Berlin - Wem gehören die Dinosaurier im Naturkundemuseum? Steht der Brachiosaurus, das größte aufgebaute Dino-Skelett der Welt, rechtmäßig in Berlin? Die Fossilien lagen schließlich 150 Millionen Jahre lang im Boden des heutigen Tansania. Die lokale Bevölkerung kannte den Ort voller Riesenknochen. Der deutsche Bergingenieur Bernhard Sattler, der während der Kolonialzeit in Deutsch-Ostafrika nach Bodenschätzen suchte, war nicht der Erstentdecker des sensationellen Jurassic Parks in Afrika.

Als dann am Berg Tendaguru zwischen 1909 und 1913 die erfolgreichsten Fossilien-Grabungen der Geschichte stattfanden, hatte ein deutscher Vernichtungsfeldzug gegen rebellische Teile der Bevölkerung das Land entleert. Dass es „herrenlos“ gewesen sei, behauptete die deutsche Kolonialverwaltung ohne ernsthaften Beweis. Trotzdem nahm sie es in Staatsbesitz, um die Fossilien für das Reich zu sichern.

Zu Forschungs- und Schauobjekten verwandelten sich die geborgenen 225 Tonnen Knochen erst in Berlin. Hier leisteten Wissenschaftler die entscheidende Erkenntnisarbeit. Kann das als wahre Aneignung gelten, die die Naturobjekte aus Afrika zu legitimem deutschem Nationalgut machen? Unterscheiden sich die Knochen insofern von den Benin-Bronzen, die durch Raub und Hehlerei in deutsche Museen kamen?

Die Debatten laufen heiß, auch weil das Humboldt-Forum im Schloss Erwerbungen aus der Kolonialzeit aus Dahlem ins Zentrum der deutschen Hauptstadt holt. Als die Idee vor 20 Jahren entstand, war sie als Ehre für die außereuropäischen Kulturen gemeint, als Wertschätzung für Südseeschiffe, Kongo-Masken, Amazonas-Speere. Als aber das helle Licht der öffentlichen Aufmerksamkeit auf die vertrauten „Berliner“ Objekte fiel, konnten die dunklen Erwerbsgeschichten nicht mehr verdrängt bleiben.

Der Botaniker Johannes Vogel verspürte den neuen Wind schon, als er 2012 Generaldirektor des Berliner Naturkundemuseums wurde. Er begann beizeiten, das Personal des Hauses auf die Debatte über den Charakter der Fossilien als Kolonialgüter vorzubereiten. „Es ist eine Frage der Kultur“, sagt er, auch ein naturwissenschaftliches Museum müsse selbstreflexiv sein.

Als Erstes besetzte er drei neue Stellen mit Nicht-Naturwissenschaftlerinnen: einer Wissenschaftshistorikerin, einer Kulturwissenschaftlerin und einer Wissenschaftssoziologin. Ein Team fing an, Gedächtnislücken aufzufüllen. „Früher oder später mussten sich Organisationen wie die unsere mit der Dominanz Europas auseinandersetzen, um die Diskussionen zu verstehen“, sagt Direktor Vogel. Es geht ihm um „die Perspektive der Vielen, nicht bloß die der Autoritäten“. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben den offeneren Blick auf das Vorhandene und auf dessen Herkunft geübt.

Vor allem galt es, die Geschichte der Dinosaurier im Hause in allen Facetten zu erkunden. Von 1908 an waren schon über 200 naturwissenschaftliche Arbeiten zu den Funden geschrieben worden. Mit dem Blick des Integrierten Forschungsmuseums der Leibniz-Gemeinschaft entstand 2018 das Buch „Dinosaurierfragmente – zur Geschichte der Tendaguru-Expedition und ihrer Objekte 1906–2018“. Darin steckt jahrelange Provenienzforschung und das minutiöse Durchsehen der vergangenen Jahrzehnte: Wie ging man mit der Herkunft der Fossilien um?

