Gehen Sie unbedingt zu Partys mit Freunden aus ganz alten Zeiten

Treffen nach Jahrzehnten sind keine billige Nostalgie, findet unser Kolumnist. Sie legen die langen Wurzeln in die eigene, fast vergessene Vergangenheit frei.

An der Bar saßen ein paar Leute, die ich nicht kannte. Sollte ich lieber wieder gehen?
An der Bar saßen ein paar Leute, die ich nicht kannte. Sollte ich lieber wieder gehen?imago/Panthermedia

Kopfschmerzen sind eine feine Ausrede. Sogar eine sehr feine. Für alles mögliche, nur nicht für Partys, die von Freundinnen von ganz früher veranstaltet werden, die ich seit Jahren nicht gesehen habe.

Da dürfen Kopfschmerzen keine Rolle spielen, denn solche Partys sind keine billige Nostalgie von älter werdenden Leuten, die nicht mehr viel erleben und deshalb gern in Erinnerungen schwelgen. Nein, jedes gute Treffen mit Leuten, die uns von ganz früher kennen, hilft dabei, uns selbst heute besser zu verstehen.

„Das Leben wird vorwärts gelebt und rückwärts verstanden.“ Der Spruch erklärt mehr als manches dicke Buch und trifft auf viele Partys zu. Natürlich nicht auf reine Tanzpartys, bei denen die Bässe jedes Gespräch niederknüppeln. Aber auf Sitzpartys oder diese wunderbaren In-der-Küche-Rumsteh-Partys.

Ein Freund erzählte mir, dass zwei Freundinnen aus alten Zeiten mal wieder feiern. Er fragte, ob ich hingehe. Ich sagte: „Bin nicht eingeladen.“ Dann, eine Woche vor der Party, stand ich in einem Laden am Alex und wollte eine Hose reklamieren. Hinter mir eine der Gastgeberinnen. Wir leben seit 30 Jahren in dieser Stadt, aber bislang sind wir uns zufälligerweise nur am Strand der Ostsee über den Weg gelaufen und nun am Reklamationstresen. Sie lud mich zu dem Treffen in eine Bar ein und sagte lächelnd, aber mit strengem Blick: „Du kommst aber gefälligst. Verstanden?“

Dieses melancholische Lächeln

Am Tag der Party hatte ich Kopfschmerzen, die ich mit einem langen Spaziergang durch den eiskalten Abend bekämpfte. Vor der Tür der Bar standen acht Raucher, die ich nicht kannte. Auch am Tresen saßen sieben unbekannte Leute. Sollte ich lieber wieder gehen? Doch vor der Tanzfläche traf ich sechs Leute, die ich kannte.

Wir quatschten und quatschten, obwohl die Musik dafür zu laut war – wie bei jeder guten Party. Auch wenn wir fast nur redeten, war es gut, Musik zu hören, bei der ich ständig dachte: Wenn ich jetzt nicht ein so schönes Gespräch führen würde, würde ich tanzen.

Der Abend hätte auch als Tanzparty funktioniert, aber viel schöner war es, mit den Leuten in die Vergangenheit zu tauchen. Eine Frau, die ich bestimmt 30 Jahre nicht gesehen hatte, erzählte mir Dinge über mich, an die ich mich ganz anders erinnerte. Wie lehrreich, wie schön.

Solche Gespräche legen die langen Wurzeln in die eigene, fast vergessene Vergangenheit frei und zaubern dieses eigentümliche Lächeln auf die Lippen. Ein melancholisches Lächeln, das alles, was gerade nervt, einfach mal für eine Weile beiseite schiebt. Plötzlich sind wir gedanklich wieder jung und sehen all die vielen Möglichkeiten vor uns.

Solche Wiedersehen nach Jahrzehnten haben einen besonderen Zauber. Mal sehen, wie das Wiedersehen  nächstes Jahr wird. Dann haben wir uns ja gerade erst gesprochen.