Gemüseladen Bizim Bakkal in Kreuzberg: Kündigung zurückgenommen - Zukunft weiterhin unklar

Applaus, Jubelrufe am Mittwochabend auf der Wrangelstraße 77 in Kreuzberg vor Bizim Bakkal: Der Protest gegen die Schließung des inzwischen deutschlandweit bekannten Gemüseladens hat sich gelohnt, denken sich die etwa 200 Menschen, die sich hier seit sechs Wochen immer mittwochs um 19 Uhr versammeln. Den Laden betreibt seit 28 Jahren Ahmet Caliskan. Ihm war Ende März gekündigt worden, was zu erheblichen Protesten in der Nachbarschaft führte. Der Streit steht symbolisch für die Verdrängungsprozesse in der Stadt.

Während der Proteste hatte ein Sprecher der Initiative „Bizim Kiez“ verkündet, dass die Kündigung des Gewerbevertrags von Ahmet Caliskans Gemüseladen zum 30. September 2015 vom Eigentümer zurückgezogen wurde. Mitten im Applaus unterbricht der Sprecher aber die aufgekratzte Gemeinde: „Moment, Moment“, er wolle hier nicht falsch verstanden werden, niemand solle sich zu früh freuen. Man begrüße zwar das Angebot des Eigentümers. Aber das sei keine Garantie, dass Ahmet Caliskans Gemüseladen hier bleiben könne. Irritiert schauen sich einige Menschen an. Haben sie etwa an der falschen Stelle geklatscht? Darf man sich doch (noch) nicht freuen? Das ist doch ein Erfolg für die „Bizim Kiez“-Bewegung, oder etwa nicht?

Nicht so einfach

Das ist nicht so einfach. Ahmet Caliskan sagt am Rande der Veranstaltung, er könne sich erst äußern, wenn ihm das neue Papier vorliege. Zu oft seien die Gespräche zwischen ihm und den Anwälten des Eigentümers in der Vergangenheit gescheitert. Er ist vorsichtig.

In dem Schreiben, das die Anwälte des Eigentümers an Medienvertreter geschickt haben, steht, dass Caliskan selbst um ein Gespräch mit der Hausverwaltung gebeten habe, noch bevor die eigentliche Kündigung ausgesprochen wurde. Der Grund: Der Gemüsehändler habe überlegt, den Laden aufzugeben. Aus persönlichen Gründen. Die Initiative „Bizim Kiez“ sieht in den Aussagen der Anwälte ein taktisches Vorgehen. Auf ihrer Webseite werfen sie den „Medienanwälten“ nun „Trickserei“ und „Falschaussagen“ vor, um den Protest zu bremsen. „Caliskan wollte einen neuen Vertrag, in dem sein Sohn genannt ist, damit es für die Familie weitergehen kann,“ schreiben sie. Caliskan selbst berichtete, er habe den Hauseigentümer Angebote gemacht, einen möglichen Nachmieter und seinen Sohn als Nachfolger vorgeschlagen. Diese Angebote seien jedoch von der Hausverwaltung abgelehnt worden. Dann kam die Kündigung.

Als die Anwohner Ende Mai davon erfuhren, dass dem Gemüseladen gekündigt wurde, formierte sich die Protestbewegung. Innerhalb weniger Wochen haben sich Hunderte zusammengefunden. Prominente Schriftsteller wie David Wagner engagieren sich. Auch Bezirks- und auch Bundestagsabgeordnete wurden gewonnen. Es geht natürlich nicht nur um den Laden. Die Verdrängung aus dem Kiez ist das Thema. Der Protest ist nun zum Straßenfest mutiert, mit Musik und Literatur. Junge und alte Menschen kommen, Neuankömmlinge und Alteingesessene.

Proteste gehen weiter

Der Sturm wird sich vermutlich erst dann legen, wenn eine Einigung erzielt wurde, der alte Vertrag wieder gilt – oder aber ein neuer Vertrag von beiden Seiten unterschrieben wurde.
Mindestens bis dahin will die Initiative weitermachen – mit Informationen zum Fall Bizim Bakkal, aber auch zu anderen von der Verdrängung bedrohten Läden und Mietern. „Nur gemeinsam können wir was bewegen“, heißt es von der Bühne. Dann gibt es wieder Applaus. Die Menschen gehen nach Hause. Bis nächsten Mittwoch.