Das Museum für Naturkunde hat sich insofern ehrlich gemacht und steht nun auf dem sicheren Boden von Fakten besser da als vergleichbare Einrichtungen. Johannes Vogel sieht die Berliner Sammlung als „Wissen der Welt“, das allen offenstehe. Mit 60 Ländern arbeite man zusammen, wer global agieren wolle, könne nicht wegsehen. In den Restitutionsdebatten hat er „ein weites Spektrum zwischen tiefer Ernsthaftigkeit und Ignoranz, zwischen ,Dichtung und Wahrheit‘ ausgemacht“. Sein Museum kann umfassender diskutieren als über die bloße Frage: Rückgabe oder nicht?

Saurier inmitten von Hakenkreuzfahnen

Mehrfach hat sich der Blick auf die Fossilien gewandelt. 1913/14, als die Tendaguru-Funde bereits nach Berlin verschifft waren, bestand der Plan, in Daressalam einige Stücke auszustellen, zur Aufwertung der deutschen Kolonie: Funde einer frisch aufgetanen, letzten Grabungsstelle sollten auf der für 1914 geplanten Landesausstellung in Daressalam präsentiert werden. Der Plan scheiterte. Der Erste Weltkrieg begann. Der Versailler Vertrag stellte die deutschen Kolonien als Mandatsgebiete des Völkerbundes unter britische und belgische Herrschaft, ein kleiner Teil ging an Portugal.

Die Freunde der Kolonien jammerten ihrem Paradies hinterher, so auch Werner Janensch, einer der Tendaguru-Expeditionsleiter: Die Urgebeine seien „in unserem schönen, zurzeit in fremder Hand befindlichen Deutsch Ost-Afrika gewonnen“ worden. Die sukzessive in Berlin ausgestellten Fossilien verwandelten sich in Erinnerungsstücke, in Zeugen „deutscher Tatkraft und deutschen Fleißes“, zu vermeintlichen Beweisen, dass deutsches Kolonialwesen nützlich und für die Allgemeinheit sinnstiftend gewesen sei.

So ähnlich klangen auch die Reden, als 1937 umgeben von Hakenkreuzfahnen das Brachiosaurier-Skelett der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. Die Dinos standen der Behauptung anderer Kolonialmächte entgegen, Deutschland sei als Kolonialmacht unfähig gewesen. Die Herkunftsbezeichnung musste immer heißen: „deutsch-ostafrikanische Dinosaurier“.

Eroberung der Sowjetunion: Neue Kolonien im Osten statt Süden

Aber ein Propaganda-Spektakel veranstalteten die Nationalsozialisten nicht um die alten Knochen, man interessierte sich für Modernes wie Genetik. Ausgestorbenes transportierte keine Zukunftsbotschaft. Aussterben war für die deutsche Rasse kein Thema. Außerdem richtete sich der NS-Kolonialgedanke eher in die mutmaßlich leichter erschließbaren wirtschaftlichen „Ergänzungsräume“ im Osten.

Für die DDR blieben die Fossilien als Nationalsymbol uninteressant, ihr politischer Charakter versank. Nun waren sie die populären Objekte in der Ausstellung. Aber schon 1953 zeigte sich, dass die koloniale Seite nicht vergessen war: Der Geologie-Student Friedrich Schust, Mitglied der SED-Betriebsgruppenleitung der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät der HU, beschwerte sich beim damaligen Museumsdirektor Walter Gross, weil auf den Metalltafeln als Herkunft des Brachio-Skeletts Deutsch-Ostafrika stand. Gross verteidigte zunächst die Beschriftung, sie zeige in aller Kürze Herkunft und Umstände. Schließlich wurde „deutsch“ doch gelöscht, es blieb die geografische Bezeichnung Ostafrika. Politisch korrekt gemeint – aber tatsächlich verschwand der historische Kontext. War da was mit Kolonien?

Tansania bittet DDR um „ein bis zwei Großknochen“

Als politische Objekte kamen sie gleichwohl in den Blick, weil man sich im jungen Staat Tansania „genau an die Ausplünderung während der Kolonialzeit“ erinnerte, wie der Biologe Ralf Schummer vom Naturkundemuseum 1987 berichtete, nachdem er im tansanischen Arusha an einer internationalen Tagung teilgenommen hatte. Er brachte die Bitte des Direktors des tansanischen Nationalmuseum mit: „Dr. Masao stellt in sehr sachlicher Form die Frage, ob im Rahmen einer Dauerausstellung nicht ein bis zwei Großknochen der Saurier aus Tansania“ nach Daressalam kommen könnten.

