Tantow - Michal Zaniewski ist ein vielbeschäftigter Mann. Der junge Pole, der im brandenburgischen Tantow (Landkreis Uckermark) lebt, arbeitet als Polizist in der polnischen Grenzstadt Gryfino (Greifenhagen) nahe der Oder. Er ist regelmäßig für die deutsch-polnische Polizeistreife in Schwedt/Oder im Einsatz. Zudem engagiert sich der 33-Jährige in der freiwilligen Feuerwehr seines Dorfes. Für die Gruppierung „Bürger für Tantow“ sitzt er in der Gemeindevertretung.

Und schließlich sind da noch seine Pflichten als junger Familienvater, hat doch gerade das zweite Töchterchen Einzug gehalten unter das Dach des eigenen Hauses an der Lindenallee von Tantow. Das hat er in den zurückliegenden Jahren mit viel Aufwand rekonstruiert. „Zum Glück ist schon eine Menge der Arbeiten erledigt“, sagt er, „so habe ich Zeit, mich auch im Ort nützlich zu machen.“

Michal Zaniewski ist mit seiner Frau vor sechs Jahren von der 20 Kilometer entfernten Ostseemetropole Szczecin (Stettin) ins 700-Seelen-Dorf gezogen. Kinga Zaniewski war damals mit dem ersten Kind schwanger. „Wir haben nach einem ruhigen Ort im Umland gesucht – zunächst natürlich auf unserer, der polnischen Seite“, erzählt der Neu-Tantower. Bis er einen Tipp bekam, dass „drüben“ in den deutschen Dörfern viel mehr Häuser leerstehen als auf der eigenen Seite. „Meine Frau meinte zunächst, wie kannst du mich in meinem Zustand auf Weltreise schicken wollen“, sagt Michal Zaniewski. Aber als sie dann doch zusammen vor dem Haus in Tantow standen, dessen Kaufpreis viel billiger war als eine kleine Wohnung in Szczecin, da haben sie den Schritt gewagt.

Jeder Vierte aus dem Nachbarland

Die Zaniewskis haben sich in dem sei mehreren Jahren leerstehenden Gebäude helle freundliche Zimmer mit Blick ins Grüne eingerichtet. Draußen im Garten vergnügt sich heute die sechsjährige Tochter Olivia mit den Freundinnen aus der Nachbarschaft auf Trampolin, Rutsche und im Spielhaus.

So wie die Familie Zaniewski haben inzwischen viele Polen in den sanften Hügeln der nordöstlichen Uckermark ihr Glück gefunden. Denn sie sind willkommen. „Die polnischen Neubürger beleben unsere Orte, weil die meisten von ihnen nicht nur hier wohnen, sondern richtig dazu gehören wollen“, sagt Frank Gotzmann, der Direktor des Amtes Gartz. In dessen Verwaltungsbereich liegt Tantow.

Ein erfreulicher Prozess

Von den rund 7000 Einwohnern, die das Amt betreut, sind knapp 1000 polnischer Herkunft. In Tantow kommt fast jeder vierte Einwohner aus dem Nachbarland. Dank ihnen sind nicht nur viele verlassene Häuser wieder in Ordnung gebracht worden. Sie eröffnen auch kleine Firmen und Geschäfte. Die Vereine haben Zulauf. Die Schulen und Kindereinrichtungen sind voll. „Seitdem die Polen da sind, kommen auch wieder vermehrt deutsche Rückkehrer in die Region. Das befruchtet sich gegenseitig, das ist ein erfreulicher Prozess“, sagt Frank Gotzmann.

„Bei uns ist das längst schnuppe, wer woher kommt“, sagt Renate Pintschovius, die Leiterin des Tantower Kindergartens „Abenteuerland“. Ihre acht Mitarbeiter betreuen derzeit 73 Mädchen und Jungen. Drei Viertel davon sind polnischer Herkunft. „Aber egal, alle sind gleich, alle sind uns gleich lieb“, sagt die Erzieherin. „Wichtig ist, dass viele Kinder hier sind. Dadurch haben auch mehr Kolleginnen Arbeit.“ Die Sprache sei längst kein Problem mehr. „Wir achten schon darauf, dass Deutsch gesprochen wird“, sagt die 61-Jährige. „Das wollen ja auch die Eltern so. Und was denken Sie, wie schnell die Kinder Rucksack, Spielplatz, Aufräumen und Zähneputzen sagen können.“ Außerdem gehört mittlerweile eine polnische Erzieherin zum Kita-Team, die bei etwaigen Verständigungs-Problemen hilft.

Binationale Feuerwehr

Ähnlich verhält es sich in der Evangelischen Salveytalschule von Tantow, die gleich gegenüber der Kita liegt. Es ist eine Einrichtung in der freien Trägerschaft eines Fördervereins, die in diesem Jahr ihr zehnjähriges Bestehen feiert. „2005 wurde die alte Schule geschlossen“, berichtet Vorstandsmitglied Silke Natter, die als Erzieherin im Haus arbeitet. „Es gab aber zahlreiche Einwohner, die sich damit nicht abfinden wollten“.

Heute werden in dem altehrwürdigen Gebäude wieder 60 Schüler unterrichtet, rund die Hälfte kommt ursprünglich aus Polen. Seit diesem Jahr wird das 14-köpfige deutsch-polnische Kollegium von einer Polin geleitet. „Wir sind eine evangelische Einrichtung, aber es gibt hier überhaupt keine Berührungsängste“, sagt Silke Natter, die sich zugleich als ehrenamtliche Ortsvorsteherin von Tantow engagiert. „Ohne dieses Zusammenleben und -arbeiten wäre es um unseren Ort viel schlechter bestellt.“

„Es wäre eine Katastrophe, wenn wir die nicht hätten."

Das sieht auch Roger Sy so. Der Löschzugführer der Tantower Feuerwehr schwört auf seine sechs polnischen Kameraden. „Es wäre eine Katastrophe, wenn wir die nicht hätten. Wir wären schlicht nicht einsatzfähig“, sagt der 44-jährige Land- und Baumaschinenmechaniker. Die neuen Mitstreiter haben etliche Lehrgänge absoviert und können die Technik genauso bedienen wie die alteingesessenen deutschen Feuerwehrmänner.

Der Polizist Michal Zaniewski war der erste, der vor fünf Jahren in der Feuerwache anklopfte. „Ich habe das als eine sehr gute Chance gesehen, mich selber besser in den Ort zu integrieren“, sagt er. Heute fährt er mit Roger Sy nicht nur gemeinsam zu Einsätzen. Die beiden kümmern sich auch Seite an Seite in der Gemeindevertretung um die aktuellen Fragen der Dorfentwicklung.