Berlin - Ein Streifen aus hellroter Farbe führt über den Asphalt. Er soll Radfahrern signalisieren: Das ist euer Fahrstreifen! Doch am 23. Oktober des vergangenen Jahres wurde die rote Radfahrspur auf der Zufahrt zum Großmarkt in Moabit Schauplatz eines tödlichen Unfalls.

Ein Lkw, der von der Beusselstraße nach rechts abbog, überrollte eine Radfahrerin, die geradeaus fuhr. Seit Mittwoch erinnert nun ein weiß gestrichenes Fahrrad an den Unfall. Es ist das erste von 17 „Geisterrädern“, mit denen der Allgemeine Deutsche Fahrrad (ADFC) 17 Unfallorte markiert. „Eines für jeden Radfahrer, der im vergangenen Jahr in Berlin ums Leben kam“, sagt Daniel Pepper vom ADFC. So viele tote Radfahrer gab es seit 2003 nicht mehr. Wie viele werden 2017 sterben?

„Hier ist es passiert“, sagt Pepper. Der Professor an der Beuth Hochschule für Technik, der beim Berliner ADFC für die Verkehrssicherheit zuständig ist, kann sich noch gut an jenen Sonntag im Oktober erinnern. Als er den Unfallort erreichte, hatte man die tote Radfahrerin schon weggebracht. „Doch ihr Fahrrad lag noch da. Völlig zerbeult, mit geknicktem Rahmen“, erzählt Pepper.

Tote Winkel gibt es nicht

Ein paar Meter entfernt war der tonnenschwere Lastwagen zum Stehen gekommen. Der ADFC-Mann bemerkte, dass ein Gehäuse eines Weitwinkelspiegels offenbar defekt war. Der Spiegel wird gebraucht, damit der Fahrer in den Bereich rechts neben seinem Lkw schauen kann. „Möglicherweise war er verstellt, so dass die Sicht nicht mehr gegeben war“, vermutet Daniel Pepper. „Das wird ein Gutachter klären.“

Der ADFC analysiert tödliche Radfahrerunfälle, um Schlüsse zu ziehen und Forderungen zu formulieren. Das ist die Bilanz für Berlin: Im Vergleich zu 2015 ist die Zahl der Radfahrer, die bei Unfällen starben, um 70 Prozent gestiegen – von zehn auf 17. „Nach wie vor sind abbiegende Fahrzeuge ein tödliches Risiko“, sagt Pepper. Meist kommt die Gefahr von links: Allein im vergangenen Jahr wurden sechs Radfahrerinnen und Radfahrer von rechts abbiegenden Lastwagen getötet. Eine weitere Radfahrerin verlor ihr Leben, nachdem ein Auto beim Linksabbiegen mit ihr zusammengestoßen war. Aber auch ein zu geringer Abstand kann Folgen haben: Zwei Radfahrerinnen stürzten in den Tod, als sie zu dicht überholt wurden.

Sicher: Auch im vergangenen Jahr ereigneten sich tödliche Radlerunfälle, die nicht auf Kraftfahrer zurückgingen – wie im Fall des 76-Jährigen, der im Grunewald ohne Fremdeinwirkung stürzte. Ein anderes Beispiel ist die Kollision auf der Straße des 17. Juni, als eine Frau bei Rot über die Ampel radelte.

Andere Radler-Stereotypen finden sich in der Auswertung der Polizeistatistik dagegen nicht wieder. So starb kein Radfahrer, weil er ohne Licht unterwegs oder ein „Rüpelradler“war. Dagegen waren sieben Todesopfer älter als 65 Jahre. Auch der erste tote Radfahrer dieses Jahres war ein Senior: Am 25. März wurde ein 80-Jähriger auf dem Mehringdamm in Kreuzberg von einem rechts abbiegenden Lkw überrollt.

Wie groß die Gefahr durch Rechtsabbieger ist, zeigt sich erneut bei der Aufstellung des ersten „Geisterrads“ von 2017. „Da, schon wieder einer“, ruft Jürgen Saidowsky vom ADFC. Mit hohem Tempo biegt ein schwerer Lkw von der Beusselstraße in die Zufahrt zum Großmarkt ein. Das „Geisterrad“ schwankt im Fahrtwind.

