächster Nähe erschossen. Ohne dass es zuvor irgendeine Auseinandersetzung gegeben hätte. Beide Taten geschahen nachts in Neukölln. Ein Grußwort der Eltern von Luke Holland aus England verlasen Aktivisten bei der Zeremonie am Sonntag. Darin wurde die deutsche Polizei aufgefordert, im Fall Bektas endlich ordentlich ihre Arbeit zu tun. Andere Redner kritisierten, dass die Polizei noch nicht einmal eine Gegenüberstellung der überlebenden Tatzeugen mit Rolf Z. zugelassen habe.

Keine Hinweise auf Motivation des Täters

Bei der vorangegangenen Demonstration durch das Britzer Wohngebiet schauten einige Anwohner an diesem sonnigen Sonntag nur leicht bekleidet über den Gartenzaun. Die Familie Bektas wohnt hier nur ein paar Minuten vom Tatort entfernt. Der Sohn machte eine Lehre im Autohandel, ging regelmäßig ins Fitnessstudio und galt als freundlich.

Die Ermittler selbst sprechen von einer Zufallstat. „Das Besondere ist, dass der Täter so wenig gehandelt hat“, heißt es. „Er kommt, schießt und geht wortlos weiter.“ Dabei habe der Täter kaum Spuren hinterlassen. Anders als bei den NSU-Taten sei dies offenbar spontan erfolgt.

Auch ein Fahndungsaufruf in der Sendung „Aktenzeichen XY“ ein Jahr nach der Tat brachte keinen Erfolg. Im November 2013 meldet sich dann der Besitzer eines Sexshops bei der Polizei. Er berichtet, dass Rolf Z. zeitweise bei ihm Kunde gewesen sei und er ihn nach Munition für eine 9-Millimeter-Schusswaffe gefragt habe. Er habe in der Nähe des Tatortes auch zuweilen seinen Bruder besucht, von Schießübungen im Keller sei die Rede gewiesen.

Auf Anfrage der Berliner Zeitung teilte das Landeskriminalamt mit: „Als gesichert gilt, dass Burak Bektas und seine Bekannten weder aktuell noch in der Vergangenheit durch ihr Verhalten Anlass für die Tat geboten haben“, sagte Thomas Neuendorf, Vize-Sprecher der Berliner Polizei. „Im Hinblick auf den Täter ist lediglich sicher, dass es sich um einen Mann gehandelt hat, dessen Alter von mehreren Zeugen zwischen 40 und 60 Jahren angegeben wurde.“ Der Fall sei weiter in der Bearbeitung. Und können Rassismus oder Fremdenfeindlichkeit als Tatmotiv ausgeschlossen werden? „Die Polizei hat keine Hinweise auf die Motivation des Täters“, so der Sprecher. „Deshalb wird bei den Ermittlungen weiterhin kein Motiv ausgeschlossen.“