Berlin - Ins Restaurant Milchhäuschen am Weißen See ist das Leben zurückgekehrt. 180 Außenplätze gibt es, dazu knapp 100 im Innenbereich. Inhaber Sebastian Wachenbrönner ist im Stress. „Mittagsgeschäft“, sagt er kurz, während er sich um Bestellungen kümmert. Seit drei Wochen darf der Wirt auf der Terrasse wieder Gäste bewirten. Es sei ganz gut angelaufen, sagt er und auch dass er sich gut auf den Neustart vorbereitet hätte. Seiner siebenköpfigen Stammbelegschaft hatte er das Kurzarbeitergeld aus eigener Tasche auf 100 Prozent aufgestockt. „Sonst wären sie vielleicht nicht mehr da“, sagt  Wachenbrönner.

Ohne Trinkgeld und zu wenig Kurzarbeitergeld

Heute ist der Wirt vom Weißen See froh, sich seinerzeit genau so entschieden zu haben. Denn tatsächlich ist der Berliner Gastronomie und Hotellerie über die Corona-Krise das Personal ausgegangen. Nicht nur, dass die Hauptstadt-Gastronomen und -Hoteliers im vergangenen Jahr 10.000 sozialversicherungspflichtige Stellen gestrichen und etwa 5600 Mini-Jobber ohne Anspruch auf Arbeitslosen- oder Kurzarbeitergeld vor die Tür gesetzt haben. Es kehrten vor allem viele Beschäftigte dem Gastgewerbe freiwillig den Rücken, weil das knappe Kurzarbeitergeld nicht zum Leben reichte und natürlich auch das Trinkgeld als feste Einkommensgröße fehlte. So suchten sie nach Alternativen in anderen Branchen, aus denen die wenigsten für den Restart des Gastgewerbes in Küche oder ans Tablett zurückkehren wollen.

Wie viele das insgesamt sind, vermag man beim hiesigen Hotel- und Gaststättenverband nicht genau zu beziffern. „Aber es sind sehr viele“, sagt Verbandchef Thomas Lengfelder und ist besorgt. Vor allem, weil Fachkräfte weglaufen, an denen es schon vor der Pandemie mangelte. „Sie sind gut ausgebildet, sprechen oft mehrere Sprachen, sind in vielen Branchen gefragt.“ Laut Langfelder sei derzeit vor allem in Biergärten die Situation akut. Dennoch sieht Berlins oberster Gastwirt-Vertreter die großen Probleme noch kommen, wenn der Tourismus erst wieder anzieht.

Sebastian Riesner, Berlin-Chef der Gastro-Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG), wird da konkreter: „Unter dem Strich haben die Berliner Gastronomie und Hotellerie bestimmt mindestens ein Viertel, vielleicht sogar ein Drittel ihres Personals verloren“, sagt Riesner. Nach seiner Erfahrung würden derzeit viele Gastwirte versuchen, ihre Leute zurückzuholen, blieben aber meist ohne Erfolg.

Zahl der Stellenausschreibungen um 47 Prozent gestiegen

Dass die Branche längst nicht mehr in der Lage ist, ihren Personalbedarf mit der aus der Kurzarbeit reaktivierten Belegschaft zu decken, ist auch an den Stellengesuchen auf Jobportalen ablesbar. Bei Stepstone etwa lag die Zahl der neu ausgeschriebenen Stellen in der Hotellerie und Gastronomie im ersten Quartal dieses Jahres für Berlin um 47 Prozent über der des letzten Quartals 2020. „Wir sehen ganz deutlich, dass Gastronominnen und Gastronomen händeringend nach Personal suchen“, sagt  Stepstone-Arbeitsmarktexperte Tobias Zimmermann. Gerade in Berlin entwickle der Arbeitsmarkt eine hohe Dynamik, die durchaus noch weiter zunehmen könne, so Zimmermann.

Bei Zenjob, einem vor allem auf die Vermittlung von Studentenjobs spezialisierten Berliner Start-up, ist die Nachfrage noch gering. Aktuell liege sie aus der Gastronomie im Vergleich zum Juni 2019 bei gerade einmal 26 Prozent. Doch Fritz Trott, Chef und Gründer von Zenjob erwartet mit weiteren Lockerungen wie der uneingeschränkten Öffnung der Innengastronomie schon bald einen rasanten Anstieg. „Ich gehe davon aus, dass der Bedarf sogar höher sein wird als vor der Krise“, sagt er. „Denn viele Fachkräfte aus dem gastronomischen Bereich haben sich im letzten Jahr umorientiert.“

Das spürt Sebastian Wachenbrönner vom Weißen See derzeit ganz konkret. Er sucht seit Tagen zwei Saisonkräfte als Bedienung, die er gern sogar in die Stammbesatzung aufnehmen würde, und hat auch was zu bieten. Der Wirt verspricht übertarifliche Bezahlung, eine herzliche Arbeitsatmosphäre und geregelte Arbeitswochen samt festem Ruhetag. Bislang habe sich jedoch niemand auf die Annoncen gemeldet, sagt der Milchhäuschen-Chef. „Der Markt ist wie leer gefegt.“