Vor fünf Jahren hatte kein anderer Berliner Bezirk so viele Sonderschüler wie Marzahn-Hellersdorf. Dann kam Schulstadtrat Stefan Komoß (SPD). Er sorgte dafür, dass behinderte und nichtbehinderte Kinder gemeinsam an Grundschulen lernen. „Inklusive Schule auf dem Weg“, nennt Komoß, inzwischen auch Bezirksbürgermeister, sein Konzept. Im Jahr 2007 gab es noch neun Sonderschulen im Bezirk, zum neuen Schuljahr werden es noch drei sein. Und bald womöglich noch weniger.

Herr Komoß, die meisten Kinder mit Behinderung in Ihrem Bezirk besuchen inzwischen die normale Regel-Grundschule nahe ihrer Wohnung. Wie kam es dazu?

Marzahn-Hellersdorf war vor fünf Jahren der Bezirk mit der höchsten Anzahl an Sonderschulen und auch dem höchsten Anteil an Sonderschülern, der lag bei 13 Prozent eines Jahrgangs. Mir ist dann bei Amtsantritt als Schulstadtrat aufgefallen, dass 75 Prozent der Kinder, die eine Sonderschule besuchen, überhaupt keinen Schulabschluss erreichen. Das ist fatal. Die Kinder werden zwar in der Schule gut betreut, eine beruflichen Perspektive, eine Lebensperspektive ist danach aber nicht vorhanden. Das wollte ich ändern.

Wieso war die Sonderschüler-Quote in Marzahn-Hellersdorf so viel höher als im Berliner Durchschnitt?

Das hängt mit der Schülerzahlentwicklung zusammen. Mitte der 1990er-Jahre hatten wir noch 60 000 Schulkinder und etwa 2 400 Sonderschüler, was ein recht geringer Anteil war. Dann sind die Schülerzahlen rapide zurückgegangen bis auf 20 000 Schüler im Jahre 2007. Nicht zurückgegangen aber ist die Zahl der Sonderschüler.

Wieso das denn?

Die Eingangstests, die darüber entschieden haben, welches Kind überhaupt einen sonderpädagogischen Förderbedarf hat, sind von den Sonderschulen selbst gemacht worden. Da wurde dann stets genau der Bedarf attestiert, der der Zahl der vorhandenen Sonderschulplätze entsprach.

Wie schwierig ist es, das Prinzip der Inklusion umzusetzen?

Wir haben zunächst mit der Gruppe der sprach- und lernbehinderten Kinder begonnen. Das sind knapp 80 Prozent aller Kinder mit Behinderungen. Die Einrichtungen für Kinder mit geistiger oder körperlicher Behinderung habe ich beibehalten. Ähnlich will das Land Berlin ja nun auch vorgehen.

Wie reagierten Eltern und Lehrer?

Das hat zu erheblichen Widerständen der Eltern und aus den Schulen heraus geführt. Hauptargument gegen die Schließung war, dass sich die Kinder in den kleinen Gruppen in der Sonderschule sehr gut aufgehoben fühlten.

Ist das nicht verständlich?

Schon. Allerdings meine ich, dass zum Beispiel eine Sprachbehinderung bis zum Ende der 6. Klasse durch Förderung beseitigt sein sollte. Und Lernbehinderung heißt ja, dass diese Kinder langsamer lernen als die Mehrheit der anderen Kinder im gleichen Alter. Sprach- und Lernbehinderungen können bei günstigen Rahmenbedingungen sehr gut in der Regelschule aufgefangen werden. Deshalb haben wir mehrere Sonderschulen geschlossen. Nun muss sich jede Schule darauf einstellen.

Dafür aber brauchen Regelschulen doch erheblich mehr Personal und vernünftige Fortbildung.

Wir konnten die Sonderpädagogen von den Sonderschulen, die wir geschlossen haben, in die Regelschulen versetzen. Pauschal hat jede Grundschule dann sechs Prozent mehr Personal bekommen, was ungefähr drei bis vier Sonderpädagogen pro Schule sind.

Reicht das aus? Lehrer müssen jetzt bei Klassenarbeiten die unterschiedlichsten Arbeitsblätter für verschiedene Niveaustufen vorbereiten.

Ich glaube schon, dass das gehen kann. Zunächst haben wir unser Inklusions-Projekt ja nur mit sechs Grundschulen begonnen, dann meldeten sich neun weitere Grundschulen. Mir liegt daran, dass dies alles freiwillig geschieht. Besonders wichtig ist, dass die Sonderpädagogen tatsächlich als zusätzliche Kräfte an der Regelschule eingesetzt werden. Sie dürfen bei hohem Krankheitsstand nicht als Vertretungslehrer herangezogen werden. Und auch nicht als zusätzliche Betreuer für Klassenfahrten. Denn dann ist niemand da, der die Kinder im Unterricht gezielt fördert.

Aber oft werden Sonderpädagogen als Vertretungskräfte eingesetzt.

Damit hatten wir bei der Umsetzung unseres Inklusions-Projekts im zweiten Jahr auch unsere Probleme. Wir haben nun bei der Schulaufsicht erreicht, dass wieder stärker darauf geachtet wird, dass Sonderpädagogen nur für ihre Kernaufgaben eingesetzt werden.

Auf Landesebene soll es eine pauschale Personalzuweisung für inklusive Schulen geben. Was passiert aber, wenn an einer Schule besonders viele behinderte Kinder sind?

Die zusätzlichen Sonderpädagogen und auch die Lehrer sollen das vor Ort erkennen. Dem Schulleiter steht es dann frei, die zusätzlichen Lehrkräfte einzuteilen. Inklusive Schule heißt ja, dass sich Unterrichts- und Betreuungssituation nahezu wöchentlich ändern können. Bisher gab es nur ein einmaliges Feststellungsverfahren der Behinderung, das war sehr statisch.

Künftig soll sogar die zentrale Feststellung des Förderbedarfs weitgehend wegfallen. Überfordert das die Schulen nicht?

Das dachte ich zunächst auch. Doch nahezu alle Wissenschaftler, die zur Inklusion forschen, sind sich einig: Es macht keinen Sinn, mit einem aufwendigen Verfahren erst mal herauszufiltern, wer außerhalb des Normbereichs ist.

Wieso nicht?

Früher haben Pädagogen in den Sonderschulen für Lern- und Sprachbehinderte in einem gut zehnstündigen Verfahren die Kinder begutachtet. Mehrere tausend Lehrerstunden sind nur für diese Art von Diagnostik eingesetzt worden. Dieses langwierige Verfahren haben wir aufgegeben. Lehrer haben nun viel mehr Zeit für die Kinder.

Aber können Schule und Bildungsverwaltung so flexibel reagieren?

Bisher hat noch nicht ein Elternteil, dessen Kind eine inklusive Schule besucht, das bisherige Verfahren wieder eingefordert.

Und wie organisieren sie den Übergang der Kinder auf Oberschulen?

Unser Ziel ist es, dass alle Kinder mit Behinderung den Übergang in die Sekundarschule schaffen. Gymnasien werden wohl kaum lern- und sprachbehinderte Kinder aufnehmen. Ich hoffe, dass wir deshalb überdurchschnittlich viele zusätzliche Sonderpädagogen an den Sekundarschulen bündeln können.

Das Gespräch führte Martin Klesmann.