Frankfurt (Oder) - In der Mitte des Tisches sitzt Brandenburgs Polizeipräsident Arne Feuring, neben ihm der Frankfurter Oberstaatsanwalt Carlo Weber. Schnell ist bei dieser Pressekonferenz in Frankfurt (Oder) klar, dass es nicht um irgendeine Erpressung geht. Die Stimmung bei den Staatsanwälten und den Vertretern der Polizei ist ernst. Sie wenden sich an die Öffentlichkeit, weil ein gefährlicher Erpresser auf der Flucht ist – offenbar ein Serientäter.

Der Unbekannte hat am vergangenen Freitag in Storkow (Kreis Oder-Spree) einen Berliner Unternehmer gekidnappt, er wollte Lösegeld erpressen. Das Opfer soll Vorstand einer Investmentfirma sein. Tagelang operierte die Polizei aus Sicherheitsgründen verdeckt. Während der Fahndung stellte sich heraus: „Es gibt Parallelen zu einem der wenigen ungeklärten Fälle in unserem Bezirk, der Unternehmerfamilie Pepper“, so Weber.

Das Verbrechen trägt sich in einer wohlhabenden Gegend in Storkow zu. Hier befindet sich das Haus der Familie des Geschäftsmannes, es ist unbestätigten Berichten zufolge ihr Nebenwohnsitz. Es ist 21.35 Uhr. Die Ehefrau will mit dem Hund nach draußen, sie öffnet die Haustür. Der Täter, ein kräftig gebauter Mann, steht in der Tür, maskiert, eine Schusswaffe in der Hand. Er verschafft sich Zutritt, schießt mit seiner Pistole zur Einschüchterung einmal in die Decke. Dann zwingt er den 51-jährigen Familienvater, sich auf den Boden zu legen. Seine Frau muss ihn knebeln, ihm die Augen zukleben und ihn mit Klebeband fesseln, der Sohn, noch keine zehn Jahre alt, muss zusehen.

Bevor der Täter sein Opfer mitnimmt, warnt er die Frau: Alarmiere sie die Polizei, werde er ihren Mann „zum Krüppel schießen“ und anschließend auch den Sohn holen.

Es ist 21.45 Uhr, als in der Einsatzleitstelle der Notruf der Ehefrau eingeht, trotz der Drohung. Die Polizei bildet umgehend eine Sonderkommission und startet eine verdeckte Fahndung. Die Beamten müssen unerkannt operieren, in der Öffentlichkeit darf keine Uniform zu sehen sein. Sie nehmen die Drohung des Entführers ernst.

Beamte aus sechs Bundesländern

Im Laufe der folgenden Stunden werden mehrere Spezialeinsatzkommandos (SEK) und Mobile Einsatzkommandos angefordert, auch aus anderen Bundesländern. Insgesamt sind mehr als 300 Polizisten aus Berlin, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg rund um die Uhr im Einsatz. Profiler des LKA sind dabei, auch das BKA wird eingeschaltet.

Der Täter hat sein Opfer indessen zum Storkower See ganz in der Nähe mitgenommen, wirft ihn dort ins Wasser. Der 51-Jährige muss sich an einem Paddelboot festhalten, mit dem der Entführer über das Wasser steuert, geführt von einem GPS-Gerät. Etwas später steigen die beiden in ein anderes Boot um, dann kommen sie nahe dem Ort Wendisch Rietz zu einer Schilfinsel. Dort wickelt der Täter sein Opfer von Kopf bis Fuß in Folie und Klebeband ein, lässt nur Löcher für Mund und Nase. Mit einem Schlauch, der ihm in den Mund gesteckt wird, darf der Unternehmer Seewasser trinken.

Die Polizei, die noch keine Spur hat, bringt seine Ehefrau und den Sohn nach Berlin, sie erhalten Personenschutz. Auch der Sitz der Firma des Unternehmers wird verdeckt gesichert. Im Haus der Familie stellt die Polizei umfangreiche Spuren sicher, auch DNA-Material. Der wichtigste Fund aber: die Patronenhülse. Sie wird sofort zur Kriminaltechnik geschickt.

Auf der Schilfinsel erzählt der Täter dem Unternehmer, er habe dessen Haus wochenlang ausspioniert. Er zwingt ihn, Briefe an seine Frau zu schreiben. Auf diesem Weg will er das Lösegeld erpressen, von einer Millionensumme ist die Rede. „Es sollte eine lange Schnitzeljagd werden“, sagt Polizeivizepräsident Hans-Jürgen Mörke. Die Frau soll per Brief aufgefordert weden, zwei GPS-Geräte zu kaufen. Als erste Station plant der Täter die Therme in Bad Saarow.

Gleiche Waffe wie im Fall Pepper

Samstagabend, die Analyse der Patronenhülse ist abgeschlossen – und bringt plötzlich eine Wende in dem Fall. „Da stand fest, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit die gleiche Waffe wie im Fall Pepper benutzt wurde“, sagt Mörke. Der Erpresser der Unternehmerfamilie Pepper hat offenbar erneut zugeschlagen. Auch die Täterbeschreibung ist ähnlich. Bei der Waffe handelt es sich um eine schwarze Ceska, Modell 75 oder 85, oder einen chinesischen Nachbau der Waffe, eine Norinco. 150 solcher Waffen sind im Landkreis Oder-Spree und in Frankfurt (Oder) registriert. Sie sind im Besitz von Jägern, Sportschützen und sicherheitsgefährdeten Personen, wie zum Beispiel Politikern.

Sonntagmorgen, 7.06 Uhr. Bei der Polizei geht wieder ein Notruf ein. Ein Anwohner aus Wendisch Rietz meldet sich, das Entführungsopfer steht bei ihm. Dem 51-Jährigen ist kurz zuvor die Flucht gelungen. Er hatte sich befreien können, offenbar während der Täter schlief. Der Mann ist unverletzt, aber unterkühlt. Er kommt ins Krankenhaus.

Jetzt beginnt die Polizei im Raum Storkow und Bad Saarow Anwohner zu befragen und die Fahndung zu verstärken. „Am Sonntag waren alle Straßen von und nach Storkow gesperrt. Alle Autos wurden kontrolliert“, erzählt eine Anwohnerin aus Storkow.

Die Polizei hat noch keine heiße Spur von dem Entführer. Sie hofft auf Hilfe aus der Bevölkerung.

Beeindruckt zeigte sich Hans-Jürgen Mörke von dem entführten Geschäftsmann: „Er hat großen Mut bewiesen. In meinen Augen ist das Opfer ein Held.“