Alte Mitte Berlins: Schinkels Bauakademie originalgetreu rekonstruieren!

Eine Allianz von Berliner Bürgervereinen wendet sich gegen Grünen-Versuche, ausgerechnet an historischer Stelle experimentelle Utopien zu errichten.

Das Gebäude der Schinkelschen Bauakademie soll wieder errichtet werden. Eine Ecke wurde zur Veranschaulichung der historischen Fassade aufgemauert.
Das Gebäude der Schinkelschen Bauakademie soll wieder errichtet werden. Eine Ecke wurde zur Veranschaulichung der historischen Fassade aufgemauert.Berliner Zeitung/Gerd Engelsmann

Der Wiederaufbau von Schinkels Bauakademie nach dem berühmten historischen Vorbild mit regionaltypischer roter Ziegelfassade hängt wieder am seidenen Faden. Die in Berlin mitregierenden Grünen haben sich jetzt in einem Antrag an den rot-grün-roten Senat „gegen eine bloße Rekonstruktion des alten Ziegelbaus“ ausgesprochen. Damit stellen sie sich gegen die Absicht von Berlins Senatsbaudirektorin Petra Kahlfeldt, die Bauakademie in schinkelscher Manier wieder zu errichten.

2016 hatte der Bundestag 62 Millionen Euro für den Bau nach dem Grundsatz „so viel Schinkel wie möglich“ freigegeben. Die 1836 eröffnete Schinkelsche Bauakademie galt in ihrer Modernität als richtungsweisend.

Eine vom Meinungsforschungsinstitut Forsa durchgeführte bundesweite Umfrage ergab im Sommer 2022, dass eine klare Mehrheit, 67 Prozent der Befragten, eine Fassade nach historischem Vorbild bevorzugt. 19 Prozent hätten demnach lieber eine moderne Fassade, 14 Prozent äußerten keine eindeutige Meinung. 2023 soll der Wettbewerb für den Bau starten, der auf vier Etagen ein Ausstellungs- und Forschungszentrum zum Thema Architektur und Städtebau beherbergen soll.

Bauakademiegebäude am Werderschen Markt in Bau um 1835, unbekannter Maler.
Bauakademiegebäude am Werderschen Markt in Bau um 1835, unbekannter Maler.Bürgerallianz/Unbekannter Maler

Die Grünen fordern, dass ausgerechnet der historische Bau nach Maßstäben des 21. Jahrhunderts als „herausragendes Beispiel für Kreislaufwirtschaft, Verwendung nachwachsender Baustoffe, geringen Energieverbrauch in Erstellung und Betrieb sowie Nutzung erneuerbarer Energie“ dienen soll.

Ähnlich äußerte sich dieser Tage Guido Spars, Gründungsdirektor der Bundesstiftung Bauakademie: Der Neubau solle „ein herausragendes Beispiel für Innovationskraft“ werden, das für die Zukunft des Bauens stehe. Es gehe um ökologische, ökonomische und soziale Nachhaltigkeit und einen „respektvollen Umgang“ mit der Geschichte des Ortes.

Eine Allianz von sieben Bürgervereinen wendet sich jetzt mit einer Erklärung gegen die zu befürchtende architektonische Beliebigkeit: „Nur die sorgfältige Rekonstruktion der historischen Fassaden des Schinkelschen Bauakademiegebäudes wird zu einem dauerhaft zufriedenstellenden Ergebnis führen“, heißt es in der gemeinsamen Erklärung. Der originalgetreue Wiederaufbau des bedeutenden Bauwerks sei die vernünftigste und nachhaltigste Lösung und müsse Leitlinie beim geplanten Realisierungswettbewerb werden.

