Mitte - Es ist ein gutes Stück Weg vom Kurfürstendamm 185 bis zur Wallstraße 16 in Mitte. Und doch verbindet diese beiden Häuser ein historisches Band, das nur wenige Menschen kennen. Am Kudamm 185 wohnten bis zu ihrer Flucht 1941 der jüdische Unternehmer Jakob Intrator und seine Frau Rachel. Während dort seit einigen Jahren Stolpersteine an die beiden erinnern, wies am Geschäftshaus Wallstraße 16 bislang nichts darauf hin, dass es einmal Jakob Intrator und seinem Neffen Jakob Berglas gehörte, bis die Nazis die beiden Juden 1938 enteigneten und das Grundstück zwangsversteigerten. An diesem Freitag aber wird das korrigiert – am Eingang des Gebäudes soll eine Gedenktafel enthüllt werden, auf der die wechselvolle Geschichte des Hauses dokumentiert ist.

Jakob Intrators in New York lebende Nichte Joanne wird dabei sein. Nach der Wiedervereinigung hatte sie einen jahrelangen Rechtsstreit um das Grundstück führen müssen, weil das damalige Landesamt zur Regelung offener Vermögensfragen zunächst ihren Anspruch ablehnte – die Zwangsversteigerung des Grundstücks 1938 sei ein legaler Rechtsakt gewesen, argumentierten die Beamten anfangs. „Ich war wütend über diese Ungerechtigkeit“, erzählt die 72-Jährige. „Warum wollten diese Beamten nicht anerkennen, dass mein Großvater wie alle Juden in jener Zeit wirtschaftlich unter Druck gesetzt wurde von den Nazis?“

Jakob Berglas schuf eins der führenden Textilimperien

Erworben hatte die Wallstraße 16 – ein an der Straßenseite relativ schmales, aber nach hinten langgestrecktes Grundstück, das vier Höfe umschloss und deren Einzelgebäude eine Nutzfläche von insgesamt mehr als 5000 Quadratmeter boten – die Realitas Grundstücksgesellschaft mbH im Jahr 1920. Die Firma gehörte Jakob Berglas. Dessen Onkel Jakob Intrator trat später in das Unternehmen ein und übernahm 12,5 Prozent der Anteile.

Die weit verzweigte Familie Intrator stammt aus Galizien. Um die Jahrhundertwende herum war sie vor der zunehmend pogromartigen Stimmung in der polnisch-christlichen Bevölkerung aus ihrer Heimat nach Berlin geflohen. Hier avancierten Jakob Intrator und sein neun Jahre jüngerer Neffe Jakob Berglas zu erfolgreichen Unternehmern, die in wechselnden Konstellationen mit ihren sieben Brüdern eine Reihe von Firmen aufbauten. So schuf Berglas eins der führenden Textilimperien Deutschlands. „Seine Berglas AG soll in den 1930er Jahren einen Marktanteil von 50 Prozent an der deutschen Textilproduktion gehabt haben“, sagt der Berliner Historiker Benedikt Goebel, der die Geschichte der Familie Intrator erforscht hat.

Jakob Intrator erlangte Reichtum dank Hühnereiern

Sein Onkel Jakob Intrator machte auf einem ganz anderen Geschäftsfeld ein Vermögen – als Eierhändler. Seine Firma Intrator, Schimmel & Co., die ihren Sitz in der Burgstraße 29 in Berlin-Mitte hatte, importierte jährlich bis zu 2000 Waggons mit Hühnereiern; die meisten davon kamen aus Intrators alter Heimat Galizien. 1933 machte das Unternehmen einen Reingewinn von 260.000 Reichsmark. Daneben besaß der 1875 geborene Intrator noch weitere Firmen.

Aber die Wirtschaftskrise ging auch an den beiden jüdischen Unternehmern nicht spurlos vorüber. Sie mussten Hypotheken auf ihre Grundstücke aufnehmen. Zwar erließ der NS-Staat 1935 eine Zinsermäßigung bei Hypothekenkrediten – diese galt aber nur für „arische“ Schuldner. Am 27. Juni 1938 – gut vier Monate vor dem Novemberpogrom, der sogenannten Reichskristallnacht – wurde das Gebäude zwangsversteigert. Die staatlichen Repressionen des NS-Regimes, die Juden Devisenbeschränkungen, Vermögenssperren und zusätzliche Vermögensabgaben auferlegten, hatten es den Realitas-Gesellschaftern unmöglich gemacht, die Vollstreckung gegen ihr Eigentum abzuwenden. Vom Erlös der Zwangsversteigerung erhielten sie nichts.

