Milpa nennt sich eine traditionelle Anbauform indigener Völker in Mittelamerika, die es bis in den Wedding geschafft hat. Dazu werden Kürbis, Mais und Bohnen zusammen gepflanzt: Die Bohnen können am Mais emporranken, die Kürbispflanze wuchert am Boden und hält den Fuß der anderen schattig und feucht. Das ist gut für die Pflanzen und gut für die Erde.

Nadine Lechner ist Landschaftsplanerin von Beruf, die jahrhundertealte Anbaukultur testet sie derzeit im Kleinen, auf ihrem Weddinger Balkon. Dass sich Radieschen und Zwiebeln dagegen nicht mögen, hat sie dort auch aus nächster Nähe erfahren. 100 Euro hat sie für Saatgut ausgegeben, für den Balkon und Mohnsamen, die sie an Straßenrändern ausgeworfen hat. Für einen eigenen Garten fehlt der 32-Jährigen die Zeit, daher macht sie im Gemeinschaftsgarten Himmelbeet am Leopoldplatz mit.

Welche Pflanzen sich guttun und wie man mit der richtigen Mischung im Beet Pestizide vermeiden kann, bringt Lechner gemeinsam mit Sabine Wischnack heute zehn Frauen im Himmelbeet näher. Die sitzen leicht ermattet an einem schwülen Sonnabendmittag unter einem Zeltdach, zwischen blühendem Grün. Die Hälfte der Workshop-Teilnehmerinnen hat ihre Kinder dabei, Maria aus Madrid zum Beispiel. Die Juristin lebt seit neun Jahren im Wedding und hat gerade ihren ersten Kleingarten angemietet. Vom Gärtnern versteht sie nicht viel, vom Workshop bekommt sie allerdings auch nicht viel mit, weil ihr kleiner Sohn beschäftigt werden will. Ihre Nachbarin Chloé ist erst seit sechs Monaten in Berlin und hier, um zu lernen, wie man einen Balkon bepflanzt. Für den Wedding als Wohnort hat sich die Französin wegen des Grüns und der frischen Luft entschieden. Auf ungläubiges Nachfragen erzählt sie lachend, dass sie mit ihrem Mann und dem kleinen Sohn zuvor acht Jahre in China gelebt habe. Danach käme einem alles sehr ländlich vor.

Bunte Mischung

Wie das Umfeld am Leopoldplatz kommt auch hier das Publikum aus verschiedenen Kulturen, die Workshops werden zweisprachig gehalten. Im Notfall wird im Smartphone nachgeschaut („Was heißt mulchen auf Englisch?“). In dem Gemeinschaftsgarten, der im Sommer letzten Jahres eröffnet wurde, mieten Kitas, WGs und Rentner Hochbeete. Dazu gibt es ein Kulturprogramm: Es wird indonesisch gekocht und Tango unterrichtet, es gibt Gartentage für Kinder. Rund 15 feste Mitarbeiter hat die gemeinnützige GmbH, viele weitere helfen freiwillig. Der Kurs zur Mischkultur kostet nichts, richtet sich an Frauen mit Nachwuchs, eine Mitarbeiterin des Gartens passt auf die Kinder auf. Hier sitzen keine Hipster, die gehört haben, dass der Wedding angeblich kommt, sondern eine bunte Mischung aus Anwohnerinnen und Interessierten, Zugezogenen und Alteingesessenen.

Auf Englisch erklärt Wischnack nun, dass Tomaten mit Basilikum nicht nur gut schmecken, sondern auch im Beet oder auf der Fensterbank eine gute Kombination sind. Sie verstärken ihren Geschmack, und da Läuse den Geruch von Tomaten nicht mögen, werden Schädlinge abgewehrt. Sogar Schnittblumen in der Vase können schneller verwelken, wenn sie nicht zueinander passen.

Ob Blumenvase oder globale Landwirtschaft – das Thema Gärtnern liegt Wischnack offensichtlich am Herzen. Die Chemikerin erklärt, wie man Bienen und Hummeln Nahrung bieten kann, wie man natürlich düngt und wie sich manche Pflanzen durch chemische Reaktionen Konkurrenten vom Leib halten. Und dass es nicht reiche, Schnecken in den Nachbargarten zu werfen, sondern dass man sie 120 Meter weit wegbringen müsse, damit sie sich nicht an den Heimweg erinnern. Generell sei das Thema Mischkulturen noch wenig erforscht, wir sollten ruhig experimentieren. Die Naturwissenschaftlerin schwärmt von Spinnen und Kellerasseln: „Die sollte man lieben. Die sind toll für den Boden.“ Auch Würmer sind Kreaturen, die die 47-Jährige zu begeisterten Ausrufen bewegen. Lechner züchtet gerade Regenwürmer in einer Kiste auf dem Balkon, neben der mexikanischen Mischkultur: „Drei Monate, und mein Kompost ist zu Erde geworden.“

Nach dem Workshop erzählt Carlota, eine weitere Teilnehmerin, wie sie ihren Kreuzberger Hinterhof kultiviert. Wo vorher Unkraut auf alten Teppichen und Plastikmüll wucherte, wächst heute Gemüse in Frühbeeten. „Leider gärtnern die Nachbarn nicht mit, wie ich gehofft hatte. Sie klauen nur ab und zu die Ernte“, seufzt die 30-jährige Soziologin. Doch entmutigen lässt sie sich nicht. Eine andere Besucherin will die praktischen Tipps gleich auf ihrem Balkon anwenden. Ob sie dort auch ein Bienenvolk halten könne, fragt sie enthusiastisch, doch Wischnack und Lechner raten ab. Ganz so nah wollten die kleinen Tiere uns nicht kommen. Sich unters Volk mischen, sollte man sich also besser woanders.

Info unter himmelbeet.com