Die Email-Adresse ist so ungewöhnlich wie das Projekt, zu dem sie gehört. Erstmals haben 35 Strafgefangene im Männergefängnis Heidering ein Tablet mit begrenztem Internetzugang erhalten. Sie können mit dem handelsüblichen Gerät, das etwa 360 Euro kostet, Fremdsprachen lernen, einen Führerscheintest machen, sich im Intranet über den Haftalltag informieren, Fragen aus dem Quiz „Wer wird Millionär?“ beantworten und Emails schreiben.

Resozialisierung durch Digitalisierung – so heißt das bundesweit einmalige Pilotprojekt. Resodigi.de lautet die Endung der Email-Adresse, mit der die 35 Gefangenen nun auf offiziellem Wege elektronische Post aus ihren Zellen schicken können. So etwas gab es noch nie.

Humaner Strafvollzug

Berlins Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne) hat sich um dieses Pilotprojekt schon einige Jahre vor seiner Amtszeit als zuständiger Senator gekümmert. Nun verkündet er den erfolgreichen Start des pädagogischen Forschungsprojektes im Männergefängnis Heidering. Behrendt plädiert für einen zeitgemäßen und humanen Strafvollzug ein. „Wir wollen das Leben im Gefängnis dem Leben in Freiheit angleichen.“ Es gehe darum, die Alltagskompetenzen der Gefangenen zu stärken. „Da gehört das Internet heutzutage einfach mal mit dazu.“

Behrendt möchte bis zu Ende der Legislaturperiode im September 2021 jedem der 4 024 Inhaftierten im Berliner Strafvollzug ein kostenloses Tablet zur Verfügung stellen. Das gehöre zur Resozialisierung dazu, sagt er. Ob es tatsächlich dazu kommt, hängt vor allem von den Ergebnissen der drei Monate dauernden Testphase im Gefängnis am Heidering ab.

Seit drei Jahren arbeitet ein Forscherteam des Fraunhofer-Instituts für Offene Kommunikationssysteme mit der Justizverwaltung und der Gefängnisleitung an diesem Projekt. Seit 2016 fördert es der Berliner Senat mit insgesamt über 1,3 Millionen Euro. Allein im Doppelhaushalt 2018/2019 sind jährlich 450.000 Euro eingeplant. Die wichtigste Aufgabe in der Vorbereitungsphase bestand darin, die Tablets den hohen Sicherheitsbestimmungen im Strafvollzug anzupassen.

Gefängnispersonal darf die Geräte nicht kontrollieren

So dürfen die Gefangenen nur etwa 20 ausgewählte Internetseiten benutzen, etwa Wikipedia, die Seiten der Bundeszentrale für politische Bildung sowie die Mediathek des Westdeutschen Rundfunks (WDR), das sich mit dem mehrsprachigen Programm „WDR for you“ vor allem an Geflüchtete richtet.

Die Tablets wurden zudem präpariert. Kamera und USB-Anschlüsse sind gesperrt, Emails sind nur als Textnachrichten möglich. Anhänge, etwa Fotos, können nicht verschickt werden. Auch Mails an andere Gefangenen sind verboten. Auf den Geräten ist ein Schreibprogramm installiert. Darin können die Gefangenen etwa Bewerbungen und Lebensläufe schreiben und abspeichern. Auch interne Haftmails sind möglich, so dass das übliche Ausfüllen von Anträgen auf Papier künftig entfällt. 

Das Gefängnispersonal darf die Geräte nicht kontrollieren, versichert Christian Reschke, Leiter der Teilanstalt 1. Dort können sich neben den 35 Besitzern eines Tablets auch die anderen 72 Inhaftierten an dem Projekt beteiligen. Auf den Gängen stehen Bildschirme, auch Kioske genannt, mit den gleichen Programmen, die es auch auf den Tablets gibt. So können sich Gefangene auch dort für Sportkurse anmelden oder Nachrichten an die Knastleitung schreiben. All diese Angebote sollen die Eigenständigkeit der Gefangenen stärken, sagt Christrian Reschke.

Körperverletzung, Erpressung und Betrug

Die Justizvollzugsanstalt Heidering liegt etwa 12 Kilometer außerhalb von Berlin in der Gemeinde Großbeeren, sie gehört als frühere Stadtgutfläche zum Land Berlin. In dem 2013 eröffneten Neubau sind Männer mit Gefängnisstrafen von bis zu drei Jahren inhaftiert, etwa wegen Diebstahl, Körperverletzung, Erpressung und Betrug.

Manche Gefangenen haben sich mit Betrügereien im Internet strafbar gemacht. Anstaltsleiter Christian Reschke sagt, sollten „ausgebuffte Gefangene“ jetzt noch Sicherheitslücken auf den Tablets entdecken, werde man dafür dankbar sein. Bestraft würden sie dafür jedenfalls nicht.