Der Soldiner Kiez in Gesundbrunnen hat ein Problem. Die Kriminalität ist so hoch, wie kaum in einem anderen Kiez. Normale Polizeikontrollen eskalieren dort schnell zu Großeinsätzen. Jetzt will das Zustellunternehmen DHL Express in manchen Fällen Pakete nicht mehr ausliefern, weil Fahrer angegriffen wurden. Politiker sind empört. Gibt es in Berlin rechtsfreie Räume?

„Bei unserer Tochtergesellschaft gab es leider vermehrt Betrugsversuche und Übergriffe auf Kurierfahrer“, sagt DHL-Sprecherin Anke Blenn. „Daher wurde – auch in Abstimmung mit den jeweiligen Versendern – entschieden, in wenigen Einzelfällen bestimmte Express-Sendungen nicht persönlich auszuliefern.“ Der Empfänger muss seine Sendung in Wilmersdorf abholen. „Im Vordergrund steht hierbei die Sicherheit der Kuriere und der uns übergebenen Sendungen“, begründet Blenn.

Polizisten kennen das Problem. Sie berichten von organisierten rumänischen Banden, die seit einigen Jahren in der Vorweihnachtszeit im Soldiner Kiez und anderen Problemgegenden agieren. Die Täter bestellen teure Waren per Terminlieferung zu falschen Adressen und passen dort die Boten ab. In einigen Fällen weigerten sich die Boten, die Pakete den vermeintlichen „Empfängern“ zu übergeben und wurden von diesen angegriffen. Die Einschränkung gilt laut DHL-Sprecherin auch für andere Postleitzahlenbereiche in Berlin. Welche Kieze das sind, sagte sie nicht.

Es gibt offenbar Kieze, in denen das normale Leben nicht mehr richtig funktioniert – im Norden Neuköllns, in Teilen Weddings und Gesundbrunnens. Wo nicht nur Postzusteller überfallen werden, sondern auch Feuerwehrleute und Polizisten bei Einsätzen um ihre Gesundheit fürchten müssen. 50 Mal registrierte die Feuerwehr im vergangenen Jahr, dass ihre Rettungsdienstmitarbeiter angegriffen wurden. Die Dunkelziffer der Attacken und Beleidigungen wird auf das Zehnfache geschätzt, weil viele Feuerwehrmänner keine Anzeige erstatten.

„Das ist unsere Straße!“

Andere Beispiele: Im vergangenen August wollte eine Polizeistreife im Soldiner Kiez einen Elfjährigen kontrollieren, der den Beamten schon wegen zahlreicher Straftaten bekannt war. Kurz darauf waren die Polizisten von einer 70-köpfigen aggressiven Menschenmenge umgeben, darunter die aufgebrachte Familie des Jungen. „Haut ab, das ist unsere Straße!“ schallte es den Beamten entgegen. Ein paar Tage später, in der nicht weit entfernten Badstraße, wollten Polizisten eine Frau kontrollieren, die bei Rot über die Straße gegangen war. Minuten später sahen sich die Beamten von rund 30 aggressiven Leuten umstellt. 40 Polizisten mussten die Situation beruhigen. In Mannschaftsstärke musste die Polizei eine Woche später anrücken, als sich insgesamt 30 Araber und Afrikaner in der Soldiner Straße prügelten.

„Wir dürfen nicht zulassen, dass es Bereiche gibt, in denen das Recht des Stärkeren gilt“, sagt Benjamin Jendro von der Gewerkschaft der Polizei. „Wer meint, er könne Menschen angreifen und Straftaten begehen, muss dafür deutlich bestraft werden. „Die steigende Zahl von Angriffen auf unsere Kollegen hat dafür gesorgt, dass wir in die eine oder andere Straße mit mehr Polizei fahren.“

Benedikt Lux, Innenexperte der Grünen, mahnt, nicht zu übertreiben: „Es ist das gute Recht von DHL, seine Mitarbeiter zu schützen. Ich gehe davon aus, dass das Unternehmen die Lage fortlaufend überprüft.“ Tom Schreiber, Innenexperte der SPD, sagt: „Ich würde gern wissen, ob DHL jeden Betrug zur Anzeige bringt und wie eng das Unternehmen überhaupt mit der Polizei zusammenarbeitet.“ „Dieser unglaubliche Zustand ist auch das Resultat einer jahrelangen Politik des Wegschauens durch die Beteiligten; solche Problemgebiete entwickeln sich nicht von heute auf morgen“, sagt dagegen Marcel Luthe, der demnächst für die FDP ins Abgeordnetenhaus einzieht.

Nicht alle sehen es so düster

„Es gibt Brennpunktbereiche, in denen die Politik versagt hat“, meint Bodo Pfalzgraf von der Deutschen Polizeigewerkschaft. „Wir müssen uns um diese Bereiche kümmern. Das kann die Polizei nicht allein läsen, es müssen alle gesellschaftlichen Akteure an den Tisch.“

Ganz so düster sehen das nicht alle. Cornelia Kremer leitet das Quartiersmanagement im Soldiner Kiez. „Der Kiez ist keine No-Go-Area“, sagt sie. „Wir haben oft Abendveranstaltungen und dann kann man hier ohne Angst abends zur U-Bahn gehen.“ Kriminalität sei nicht das Problem. „Reichen die Kitas? Reichen die Grundschulplätze? Das sind Fragen, mit denen wir uns beschäftigen.“

„Für eine Millionen Euro würde ich hier nicht wegziehen“, sagt eine Spätkaufbetreiberin, die seit 20 Jahren im Soldiner Kiez wohnt. „Er wird zu oft schlecht geredet. Die Menschen geben aufeinander Acht. Die Nachbarschaft ist gut.“ Pakete nehme sie allerdings nur an, wenn sie die Personen kenne.