„Der Lkw-Fahrer hat nicht in den Spiegel geschaut“, stellt Saidowsky fest. Die Sicht durch die Seiten- und Windschutzscheibe war ohnehin versperrt. Da hingen Wimpel und Bommelgardinen – wie in vielen Lkws. „Viele Fahrer schlafen in ihren Kabinen, dafür gibt es die Gardinen“, erklärt Pepper. Für die Fahrt werden sie zur Seite gezogen, dann hängen sie vor dem Seitenfenster und behindern den Blick nach rechts. Was fatal ist. „Denn eigentlich gibt es keinen toten Winkel“, so Pepper. Normalerweise reichen die vorgeschriebenen Spiegel aus, damit die Fahrer den Überblick haben.

Allerdings setzt sich der ADFC für zusätzliche Sicherheitstechnik ein. Die Bundesanstalt für Straßenwesen prüft „Abbiege-Assistenten“, die mit Radarsystemen den Bereich rechts neben dem Lkw überwachen. „Wir fordern, dass die Technik den Lkw automatisch stoppt, wenn es eine Kollision gibt.“ In solchen Fällen bleiben nur zwei Sekunden, bis ein Radfahrer unter die Hinterräder gezogen wird. Die Technik könnte Lkw-Fahrer unterstützen, hieß es.

Erst beschädigt, dann gestohlen

„Ich weiß, dass die Fahrer einen schwierigen Job haben“, so Pepper. Er habe aber nicht den Eindruck, dass jeder verantwortungsbewusst damit umgeht. „Würden Sie sich den Blinddarm von einem Chirurgen operieren lassen, der seine Arbeit so macht wie mancher Lkw-Fahrer?“ fragt der ADFC-Mann.

Jedes weiß gestrichene „Geisterrad“ markiert einen Ort, an dem ein Mensch gestorben ist. Die Aggressionen, die Umgang unter Berliner Verkehrsteilnehmern prägen, werden auch an diesen Rädern abreagiert.

„Immer wieder werden die ‚Geisterräder‘ beschädigt oder zerstört. Wahrscheinlich von Menschen, die etwas gegen Radfahrer haben“, berichtet Saidowsky. „An der Storkower Straße in Prenzlauer Berg wurde zunächst ein Rad gestohlen, dann war plötzlich das ganze Fahrrad weg“, erzählt er.

„Die Stimmung im Verkehr ist in Berlin wirklich schlecht“, sagt Evan Vosberg vom Vorstand des ADFC Berlin. Bevor der Ingenieur vor drei Jahren hierher zog, lebte er in Thüringen. „Da wurde man als Radfahrer nicht ständig weggehupt oder angeschrien.“ Der 33-Jährige arbeitet auf Einladung der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz daran mit, Berlins erstes Fahrradgesetz zu erstellen. Als Teil 3 des geplanten Berliner Mobilitätsgesetzes soll das Gesetz Standards für die Radverkehrswege festlegen. „Im Grundsatz sind wir uns einig“, sagt er. So sollen Hauptverkehrsstraßen breite Radfahrstreifen bekommen, und für die schnelle Fortbewegung sind separate Extratrassen vorgesehen.

„Doch die Frage ist: Wie werden diese Standards definiert?“ Daran werde derzeit gearbeitet. Das Ziel ist ambitioniert, sagt Vosberg: „Noch vor der Sommerpause 2017 soll im Abgeordnetenhaus die erste Lesung des Radgesetzes stattfinden.“

Die Männer vom ADFC und ihre Mitstreiter wissen: Auch wenn immer mehr Berliner in die Pedale treten, gibt es zugleich viele Menschen, die sich über Radfahrer ärgern – weil sie über Gehwege rasen, den Vorrang anderer ignorieren oder sich wie Kamikazepiloten in den Verkehr stürzen.

Andreas Tschisch, im Stab des Polizeipräsidenten für Verkehrssicherheit zuständig, appelliert an das Verantwortungsgefühl. Sein Rat für Radfahrer, wenn sie sich in der Nähe eines Lkws bewegen müssen: „Schaffen Sie direkten Blickkontakt! Warten Sie nicht neben dem Lkw, sondern deutlich sichtbar vor oder weit rechts hinter ihm.“

Eine Reaktion wäre falsch, sagt der ADFC-Sprecher Nikolas Linck: aus Angst aufs Radfahren zu verzichten. Obwohl die Zahl der Radfahrer weiter steigt, lag die Zahl der Unfälle in Berlin im vergangenen Jahr niedriger als 2008, 2014 und 2015. Linck sagt: „Die Wahrscheinlichkeit, mit dem Rad zu verunglücken, ist gesunken.“ Auch das ist eine Erkenntnis aus der Statistik.