Wer sich davor fürchtet, im hohen Alter unter Vergesslichkeit zu leiden, der sollte sich mit dem Filmproduzenten Artur Brauner auf einen Kaffee treffen. Der Mann ist 97 Jahre alt und sprudelt vor Erinnerungen. Zu erleben war das am Montagabend in der Bibliothek der W. Michael Blumenthal Akademie, die zum Jüdischen Museum gehört. Brauner war mit seiner Familie gekommen, um dem Museum 21 seiner wichtigsten Filme zu schenken. Seine Ehefrau Maria fasste zusammen, was wohl auch andere Brauners bei diesem Anlass empfanden: „Das ist alles so aufregend!“

Bei den 21 Filmen, die Brauner dem Museum übergab, handelt es sich um jene, die ihm selbst die liebsten sind, weil er sie nicht mit dem Ziel eines Kassenerfolges gedreht hat. Im Gegenteil. Brauner erinnert sich, dass er damals oft sagte: „Es ist egal, was wir verlieren, diesen Film müssen wir machen!“ Diese Produktionen sollen seine Beiträge gegen das Vergessen des Holocausts sein. Sein erster Film aus dieser Reihe entstand schon 1947/48 und brachte ihm einen Haufen Schulden ein, weil das deutsche Publikum – wie der Produzent einschätzte – noch nicht so weit war. Brauner fasste es so zusammen: „Die alten Nazis hatten damals noch zu viel zu sagen.“ Er entschied, zunächst keine Filme mehr zu den historischen Themen, die ihm so wichtig sind, zu produzieren, bis das deutsche Publikum dafür bereit sein würde. Mitte der 50er-Jahre sah er die Zeit gekommen. Er drehte „Der 20. Juli“, „Liebling der Götter“ und „Eichmann und das Dritte Reich“ – alles Filme, die seit Montag in der Bibliothek des Jüdischen Museums öffentlich zugänglich sind.

Zwischendurch entstanden Unterhaltungsfilme nach Buchvorlagen des großen Schwindlers aus Radebeul in Sachsen, was Brauner heute so zusammenfasst: „Karl May hat mich von meinen Schulden gerettet!“ Als die Verbindlichkeiten aus dem Holocaustfilm „Morituri“ abgetragen waren, entstanden Filme mit Caterina Valente und anderen Stars der damaligen Zeit, die den finanziellen Spielraum für Produktionen wie „Zeugin aus der Hölle“ und „Sie sind frei, Dr. Korczak“ brachten.

Die Übergabe der Filmsammlung wurde mit einem Thementag gefeiert. Zunächst gab es eine Schülervorstellung von „Hitlerjunge Salomon“, jenem Film von 1990, der den Golden Globe als bester fremdsprachiger Film gewann und für einen Oscar nominiert war. Einige der Schüler, die den Film gesehen hatten, überwanden anschließend bei dem von Bibliotheks-Chefin Ulrike Sonnemann sehr einfühlsam geführten Zeitzeugengespräch ihre Scheu und stellten zu dem Gesehenen Fragen an Artur Brauner.

Später lief in der Reihe Montagskino „Die Spaziergängerin von Sans-Souci“, der letzte Film mit Romy Schneider. Brauner erzählte, was sich am Rande der Produktion abspielte. Kurz vor Drehbeginn war der Sohn der Schauspielerin bei einem Unfall ums Leben gekommen. Im Monat nach der Premiere starb die Schauspielerin.

Die Filmsammlung Artur Brauners ist neben dem Jüdischen Museum Berlin auch im Visual Center der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem verfügbar. Die Frage, warum er sich entschieden hat, dem Jüdischen Museum seine Filme zu stiften, beantwortet Artur Brauner so: „Man muss was Gutes tun im Leben.“ Er hat auch nicht vor, damit aufzuhören. Vier weitere Filme sind dem Museum schon versprochen.