Berlin - Die Täter wollten perfekt sein, doch sie machten Fehler. Der verwendete Leim auf der Rückseite der angeblich hundert Jahre alten Gemälde war ein moderner Sekundenkleber. Die Bilderrahmen, die Gemälde verschiedener Maler und Epochen einfassten, stammten aus dem Holz ein und desselben Baumes. Und auf den angeblich historischen Fotos aus Wohnzimmern mit eben diesen Gemälden an der Wand, passten manche Gegenstände im Raum nicht in die damalige Zeit.

Eine Vielzahl „stilistischer Fehler“ bescheinigt der Berliner Kriminalhauptkommissar René Allonge der Kunstfälscherbande um Helene und Wolfgang Beltracchi. Noch immer dauern die Ermittlungen an, obwohl im vergangenen Jahr ein Kölner Gericht das Fälscherpaar wegen bandenmäßigen Betrugs zu Haftstrafen von vier und sechs Jahren verurteilte.

Das Gericht wies den Angeklagten nach, 14 Bilder bekannter Vertreter der klassischen Moderne gefälscht zu haben und mit ihrem Verkauf 16 Millionen Euro verdient zu haben. Ihr Fall gilt als spektakulärste Kunstfälschung in Deutschland. Der fast perfekte Schwindel irritiert Kunstsammler bis heute, hatten doch namhafte Sachverständige mehrfach die Echtheit der Bilder bescheinigt.

Hinweise aus der Kunstszene

Der erfolgreiche Nachweis der Betrügereien ist vor allem der Arbeit der Berliner Sonderermittler des Landeskriminalamtes um René Allonge zu verdanken. Der 38-jährige Polizeibeamte leitet die Spezialabteilung Kunstdelikte. Am Freitag redete Allonge im Bode-Museum vor Teilnehmern des 13. Kunstsachverständigentages. Zum ersten Mal erfuhr die Öffentlichkeit dort Details der Ermittlungen. „Es sind weitere Beltracchi-Fälschungen auf dem Markt“, sagte Allonge. Doch mancher geprellte Kunstsammler will sich selbst nach Auffliegen des Fälscherduos nicht von seinem teuer bezahlten Gemälde trennen.

Die Ermittlungen in Berlin begannen im Januar 2010, nachdem die Polizei Hinweise aus der Kunstszene erhalten hatte. Im Juni 2010 stellte eine Berliner Anwältin Strafanzeige gegen das Fälscherpaar sowie zwei weitere Personen. Erst nach und nach erkannten die Ermittler die Dimension des jahrzehntelang unentdeckten Kunsthandels mit unechten Gemälden. Die Meisterwerke, so lautete die Legende, stammten aus Kunstsammlungen, unter anderem aus einer erdachten „Sammlung Werner Jägers“.

Den Unternehmer aus Köln, Großvater von Helene Beltracchi, gab es tatsächlich, er war aber kein Kunstsammler. Die gelernte Kauffrau Helene Beltracchi war als Antiquitätenhändlerin aktiv. Ihr Mann Wolfgang Beltracchi, ein Hobbymaler, galt als Hippie, er organisierte Partys und liebte den Luxus.

Rund 35 Millionen Euro Schaden

Das Paar und seine Helfer suchten für die Fälschungen nach Gemälden, die als verschollen galten und von denen es keine Fotos mehr gab. Auf die Rückseite der gemalten Bilder klebten sie vergilbte Nachweise, welche die Herkunft des Bildes glaubhaft dokumentieren sollten. Über Galerien, Auktionshäuser und Händler gelangten die angeblichen Werke etwa von Max Ernst, Max Pechstein und Heinrich Campendonk auf den Kunstmarkt. Kriminalhauptkommissar Allonge sagt: „Das klang alles so unglaublich, dass wir das gar nicht glauben wollten.“

Die Polizeibeamten entdeckten ein Nummernkonto in Andorra, sie beschlagnahmten ein Luxusgrundstück in Freiburg. Mit hohem technischen Aufwand untersuchten die Ermittler jedes Bild. Sie durchleuchteten die Farbschichten, gaben die Bilder ins Röntgenlabor, analysierten Leinwände, Farbpigmente und Etiketten. Bisher haben die Berliner Polizeibeamten 53 Fälschungen aus Beltracchis Werkstatt gefunden. Der aus dem Verkauf entstandene Schaden soll 35 Millionen Euro betragen.

Die Ermittler machen jetzt weitere Besitzer von Beltracchis Werken ausfindig, damit diese juristisch gegen die Betrüger vorgehen können. Und die Ermittler suchen weitere Fälschungen, denn, so Schätzungen, auf dem Kunstmarkt könnte es noch bis zu 200 weitere „Beltracchis“ geben. Ob die Kunstfälscher für weitere Betrügereien verurteilt werden könnten, ist nicht geklärt. „Die Justiz kann eine neue Anklage erheben“, sagt Allonge. Doch das Gesetz nennt auch klare Grenzen. Die Verjährungsfrist beträgt zehn Jahre.