Geisterräder zur Erinnerung an verunglückte Radfahrer: Verdrehter Lenker, platte Reifen

Berlin - #image0

An eine Laterne gekettet steht das weiße Fahrrad an der Kreuzung Landsberger Allee Ecke Storkower Straße. Der Lenker ist verdreht, die Kette ist herausgerissen, der hintere Reifen ist platt. Der weiße Lack hat Schrammen, der Sattel ist an vielen Stellen aufgepult, ein paar Kabelbinder zeugen davon, dass am Rahmen einmal ein Schild hing.

Es sieht aus wie eines jener Räder, die am S-Bahnhof Warschauer Straße sich selbst überlassen werden. Doch das weiße Fahrrad ist ein Mahnmal. Es erinnert an eine Radfahrerin, die hier tödlich verunglückte. Der Allgemeine Deutsche Fahrrad Club (ADFC) nennt es Geisterrad. Der Verein stellt solche Räder jedes Jahr an Unfallstellen auf, an denen Radfahrer gestorben sind. Doch seit diesem Frühling werden die weißen Räder immer häufiger das Ziel von Vandalismus. Drei Räder mussten bereits ersetzt werden.

Reik Scheefeld (40) aus Lichtenberg steht neben dem Rad an der Landsberger Allee. Am 19. Dezember vergangenen Jahres verunglückte hier seine damals 68-jährige Mutter auf ihrem Fahrrad, als sie von einem abbiegenden Lastwagen erfasst wurde. Das Ereignis müsse er noch verarbeiten, sagt er. Erst nach anfänglichem Zögern haben er und seine Familie zugestimmt, dass an dieser Stelle solch ein Rad aufgestellt wurde.

Doch nach nur ein paar Wochen waren erste Schäden sichtbar. „Ich war schockiert. Das Fahrrad stand verdreht an der Laterne, und bald war auch der hintere Reifen platt. Ich bin dann auf dem Weg zur Arbeit immer ausgestiegen und habe das Fahrrad wieder gerichtet“, sagt Scheefeld. Ende März fehlte das Schild. „Radfahrerin (68) – Todestag 19. Dezember 2011“, hatten die Mitarbeiter vom ADFC darauf geschrieben. „Warum reißen Leute sowas einfach ab?“, fragt sich Scheefeld.

Blumen am Gepäckträger

Als das Fahrrad gerade aufgestellt war, kam er oft nachts allein her. Dabei hat er auch positive Situationen erlebt. „Einmal fuhren gegen Mitternacht zwei Radfahrer an mir vorbei. Plötzlich haben sie angehalten und sich das durchgelesen“, sagt Scheefeld. An einem anderen Tag hat er eine größere Gruppe beobachtet, die an dem Mahnmal eine Diskussion über die Sicherheit im Straßenverkehr führte. Einmal fand er einen Blumenstrauß am Gepäckträger befestigt, an einem anderen Tag eine Rose. „Das sind die Momente, die gut tun“, sagt er.

#image1

Anfang April tauschte der ADFC das beschädigte gegen ein neues weißes Fahrrad aus. Aber die Zerstörungswut ließ nicht nach. Scheefeld hat eines Abends sogar zwei junge Männer beobachtet, die sich an dem Fahrrad zu schaffen machten. Sie seien alkoholisiert gewesen Dann versuchte einer der beiden, aufzusteigen. Doch sein Alkoholpegel schien ihn daran zu hindern, sagt Scheefeld. „Ich stand auf der anderen Straßenseite, meine Ampel war rot, Autos fuhren. Ich war wie erstarrt. Ich dachte, dass das nicht wahr sein kann.“ Doch dann ließen die Betrunkenen vom Fahrrad ab und rannten quer über die befahrene Straße, Richtung Jugendhostel. Abends seien zwischen dem Hostel und einem Imbiss viele junge Menschen unterwegs, sagt er.

Aber Scheefeld hat auch schon das Werbeschild eines durchreisenden Zirkusses am Fahrrad entdeckt. „Das war mir dann zu viel“, sagt er, „ich bin nachts hingefahren und habe es mit einem Messer entfernt. Das ist ein Mahnmal und keine Werbefläche!“ ADFC-Vorstandsmitglied Bernd Zanke bestätigt das Problem mit dem Vandalismus an den Geisterrädern.

„Insgesamt haben wir dieses Jahr elf Ghostbikes aufgestellt, für die elf tödlich verunglückten Fahrradfahrer aus dem vergangenen Jahr. Nun gab es in diesem Jahr aber schon Neuaufstellungen an drei Standorten, und neun von elf Schildern wurden gestohlen.“ Die Schilder sind nötig, damit die Polizei die Räder nicht entfernt. Zanke hofft, dass der Vandalismus nachlässt. „Von den 54 Unfalltoten im Land Berlin im Jahr 2011 waren elf Radfahrer. Die Mahnmale sind ein Appell zu mehr Rücksichtnahme im Straßenverkehr. Da sollten wir ein gesundes Maß an Ehrfurcht walten lassen.“

Scheefelds jüngere Schwester meidet die Kreuzung, an der ihre Mutter starb. „Ich fahre jeden Tag Umwege, um zur Arbeit zu kommen“, sagt sie. Sie hofft, dass sie die Kraft aufbringt, das Mahnmal wenigstens einmal zu besuchen, bevor es im November abgebaut wird. Vorher wird der ADFC das weiße Rad allerdings noch ein weiteres Mal ersetzen.