Nicht alle Familienmitglieder überlebten den Holocaust

Jakob Berglas war zu diesem Zeitpunkt bereits nach China emigriert. Später ging er in die USA, wo er 1963 starb. Jakob Intrator lebte mit seiner Frau Rachel, die alle in der Familie nur Rosa nannten, noch in Berlin. Allerdings hatte die Finanzkasse bereits einen großen Teil seines Vermögens arrestiert – im Dezember 1936 musste Intrator 80.800 Reichsmark als Sicherheit für die sogenannte Reichsfluchtsteuer bei den Behörden hinterlegen, die er bei einer späteren Emigration hätte zahlen müssen. 

Wenige Monate später emigrierte sein Sohn Gerhard – der Vater von Joanne Intrator – in die USA, drei Jahre später gelang dem zweiten Sohn Alexander die Ausreise nach London. Jakob Intrator und seine Frau mussten noch bis zum September 1941 in Berlin ausharren, dann glückte ihnen die Flucht nach Spanien. Erst gut anderthalb Jahre später jedoch gelang die Weiterreise in die USA, wo Jakob Intrator am 13. April 1943 eintraf. Aber die Strapazen waren zu groß gewesen – nur einen Tag nach seiner Ankunft in New York starb er an Herzversagen. Die meisten Angehörigen der Familien Intrator und Berglas, die nicht mehr aus Deutschland entkommen konnten, überlebten den Holocaust nicht.

Fast eine Millionen Judensterne wurden hier produziert

Wie es mit der Wallstraße 16 nach der Zwangsversteigerung weiterging, hatte die Münchner Wirtschaftsdetektei Paladin Associates im Auftrag von Joanne Intrator erforscht. Demnach hatte die Möbelfabrik Heim & Gerken aus Birkenwerden 1938 den Zuschlag für das Grundstück erhalten. Die Inhaber der Firma waren NSDAP-Mitglieder. Sie beuteten später in ihrem Unternehmen auch Zwangsarbeiter aus. Einen großen Teil des Gebäudes in der Wallstraße vermietete Heim & Gerken weiter – an die Stoffdruckfirma Geitel & Co. Fahnenfabrik. In den Folgejahren produzierte Geitel Reichsfahnen, Wimpel und Schmuckteppiche mit Hakenkreuzen.

Einen besonderen Auftrag zog die Firma im September 1941 an Land – die Herstellung der gelben Judensterne. Am 1. September 1941 hatte das NS-Regime die Zwangskennzeichen für Personen, die nach den Nürnberger Rassegesetzen von 1935 rechtlich als Juden galten, für das gesamte Deutsche Reich angeordnet. Geitel produzierte drei Wochen lang Tag und Nacht schwarze Stoffballen mit den aufgedruckten gelben Sternen, die anschließend ausgeschnitten wurden. Fast eine Million Judensterne verließen das Gebäude in der Wallstraße 16, das noch drei Jahre zuvor jüdischen Unternehmern gehört hatte. 30.000 Reichsmark spülte der Auftrag in die Kassen der Firma Geitel, die heute unter neuem Namen in Marienfelde produziert und auch die Bundesflaggen herstellt, die auf dem Reichstag wehen.

Gedenktafel soll an die ehemaligen Besitzer erinnern

Das Grundstück Wallstraße 16 gehört seit drei Jahren dem Pensionsfonds des Kernforschungszentrums Cern in Genf. Dort war man sehr schnell bereit, die vom Berliner Verein Aktives Museum angeregte Projekt einer Gedenktafel umzusetzen. „Es ist wichtig für uns, den Menschen unseren Respekt zu erbieten, denen im Zusammenhang mit dem Haus Wallstraße 16 Unrecht geschehen ist“, sagt Cern-Sprecher Arnaud Marsollier. „An die Geschichte dieses Gebäude zu erinnern, ist unsere Pflicht gegenüber den vergangenen und künftigen Generationen.“

Joanne Intrator, die eine psychiatrische Praxis in Manhattan leitet, wird am Freitag dabei sein, wenn die Gedenktafel enthüllt wird. „Ich freue mich sehr darüber, dass das Unrecht, das meiner Familie angetan wurde, nun auch für alle sichtbar anerkannt wird“, sagt sie.