Mit der Sonne kehrt für viele ältere Fußgänger in Berlin die Angst zurück. Denn wenn die Temperaturen steigen, müssen sie auf den Gehwegen wieder mit besonderen Gefahren rechnen. Je wärmer es wird, desto mehr Radfahrer sind in der Stadt unterwegs – und viele Radler rasen über die Bürgersteige, ohne sich um die Passanten zu scheren. Jetzt zeigen aktuelle Zahlen der Polizei, dass dies im vergangenen Jahr immer öfter zu Unfällen geführt hat. 2014 kamen zwei Fußgänger bei solchen Karambolagen ums Leben.

Im vergangenen Jahr hat die Polizei in Berlin 473 Unfälle zwischen Fußgängern und Radfahrern registriert. Davon wurden 55,2 Prozent durch die Radler verursacht oder mitverursacht. Im Vergleich zu 2013 ist die Zahl der Unfälle um elf Prozent gestiegen – damals wurden in Berlin 426 Unglücke dieser Art aufgenommen. Die Zahl der Fußgänger, die bei solchen Unfällen leicht verletzt wurden, nahm von 282 auf 313 zu. Die Zahl der schwer verletzten Fußgänger wuchs von 30 auf 37.

Hohe Dunkelziffer

Es gab auch zwei Todesfälle, während 2013 kein Fußgänger in Berlin durch Radfahrer ums Leben gekommen war. So starb im April 2014 eine 91 Jahre alte Frau, nachdem sie an einer Bushaltestelle am Tempelhofer Damm plötzlich auf den Radweg getreten und dort angefahren worden war. Im Juni wurde ein 70-Jähriger von einem 17 Jahre alten Radfahrer in Zehlendorf tödlich verletzt. Der Rentner war auf dem Teltower Damm aus einem Bus gestiegen und musste den Radweg überqueren, um zum Gehweg zu gelangen. Dort erlitt er schwere Kopfverletzungen. Anders als beim Unfall in Tempelhof ergriff der Radler die Flucht, er wurde aber später festgenommen.

Der Negativtrend könnte ein weiterer Hinweis dafür sein, dass es im Straßenverkehr immer rücksichtsloser zugeht, hieß es in Polizeikreisen. Allerdings sei der Anstieg statistisch gesehen noch „moderat“. Möglicherweise haben das Wetter und Veränderungen im Mobilitätsverhalten eine Rolle gespielt. Klar sei: „Das Dunkelfeld dürfte besonders groß sein.“ Viele Unglücke würden nicht gemeldet, es gebe zahlreiche Beinaheunfälle. Anders formuliert: Obwohl es nicht immer zur Kollision kommt, fühlen sich Fußgänger von Radfahrern bedrängt oder gefährdet.

Das wird auch beim Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) nicht in Abrede gestellt. Doch Bernd Zanke, der Berliner Verkehrssicherheitsexperte des Verbands, plädierte für einen sorgfältigen Umgang mit der Statistik.

„Das Thema Radfahrer gegen Fußgänger wird dramatischer dargestellt als es objektiv ist“, sagte er. Auch wenn es mehr Unfälle gebe, im Vergleich sei die Zahl gering. Im vergangenen Jahr registrierte die Polizei in Berlin mehr als 130.000 Verkehrsunfälle, davon 2417 mit Fußgängerbeteiligung. An knapp 20 Prozent waren Radfahrer beteiligt – wenige im Vergleich zu der viel größeren Gefahr, die Kraftfahrzeuge für die Fußgänger darstellen. „Radfahrer auf Gehwegen verursachen nur drei Prozent der Fußgängerunfälle“, sagte Zanke .

Immer schwerere Unfallfolgen

Zudem sei längst nicht immer der Radfahrer schuld, wenn es kracht: In fast jedem zweiten Fall setzte der Fußgänger die Ursache, bestätigte die Polizei. Und auch die Radfahrer trugen 2014 in zunehmendem Maße schwere Unfallfolgen davon: Im Vergleich zu 2013 stieg die Zahl der leicht verletzten Radler von 188 auf 205, die der Schwerverletzten von 18 auf 24. Im Jahr 2013 kam in Berlin sogar ein Radfahrer nach einer Kollision mit einem Fußgänger ums Leben.

Der Fachverband Fußverkehr kritisiert, dass durch falsche planerische Entscheidungen Fußgänger und Radfahrer zusammengeführt werden – was dann zu Gefahren führt. Mit gemeinsamen Geh- und Radwegen, aber auch an Bau- und Haltestellen oder in Grünanlagen würden Konfliktbereiche geschaffen, hieß es. Eins ist klar: Bei diesem Thema handelt es sich nicht mehr um ein Generationenproblem. Denn auch Senioren radeln gern mal über Gehwege – wie in Berlin häufig zu beobachten ist.