Schummer befürwortete das und regte überdies an, ein Abguss-Modell des Brachiosaurus zu übergeben. Das Begehren beunruhigte die DDR-Zuständigen. Einerseits legte man Wert auf freundschaftliche Beziehungen, andererseits hielt man Objekte wie die Tendaguru-Fossilien für „rechtmäßiges kulturelles Erbe der DDR“ und fürchtete Rückgabeansinnen. Als Ausweg sah man: Unterstützung beim Aufbau eines Museumswesens und der Ausbildung von Fachkadern.

Der Brachiosaurus in Berlin ist ein Jungtier, nicht ausgewachsen. Warum sollte man nicht ein ausgewachsenes Exemplar finden?

Johannes Vogel, Generaldirektor des Berliner Naturkundemuseums

Groß ist der Unterschied zur heutigen Lage nicht. 2018 verzichtete der tansanische Außenminister bei einem Besuch seines deutschen Kollegen Heiko Maas in Daressalam offiziell auf Rückgabeforderungen. Johannes Vogel sagt, man rede seit Jahren mit den tansanischen Kollegen über wissenschaftliche Zusammenarbeit und Paläontologie-Ausbildung. Vorschläge zur Kooperation zwischen dem Naturkundemuseum in Berlin und den Partnern in Daressalam – Universität und Nationalmuseum – gibt es viele, doch Corona verzögert vieles, nicht nur Reisen.

Meryem Korun, im Museum zuständig für interkulturelle Zusammenarbeit, sagt, man habe der tansanischen Seite gut zugehört: Auf keinen Fall werde die Kooperation eine Einbahnstraße sein, bei gemeinsamen Arbeiten werde die Federführung in Tansania liegen.

Und da kann sich Direktor Vogel Großes vorstellen: zum Beispiel internationale Grabungen am Tendaguru. Dort sei längst nicht alles gefunden, mit moderner Erkundungstechnik könnte es grandiose Überraschungen geben, zum Beispiel: „Der Brachiosaurus in Berlin ist ein Jungtier, nicht ausgewachsen. Warum sollte man nicht ein ausgewachsenes Exemplar finden?“ Das würde dann in Tansania bleiben. Was für Aussichten!

In der Berliner Präsentation verweisen mittlerweile neu gefasste Texte auf die Leistungen der afrikanischen Ausgräber und Präparatoren. Mehrere Tafeln informieren über die kolonialen Umstände der Ausgrabungen.

 Museum für Naturkunde Berlin
Das Skelett des Brachiosaurus brancai in seiner 2007 nach neuen Erkenntnissen aufgestellten Form mit schwebendem statt auf dem Boden schleifenden Schwanz und dynamischerem Vorwärtsschritt.

Allerdings erinnert ein staatlicher Akt auf ungute Art an die Tendaguru-Einverleibung als Kronland in deutschen Besitz: Im Mai 2011 ließ das Museum für Naturkunde auf Initiative der Berliner Senatskulturverwaltung unter anderem das Skelett des Brachiosaurus in das Verzeichnis national wertvollen Kulturgutes eintragen, also für Deutschland sichern. Kulturstaatssekretär war damals André Schmitz unter der politischen Verantwortung des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit, beide SPD. Das seit 2016 geltende Kulturschutzgesetz deklariert die Fossilien zum „Teil des kulturellen Erbes Deutschlands“. Eine Ausfuhr ist damit praktisch ausgeschlossen.

In der Presse Tansanias wird gelegentlich die Rückgabe gefordert. Die Regierung des Landes blieb bisher bei der Aussage von 2018. Johannes Vogels Vision von gemeinsamer Wissenschaft und einem gemeinsam ergrabenen Dinosaurier ist nicht aussichtslos. Dann hätte Tansania den größten.