Drei Tage braucht der Hacker Felix Lindner, dann hat er sein Ziel erreicht. Er könnte jetzt einfach die Stromversorgung abschalten. Oder die Wasserversorgung kappen. In Ettlingen in Schwarzwald wäre es dann dunkel. Wie lange ließe sich eine Panik vermeiden? Es kommt nicht dazu. Der sogenannte Hack ist mit dem Stromversorger abgesprochen, dieser wollte wissen, wie sicher die eigenen Systeme sind.

„Netwars“ heißt die Dokumentation, die erstmals einen solchen Hack, einen digitalen Angriff auf das öffentliche Leben, zeigt. Sie ist Teil eines crossmedialen Projekts, das mit Mythen aufräumen will und gleichzeitig vor allem eine Warnung ist: Unsere Versorgungssysteme sind bedroht.

Der Film hatte Konsequenzen: Für die Stadtwerke, vor allem aber für die Software-Firma, die Energiebetrieben dieser Art die Steuerungsprogramme liefert. „Jetzt kann keiner mehr sagen, wir haben es nicht gewusst“, sagt Michael Grotenhoff, der Produzent von „Netwars“. Er recherchiert seit Jahren für das Fernsehen zum Thema Internet und Cyberkriminalität. Vor sieben Jahren gründete er mit Saskia Kress die Berliner Dependance der Hamburger Produktionsfirma Filmtank. Die Grundidee war die Suche nach neuen Fernsehformaten.

Möglichst emotional

„Netwars“ ist bisher das größte Projekt der kleinen Produktionsfirma. Bisher gibt es neben der Fernsehdokumentation eine Webdoku zum Thema. Am Donnerstag erscheinen die nächsten Elemente der crossmedialen Geschichte: eine dreiteilige Graphic Novel-App namens „The Butterfly Attack“ sowie ein E-Book und ein dazugehöriges Audiobook mit dem Titel „The Code“.

Seit drei Jahren arbeitet das Team um Michael Grotenhoff an dem Projekt. Man hat es bewusst genutzt, um neue Erzählformen auszuprobieren. „Das so viel daraus wird, hätten wir am Anfang auch nicht gedacht. Wir haben viel experimentieren können, haben natürlich auch mal Fehler gemacht und daraus gelernt.“ Die unterschiedlichen Formate erzählen unterschiedliche Geschichten. Bis auf die Fernsehdokumentation enthalten sie alle fiktive Elemente. „Es war uns wichtig, die Geschichten möglichst emotional zu vermitteln.“

Bei aller Freiheit in der Darstellungsform hat man stets darauf geachtet, nicht in Spekulationen zu verfallen. „Wir haben uns immer wieder vom Institut für Computersicherheit der FU Berlin beraten lassen.“ Dabei sei es nicht nur darum gegangen, die technische Machbarkeit des Gezeigten zu verifizieren, sondern auch die politische Ebene realistisch zu halten. Die seriöse Herangehensweise erinnert an den Thriller „Blackout“ von Marc Elsberg, der vergangenes Jahr mehrere Wochen auf der Spiegel-Bestsellerliste stand und für seine gut recherchierte Geschichte gelobt wurde.

Während die Fernsehdokumentation sowie die Graphic-Novel-App und das E-Book eine eher globale Perspektive einnehmen, greift die Webdoku das Thema auf einer persönlichen Ebene auf. Man sieht einen jungen Mann im Anzug, gespielt von Nikolai Kinski. Man kennt seinen Namen nicht. Aber er sagt: „Ich bin dein Freund.“ Wirklich vertrauenswürdig wirkt er nicht. Ein teuflisches Lächeln. Seine Nasenflügel weiten sich vor Erregung, wenn er über den Krieg spricht. Und doch: „Glaub mir, wir werden Freunde sein.“ Und so führt er einem vor, welche Gefahren dem einfachen Internet-Nutzer drohen. Sei es dadurch, dass er dem Zuschauer vorführt, welche Informationen über ihn allein dadurch verfügbar sind, weil er gerade auf irgendeiner x-beliebigen Website surft. Oder durch simulierte Drive-By-Downloads, also dem unbeabsichtigten Herunterladen von Software, die im Ernstfall unerkannt Schadsoftware installieren würden.

„Netwars“ will nicht pädagogisch Verhaltensweisen für das Internet lehren. Es soll vielmehr auf die Gefahren aufmerksam machen, dazu animieren, sich bewusster im Netz zu bewegen. Auch wenn es anstrengend ist, weil man sich mit vielen Dingen auseinandersetzen muss, wo man doch eigentlich nur seine E-Mails checken oder einen Film sehen will.

„Es ist wie im Straßenverkehr“, sagt Grotenhoff. „Da weiß ich auch, wann ich anhalten muss. Dass ich rechts vor links beachten muss. Es muss ja nicht überreglementiert werden. Aber gewisse Verhaltensweisen muss man sich angewöhnen, um da einigermaßen sicher durchzukommen. Und das muss man immer wieder anpassen.“

Auf der gesellschaftlichen Ebene hingegen sieht Grotenhoff Bedarf für eine politische Debatte. Die Fernsehdokumentation macht deutlich, wie weit einige Staaten schon in der Abwehr von Cyberangriffen sind. Israel etwa hat eine Armee-Einheit, die sich nur dem digitalen Krieg widmet. In vielen westeuropäischen Staaten, die nicht wie Israel ständig in Konflikte involviert sind, herrscht ein trügerisches Sicherheitsgefühl. Erst jetzt fängt man an, über die Gefahren von digitalen Angriffen nachzudenken. Vernetzung wird immer noch zelebriert. Sie macht das Leben vordergründig einfacher. Das ist ein Trugschluss. „Wie wollen wir leben? Wenn wir weiter mit diesen Vernetzungsstrategien leben, machen wir uns verwundbar. Wollen wir weiter so mit dieser Gefahr umgehen oder wollen wir ein paar Dinge, die kritisch sind, abkoppeln?“, fragt sich Michael Grotenhoff.