Original: klimagerecht, regional, nachhaltig

Die Bürgervereine weisen darauf hin, dass die Grundmauern des historischen Gebäudes nach den Ausgrabungsbefunden noch vorhanden seien und sich zahlreiche originale Bauteile, sogenannte Spolien, bei einer Rekonstruktion wiederverwenden ließen. So wie in Karl Friedrich Schinkels (1781–1841) Zeiten könnten Ziegelsteine und Terrakotten in der Region gefertigt werden und seien haltbar über Jahrhunderte: „Eine rekonstruierte Bauakademie ließe sich als langfristig klimagerechtes, CO₂-neutrales Gebäude mit einer Vollziegelfassade realisieren.“

Schinkel hatte nach den Freiheitskriegen in den 1830er-Jahren, aus der Not geboren, ein Bauwerk errichtet, das nur aus brandenburgischen Ziegeln, Holzbalken und Kalk bestand. Die Bürgervereine erinnern daran, dass Schinkel für das Projekt die Ziegelherstellung bezüglich Rezeptur, Brenntemperatur und verwendeter Werkzeuge weiterentwickelt habe und so ein Bauwerk schuf „mit einer beeindruckenden Farbwirkung und Bestandsqualität“.

Nach dem Krieg begann die DDR den Wiederaufbau, 1953 gab es sogar ein zweites Richtfest. 1962 kam dann doch der Abriss.
Nach dem Krieg begann die DDR den Wiederaufbau, 1953 gab es sogar ein zweites Richtfest. 1962 kam dann doch der Abriss.privat

Zudem gehöre das hochgeschätzte und wegweisende 1962 abgerissene Meisterwerk des bedeutenden Architekten mit seiner „zugleich schlichten und künstlerisch hochwertigen Fassade unverzichtbar zum architektonischen Gesamtbild der historischen Berliner Mitte mit Museumsinsel, Schloss und der Straße Unter den Linden“. Zugleich würde es das in Sichtweite befindliche Ensemble schinkelscher Bauwerke aus Bauakademie, Altem Museum und Friedrichswerderscher Kirche wieder komplettieren.

Utopien: können anderswo realisiert werden

Die Allianz von Berliner Historische Mitte e. V., Errichtungsstiftung Bauakademie, Förderverein Bauakademie, Forum Stadtbild e. V., Gesellschaft Historisches Berlin e. V., Planungsgruppe Stadtkern im Bürgerforum Berlin e. V. und Stadtbild Deutschland e. V. Ortsverband Berlin erinnert zudem daran, dass Oberlandesbaumeister Schinkel auch das Innere der Bauakademie mit rekonstruktionswürdigen Innovationen gestaltete: „Revolutionär war die Kompensation statischer Kräfte durch eingemauerte Stahlanker, die zu für die damalige Zeit filigranen tragenden Wänden führten.“ Auch das von Schinkel entworfene Stützenraster habe eine variable und bis dahin ungekannt große Nutzfläche ermöglicht.

Der Rote Saal befindet sich auf dem Gelände der historischen Bauakademie. Er ist ein Musterraum für die Bauweise Schinkels. 
Der Rote Saal befindet sich auf dem Gelände der historischen Bauakademie. Er ist ein Musterraum für die Bauweise Schinkels. dpa/Annette Riedl

Architektonische Utopien, wie sie durch den Thinktank der Bundesstiftung Bauakademie vorgeschlagen wurden, können nach Ansicht der Bürgervereine auch an anderen Orten realisiert werden: „Auf die Grundmauern der Bauakademie gehört allein das wiedergewonnene Original. Dies entspricht auch nachweislich den Erwartungen einer deutlichen Bevölkerungsmehrheit.“ Darüber dürfe an sich nicht hinwegsetzen und „eine mit Erwartungen überfrachtete, beliebige Gestaltung zulassen“.

Zum Abschluss der Erklärung unterstützen die Bürgervereine ausdrücklich „die vom Berliner Senat intendierte Vorgabe einer originalgetreuen Rekonstruktion der Bauakademiefassaden bei dem anstehenden Architekturwettbewerb“.