Berlin - Auf den Sätteln sitzen Lola* und Georg aus Wien, Timmie und Marc aus Münster, deren Eltern, Christine und Jürgen aus Würzburg. Zusammen mit Horst aus dem Wedding warten sie auf Fiete und Renate aus Osnabrück, die sich noch ein passendes Gefährt aus dem Schuppen holen.

Als sie endlich eintrudeln, kriegt zunächst der groß gewachsene Georg eine Warnweste umgelegt. Er soll auf der gesamten Tour das stets gut sichtbare Schlusslicht der Gruppe bilden. Dann erfolgt das Signal zur Abfahrt. Neun Erwachsene und zwei Kinder holpern auf Fahrrädern vom Hof 4 der Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg.

Fast vier Stunden lang werden sie durch Berlin fahren, immer hinter Stefan Danziger her, der auch eine leuchtende Weste trägt wie Georg. Timmie und Marc tragen Helme, die Erwachsenen nicht. Man ist per Du.

Stefan Danziger wird seine Gäste zur Mauergedenkstätte an der Bernauer Straße führen, zu den Heckmannhöfen in Mitte, die Oranienburger, Friedrich- und Reinhardtstraße entlang über die Kronprinzenbrücke ins Regierungsviertel und zum Holocaust-Mahnmal, wo sie einen Imbiss nehmen. Danach geht es die Französische Straße hinunter zum Gendarmenmarkt, zum Bebelplatz, auf die Museumsinsel mit Blick auf die Schloss-Baustelle und zurück zur Kulturbrauerei.

Einmal an Fußgängern vorbei

Immer im gemächlichem Tempo, durch möglichst kleine, wenig befahrene Straßen. Stets auf der Fahrbahn oder auf eigens vorgesehenen Streifen, nie auf dem Gehweg. Nur als die Gruppe einmal die Strecke vom Reichstag zum Brandenburger Tor durch den Tiergarten abkürzt, muss sie Slalom um die Passanten fahren. Sie verzichtet sogar auf den Pariser Platz, wo sonntags selbst Fußgänger kaum aneinander vorbei kommen.

Zwischendrin, an besonders markanten Punkten, wird Danziger während der Tour „Berlin im Überblick“ immer wieder absitzen lassen, erzählen und erklären. Anekdoten und Fakten. Sprüche und Scherze. Wahres und Wahrscheinliches. Unglaubliches und Bekanntes. Man hört ihm an, dass er Preußen-Kenner ist und sich auch sehr gut auskennt in der jüdischen Geschichte der Stadt. Er ist ein Berlin-Fan, aber einer mit Selbstironie. Einer seiner Lieblingssätze ist: „Wir können alles, aber nix richtig.“ Mit „wir“ meint Danziger alle Berliner. Der Anfang 40-er ist Archäologe, Historiker, Russisch-Dolmetscher und vor allem Gästeführer zu Rad.

Unterwegs durch die Berliner Innenstadt begegnen Georg und Co. immer wieder andere Gruppen, die dieselben Anziehungspunkte in der Stadt abradeln. Das Fahrrad wird als Verkehrsmittel immer wichtiger in Berlin. Rund 15 Prozent aller Strecken, so sagen Verkehrsexperten, werden mit Pedalkraft absolviert. Tendenz steigend. Das fällt zusammen mit der wachsenden Zahl von Berlin-Besuchern. Die Hoteliers rechnen dieses Jahr mit mehr als 25 Millionen Übernachtungen.

Sicherheit ist wichtig

Es ist gerade so, als wolle alle Welt Berlin kennen lernen. Natürlich blüht da auch das Geschäft mit den professionellen Helfern, den Stadterklärern. Manchmal wuchert es sogar. Neben den vielen seriösen Erkundungen zu Fuß, per Bus, Boot oder eben auch Rad, haben sich auch obskure Blüten herausgebildet. Etwa die Trabi-Touren mit stinkenden Fossilien einer Steinzeit-Automobil-Kultur, die zum Glück vom Fortschritt überrollt worden ist. Oder die berüchtigten Pub Crawls, bei denen Touristen in Mitte von Bar zu Bar taumeln, von den vergleichsweise günstigen Alkoholpreisen benebelt. Auch Sightjogging ist im Angebot, eine gehetzte Stadttour, bei der eine 9,8 Kilometer lange Mauer-Tour in 90 Minuten absolviert wird.

Mit all diesen Auswüchsen hat die Agentur, für die Stefan Danziger Gäste durch Berlin führt, nichts zu tun. Berlin on Bike ist mit seinen 60 Guides und 500 Leihrädern einer der größten Anbieter der Stadt. Bei Berlin on Bike (Slogan: „Berlin erfahren“) gibt es ein paar Regeln. Die Guides müssen sich in erster Linie gut in der Stadt auskennen und sollen sich regelmäßig fortbilden. Zertifikate vom Verband Berliner Stadtführer werden jedoch nicht verlangt. Fahrrad-Freak zu sein ist auch keine Einstellungsvoraussetzung. Die Gruppen sollen nicht mehr als 14 Teilnehmer haben. Es gibt feste Tarife (14 Euro für die Tour mit dem eigenen Rad, für ein Leihrad kommen noch einmal 5 Euro drauf).

Sicherheit steht weit oben. So sind alle radelnden Stadtführer dazu angehalten, langsam zu fahren und nur zugelassene Wege zu benutzen. „Auf Fußwegen haben wir nichts verloren“, sagt Guide Stefan Danziger. „So wie wir von anderen Verkehrsteilnehmern Respekt für uns und unsere Wege einfordern, müssen wir es auch bei anderen tun.“

Klingt so einfach, fällt dennoch vielen in der Stadt so schwer. So werden Berlins Fußgänger Danzigers Worte mit Freude hören. Schließlich hat es sich in Zeiten des Fahrrad-Booms zu einer unguten Sitte entwickelt, kreuz und quer über die Bürgersteige zu flitzen. Das sind nicht selten sogar Gruppen junger Besucher mit Leihfahrrädern von Berlin on Bike oder ähnliche Agenturen – freilich ohne Guide unterwegs. Sie tragen durch ihr rüdes Verhalten, und sei es ohne es zu ahnen, nicht gerade zur Akzeptanz von Radfahrern in der Stadt bei.

„Hat Spaß gemacht“

Die Gruppe von Stefan Danziger hat sich an alle Regeln gehalten. Aber hat ihnen die Radtour am Ende auch gefallen? Nun, Timmie hat ein bisschen genörgelt. Kein Wunder, er musste ja auch selber treten, bergauf – zum Glück ging’s auch mal bergab –, über Kopfsteinpflaster und über Straßenbahnschienen. Sein kleiner Bruder Marc hingegen hat’s im Kindersitz bei Mama hinten drauf bequem gehabt. Als alle wieder am Startpunkt in der Kulturbrauerei angelangt sind, strahlt er. Die Erwachsenen genauso. Gelernt hätten sie eine Menge über die Stadt und sich dabei auch noch bewegt. „Hat Spaß gemacht“, sagen die Münsteraner. Und selbst Lola aus Wien, die anfangs noch wenig mit den lockeren Sprüchen des Guides anfangen konnte, war am Ende angetan. „Ich habe sowas zum ersten Mal gemacht, vielleicht ja ab jetzt häufiger, wenn ich in anderen Städten bin.“