Geheime Tunnel, Agentenaustausch: Berlin, die Hauptstadt der Spione

John le Carrés Spionageroman „Der Spion, der aus der Kälte kam“ beginnt an einem dunklen Herbstabend, als Alec Leamas vom britischen Geheimdienst an der Berliner Mauer auf seinen Agenten aus Ost-Berlin wartet. „Vor sich die Straße und zu beiden Seiten die Mauer, ein schmutziges, hässliches Ding aus Betonblöcken und Stacheldraht, beleuchtet von billigem gelben Licht wie die Rückseite eines Konzentrationslagers.

Östlich und westlich der Mauer lag der unaufgebaute Teil Berlins, eine Halbwelt der Zerstörung, auf zwei Dimensionen beschränkt, eine Kriegslandschaft.“ So beschreibt le Carré die Szenerie, in der Leamas schließlich hilflos zusehen muss, wie sein Agent von den ostdeutschen Grenzsoldaten erschossen wird.

Carrés Bestseller von 1963 hat wohl wie kein anderes Buch das Bild Berlins als vermeintliche Spionagehauptstadt im Kalten Krieg geprägt. Leere nächtliche Straßen, hastige Schritte auf nassem Kopfsteinpflaster, Männer in Trenchcoats, ein Briefumschlag, der versteckt wird… Und immer wieder die Mauer. Alle diese Bilder entstehen im Kopf, wenn wie jetzt, nach der Entführung eines vietnamesischen Geschäftsmannes am helllichten Tag im Tiergarten, der Vergleich zum Geheimdienstkrieg im geteilten Berlin bemüht wird.

Hart und brutal

Aber war Berlin wirklich die „Hauptstadt der Spione“, der Hotspot im Kalten Krieg? Ja und nein. In den Nachkriegsjahren bis zum Mauerbau 1961 tobte in der Vier-Mächte-Stadt ganz gewiss ein von beiden Seiten hart und brutal geführter Krieg der Geheimdienste. Es ging um Berlin, das die Sowjetunion gern komplett unter ihre Kontrolle bekommen hätte, während die Westalliierten auf keinen Fall diesen Pfahl im Fleische des Feindeslandes hergeben wollten.

Nach dem Bau der Mauer aber beruhigte sich die Auseinandersetzung, was vor allem an der in den ersten Jahren nahezu undurchlässigen Grenze lag. Berlin war nun keine Spionagehauptstadt mehr wie etwa Wien und London, wo sich die Agenten beider Seiten ungehindert bewegen konnten. Die westlichen Dienste schraubten ihre Operationen im Ostteil der Stadt deutlich zurück. Für die Stasi hingegen blieb West-Berlin ein erstrangiges Operationsgebiet – mit der Option, diesen Teil der Stadt vielleicht doch irgendwann zu besetzen. Entsprechende Pläne wurden im Mielke-Ministerium bis 1989 ständig aktualisiert.

Es ging also um Berlin, von Anfang an. Schon kurz nach Kriegsende hatten deshalb die vier Siegermächte nicht nur Besatzungssoldaten in Berlin stationiert, sondern auch Residenturen ihrer Nachrichtendienste eingerichtet. Als Erste vor Ort waren die sowjetischen Geheimdienste. Der Militärgeheimdienst GRU siedelte sich im Potsdamer „Militärstädtchen 7“ an. Die zivilen Nachrichtendienste, die später unter dem Dach des KGB zusammengefasst wurden, bezogen zunächst ein ehemaliges kirchliches Krankenhaus im abgeriegelten Stadtteil Karlshorst östlich der Treskowallee. Später wurde eine Militärkaserne an der Zwieseler Straße zum Hauptquartier ausgebaut. Es sollte bis zum Fall der Mauer die größte Auslandsresidentur des KGB in Europa bleiben.

Spionage gegen den Westberliner Senat

Die drei Westalliierten konnten erst am 4. Juli 1945 in Berlin einmarschieren, nachdem die Amerikaner Teile der künftigen sowjetischen Besatzungszone in Thüringen geräumt hatten, die von ihnen zu Kriegsende besetzt worden waren. Während die britischen und französischen Dienste Gebäude am Olympiastadion beziehungsweise im Quartier Napoleon bezogen, fuhr eine Gruppe von Agenten des CIA-Vorgängers Office of Strategic Studies nach Dahlem. Im Föhrenweg quartierten sie sich im ehemaligen Kommandostand von Hitlers Feldmarschall Keitel ein. Das Gebäude hatte nur geringe Bombenschäden erlitten. Es wurde die Berliner Operationsbasis (BOB) des CIA.

