Geld und Sorgerecht: Warum immer mehr getrennte Paare in Berlin Beratung brauchen

Wer zu Monika Tschorn ins Beratungszimmer kommt, hat eine der schwersten Entscheidungen seines Lebens bereits hinter sich: die Trennung vom Partner. Jetzt geht es aber um weitere große Fragen. Was passiert mit den Kindern? Wo sollen sie leben? Und: Allzu oft geht es auch um Geld. Mehr als 300 solcher Fälle begleiten die Psychologen und Therapeuten in der Erziehungs- und Familienberatungsstelle der Caritas in Wilmersdorf. Tendenz steigend. Deshalb wird der Senat das Betreuungsnetzwerk nun noch weiter ausbauen.

Der wachsende Bedarf nach Hilfe ist erstaunlich, denn die Zahl der Scheidungen sinkt. Dass trotzdem mehr Menschen in eine der Beratungsstellen kommen, liegt daran, dass viele Paare überhaupt nicht verheiratet sind. Ein anderer Grund ist die finanzielle Unabhängigkeit. „Wenn beide Partner berufstätig sind, fällt die Trennung leichter“, sagt Psychologin Monika Tschorn. Besonders problematisch ist es allerdings, wenn Kinder im Spiel sind. Und das ist hier in der ehemaligen Klosteranlage in der Pfalzburger Straße fast immer so.

„Gestritten wird um Betreuungszeiten, um die richtige Schulwahl oder beispielsweise auch darum, ob das Kind konfirmiert werden soll“, sagt Monika Tschorn. Durchschnittlich zehn Sitzungen arbeitet sie mit den ehemaligen Paaren.

Kinder als Übermittler

Grund für einen Konflikt ist oft, dass die Eltern nicht mehr miteinander reden, berichtet Monika Tschorn. Stattdessen nutzten sie das Kind zur Übermittlung von Botschaften. „Das ist natürlich für das Kind gar nicht gut“, sagt sie. Deshalb sei es wichtig, einem getrennten Paar beizubringen, wieder miteinander zu kommunizieren.

Um noch besser helfen zu können, bekommen die kostenlosen Erziehungs- und Familienberatungsstellen in Berlin nun mehr Personal. Für jede Beratungsstelle in freier Trägerschaft soll in den nächsten Jahren eine zusätzliche Stelle pro Bezirk geschaffen werden. So sieht es der aktuelle Haushaltsentwurf vor, dem noch die Zustimmung des Abgeordnetenhauses fehlt. Insgesamt gibt es 28 Beratungsstellen, davon zwölf bezirkliche.

Mittlerweile lebt in Berlin jede dritte Familie mit Kindern in Trennung. Grund genug für Jugendsenatorin Sandra Scheeres (SPD), am Dienstag die Caritas-Beratungsstelle in der Pfalzburger Straße zu besuchen. Den gesellschaftlichen Trend kritisieren will sie aber nicht. Was in den 70er-Jahren zumindest in Westdeutschland noch als „Katastrophe“ empfunden wurde, sei heutzutage auch ein Zeichen für die Emanzipation der Frau, sagte Scheeres.

Familienberatung auch beim Problemen mit dem Kind

In zehn Prozent der Fälle schickt das Familiengericht die Streitfälle zur Caritas. Weitere 50 Prozent sind Trennungspaare, die von sich aus Familienberatung suchen. Wieder andere nehmen die Erziehungsberatung in Anspruch, etwa wenn ihre Kinder in der Schule Probleme haben oder zwanghaft am Computer surfen.

Früher hätten Eltern zunächst in der Erziehungsberatung darüber geklagt, dass ihr Kind ständig an den Nägeln kaue, berichtet Bernhard Huf, langjähriger Leiter der Caritas-Beratungsstellen. Erst später seien sie dann auf die zerrüttete Beziehung zu sprechen gekommen. Das sei heute anders. „Es wird meist sofort darüber gesprochen.“

Auch die Rollen der Eltern haben sich verändert, sagt Therapeutin Tschorn. „Viele Väter wollen nicht mehr nur alle 14 Tage der Wochenendpapa sein.“ Immer mehr Eltern wollen sich zu gleichen Teilen um die Kinder kümmern, oft im wöchentlichen Wechsel.

Weiter zusammenleben - trotz Trennung

Doch daraus entwachsen neue Probleme, zum Beispiel, wenn der Wohnraum für ein Wechselmodell nicht bei beiden Partnern ausreicht. „Mittlerweile erleben selbst Mittelschichteltern, dass sie keine für die Kinderbetreuung angemessen großen Wohnungen finden“, sagt Caritas-Direktorin Ulrike Kostka. Eltern mit geringen Einkommen würden deshalb oft noch zusammen wohnen, obwohl sie sich bereits getrennt hätten.

Die Fälle, die die Berater in der Pfalzburger Straße erleben, ähneln sich – und gleichen sich doch nie. Es braucht Fingerspitzengefühl und Zeit. Davon haben die Therapeuten hoffentlich bald ein bisschen mehr.