Das KGB und der im Februar 1950 gegründete DDR-Staatssicherheitsdienst nutzten die weitgehende Freizügigkeit der Vier-Sektoren-Stadt zunächst vor allem dafür, wirtschaftliche Kontakte zu knüpfen, mit deren Hilfe der Schmuggel von Waren und technischen Erzeugnissen aus dem Westteil der Stadt organisiert werden konnte. Darüber hinaus betrieb insbesondere die Stasi politische Spionage gegen den West-Berliner Senat. Aufgeklärt und infiltriert wurden auch die militärischen Einrichtungen der Westalliierten, zudem Polizei und – später – der Verfassungsschutz. Ein weiterer Schwerpunkt waren sogenannte Abwehroperationen, mit denen Emigrantengruppen und DDR-feindliche Organisationen, die vom Westteil der Stadt aus agierten, bekämpft wurden.

Den sowjetischen Diensten gelang es zudem von Karlshorst aus, in West-Berlin und ganz Westdeutschland sehr schnell wertvolle Quellen zu rekrutieren. Sowohl die großen Parteien als auch die Militärverwaltungen der Westalliierten und sowjetische Emigrantengruppen seien bereits Ende der 40er-Jahre infiltriert worden, schreibt der ehemalige KGB-General Sergej Kondraschow in dem 1997 erschienenen Buch „Battleground Berlin“. „Insgesamt stieg die Zahl der Agenten in Berlin erheblich an: Beamte, Bankiers, Politiker und bedeutende Journalisten.“

Juristischen Beirat für DDR-Bürger

Die westlichen Dienste interessierten sich vor allem für die militärischen Aktivitäten von Roter Armee und NVA in Ostdeutschland. Die Amerikaner etwa führten ab 1946 von Berlin aus die Operation „Grail“, mit der Daten über Flugplätze, Truppenbewegungen, Kasernen und Munitionslager in der Ostzone ausgespäht wurden. 1947 aber zerschlug der sowjetische Nachrichtendienst die nachlässig geführten US-Agentenringe im Osten, mehr als 200 Spione wurden verurteilt und kamen in Straflager. Daneben sammelten die Westdienste aber auch Informationen über das Transportsystem, die Lebensmittelversorgung, über Stimmungen in der Bevölkerung und den Zustand der Industrie. Dazu befragten sie Flüchtlinge oder heuerten gegen Bezahlung zahlreiche Quellen in Ost-Berlin an.

Mit Beginn der 50er-Jahre änderte BOB, die Berliner CIA-Basis, ihre Strategie. Nun sollten in West-Berlin auch antikommunistische Tarnorganisationen gegründet und bestehende Widerstandsorganisationen, die in den Osten hinein wirken, unterstützt werden. So finanzierte die CIA etwa die Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit (KgU), die den Widerstand in der DDR unterstützte sowie Propagandaaktionen und Sabotageakte durchführte. Auch die sogenannten Ostbüros von CDU und SPD erhielten Geld von den Amerikanern, um Informantennetze in Ostdeutschland aufzubauen sowie Flugblätter und politische Literatur in Ost-Berlin zu verteilen.

Mit Hilfe und Geld der Amerikaner entstand auch der Untersuchungsausschuss freiheitlicher Juristen (UfJ) in West-Berlin. Dort konnten DDR-Bürger sich juristischen Rat holen. Auch pflegte der UfJ Kontakte zu zahlreichen DDR-Juristen, die über Unrechtshandlungen des SED-Regimes berichteten. KGB und MfS bekämpften die Organisation mit aller Härte. Mehrere Dutzend Mitglieder und Kontaktpersonen des UfJ wurden verhaftet und zu teils langjährigen Haftstrafen verurteilt.

„Operation Gold“

Trauriger Höhepunkt war die Entführung von Walter Linse aus West-Berlin. Linse war Chef der Wirtschaftsabteilung im UfJ und befasste sich insbesondere mit rechtswidrigen Enteignungen in der DDR. Am 8. Juli 1952 zerrten ihn vier Männer auf offener Straße im amerikanischen Sektor Berlins in ein Auto. Als sich Linse zur Wehr setzte, schoss ihm einer der Angreifer ins Bein. Das Opfer wurde mit dem Auto in den sowjetischen Teil der Stadt gefahren. Linse kam in ein Ost-Berliner Stasi-Gefängnis, wo er bis Dezember 1952 verhört wurde. Anschließend überstellte man ihn in die Karlshorster KGB-Zentrale. Bis Juni 1953 wurden seine Vernehmungen fortgeführt, dann deportierten ihn die Sowjets nach Moskau, wo ihn ein Militärgericht zum Tode verurteilte. Am 15. Dezember 1953 wurde Linse erschossen.

Die wohl aufsehenerregendste Spionageaktion in Berlin vor dem Mauerbau war die 1953 vom amerikanischen CIA und vom britischen SIS geplante und durchgeführte „Operation Gold“. Dahinter verbarg sich ein Spionagetunnel, der von Rudow aus unter den Grenzanlagen hindurchgetrieben wurde und rund 600 Meter weit auf Treptower Gebiet reichte. Der Eingang zum Spionagetunnel befand sich auf einer Radarstation der US-Army. Sein Ende lag kurz hinter der Schönefelder Chaussee in Treptow, wo die Techniker an die vom sowjetischen Militär genutzten Telefonleitungen gelangten. 1955 ging der Tunnel in Betrieb, CIA und SIS konnten durch ihn mehr als 400.000 Telefonate aufzeichnen, die von der sowjetischen Militäradministration in der DDR geführt wurden.

„Golfbälle“ auf dem Teufelsberg

Das Absurde daran: Schon vor dem ersten Spatenstich für den Tunnel wussten die Sowjets über das Projekt Bescheid. Ihr Topspion George Blake, ein hochrangiger Mitarbeiter beim britischen Auslandsgeheimdienst MI 6, war von Beginn an in die Pläne eingeweiht und hatte sie an Moskau verraten. Der KGB steckte nun in der Zwickmühle: Wollte man den Tunnel verhindern und damit riskieren, dass der eigene Mann im MI 6 auffliegt? Moskau entschied sich für Blake und ließ die „Operation Gold“ laufen, elf Monate lang. Dann wurde der Tunnel „zufällig“ bei Tiefbauarbeiten entdeckt.

Nach dem Mauerbau war die sogenannte human intelligence, die Spionage mittels menschlicher Quellen, für die westlichen Dienste in Ost-Berlin und der DDR nur noch sehr eingeschränkt möglich. Amerikaner und Briten legten daher den Schwerpunkt auf die funkelektronische Aufklärung. Weithin sichtbares Symbol dafür waren die gewaltigen „Golfbälle“ auf dem Teufelsberg. Die sogenannten Radome – riesige, wabenförmige Hüllen – schützten die Antennenanlagen der „Field Station Berlin“ vor Wetter und neugierigen Blicken. Von Anfang der 60er-Jahre an versahen fast drei Jahrzehnte lang 1000 Amerikaner von der NSA und 500 Briten vom GCHQ rund um die Uhr ihren Dienst im Horchposten über dem Grunewald. Nebeneinander, durch abhörsichere Wände getrennt.

Im Feindesland

Die NSA investierte Millionen von Dollar in den Ausbau der „Field Station Berlin“. Mehrere Gebäude entstanden, die bis tief ins Erdreich reichen. Auf dem Dach wurden bis zur Aufgabe der Station im Januar 1992 umfangreiche Antennenanlagen montiert. Aber was haben Briten und Amerikaner tatsächlich hören können im Feindesland? Bis heute ist das weitgehend unbekannt. Man weiß nur, dass die NSA ihre „Field Station Berlin“ während des Kalten Krieges immerhin viermal zur erfolgreichsten Abhöreinheit kürte und ihr die begehrte „Travis Trophy“ überreichte. Wofür? Die NSA schweigt, die Lauschberichte sind heute noch als „geheim“ eingestuft.

Das MfS ahnte aber, welche Gefahr für die DDR und ihre Verbündeten vom Teufelsberg ausgeht. Von Anfang an hatte der Dienst deshalb die „Field Station“ im Blick. Agenten und extra nach West-Berlin entsandte Spezialkräfte wurden laut einem Stasi-Dokument mit der „optischen Kontrolle in regelmäßigen Abständen … zur Feststellung … äußerlich sichtbarer – insbesondere technischer Veränderungen“ beauftragt. Erst Anfang der 80er-Jahre gelang es der Stasi, eine Quelle auf dem Teufelsberg zu rekrutieren. James W. Hall, ein Unteroffizier, der als Analytiker für die NSA arbeitete, erhielt den Decknamen „Paul“. In einer Sporttasche mit doppeltem Boden schmuggelte er Hunderte Dokumente aus der „Field Station“ und übergab sie einem weiteren Stasi-Spion, der sie auf öffentlichen Kopiergeräten in West-Berliner Kaufhäusern kopierte und an MfS-Kuriere weitergab. In der Lichtenberger Normannenstraße war man begeistert – Hall lieferte mehr als 13.000 Seiten hochgeheimer Dokumente.

Der fast 45 Jahre währende Kalte Krieg um Berlin ist Geschichte. Sein Ende an einem Novemberabend 1989 verschliefen Geheimdienste und Agenten. Das Berlin von heute, Sitz der Bundesregierung und vieler wichtiger Konzerne, zieht nun wieder Agenten und Nachrichtendienste aus aller Welt an.