Berlin - Für deutsche Muttersprachler und Muttersprachlerinnen ist das Themenkomplex „Gendern“ schon verwirrend genug. Für Zuwanderinnen und Zuwanderer ist es noch schwieriger. Selbst das Wort „Gendern“ ist für englischsprachige Menschen wie mich ziemlich merkwürdig. Als ich diesen Anglizismus zum ersten Mal hörte, dachte ich Aha, „Gendern“ muss doch irgendwas wie „einen Gender zuschreiben“ bedeuten. 

Der Duden gibt mir Recht und definiert „gendern“ als „das Gender-Mainstreaming (auf etwas) anwenden“. Aber hier im Berliner Verlag wird „das Gendern“ als Synonym für die Anwendung von gendergerechter Sprache, also genau das Gegenteil, verstanden. Verstehen Sie jetzt, warum mich das Ganze verwirrt?

Wenn es um das Gendern selbst geht, finde ich die Praxis, männliche und weibliche Formen in voller Länge zu schreiben, grauenhaft: zum Beispiel Schornsteinfegerinnen und Schornsteinfeger. Für Menschen, die „die schreckliche deutsche Sprache“ (Mark Twain) lernen, machen solche Konstruktionen es nicht einfacher. Die Varianten mit „*“, „:“ oder „_“ sind nicht besser.

Für Gegner des Gendern stammt dieser „Genderwahn“ aus einer außer Kontrolle geratenen Identitätspolitik. Meiner Erachtens stammen sie eher aus dem deutschen Hang zu Gründlichkeit und Korrektheit.

Der Gedanke, der hinter „Gendern“ steckt, ist für mich nachvollziehbar: Im 21. Jahrhundert soll die Sprache die Gleichheit aller Männer und Frauen und nicht binären Menschen widerspiegeln. Trotzdem finde ich die Lösungen, die bisher gefunden wurden, weder elegant noch gut verständlich.

Wäre es nicht eine radikalere, aber gleichzeitig schlichtere und schönere Lösung, einfach die grammatikalischen Geschlechter abzuschaffen? Man könnte das „generische Maskulinum“ weiter verwenden, aber anders nennen. In der anglophonen Welt, in Kreisen, die die gendergerechte Sprache schätzen, wurde das Wort „actress“ mehr oder weniger abgeschafft. Schauspielerinnen werden nun „actors“ genannt. Im deutschen feministischen Kontext ist das vielleicht verwirrend, weil hier die „männliche“ Form mit Absicht verwendet wird, um mehr Neutralität im Sprachverbrauch zu generieren. Die Frau, die letztes Jahr ihre Sparkasse verklagt hat, weil die Institution sie als „Kunde“ statt „Kundin“ angeschrieben hat, wäre natürlich mit dem Begriff „actor“ nicht einverstanden.

Aber warum nicht einfach die Begriffe „Maskulinum“ und „Femininum“ abschaffen? Genau das passierte im Dänischen und Schwedischen. Dort gab es früher auch drei grammatikalische Geschlechter. Heute gibt es Neutrum – und Utrum, das Ergebnis eines Zusammenschmelzen des Maskulinums und Femininums. Für Deutschsprachige sehen Utrum-Wörter männlich aus, besonders in der Mehrzahlform: die Dänen nennen Politikerinnen und Politiker „politiker“. In Dänemark würde kein Mensch auf die Idee kommen, dass mit „politiker“ Frauen oder nicht-binären Menschen nicht gemeint sind. Die dänische Premierministerin heißt nun „statsminister“.

Für mich liegt der Weg zur gendergerechten Sprache in der radikalen Vereinfachung. Es ist unverschämt, dass Mädchen immer noch das grammatikalische Geschlecht „Neutrum“ mit sich rumtragen müssen. Aber vielleicht ist es die ultimative Lösung, einfach „der“ und „die“ wegfallen zu lassen: das Junge, das Mann, das Frau, das Politiker, das SPD, das AfD. Vielleicht ein wenig zu radikal. Aber für Neuankömmlinge wunderbar schlicht und einfach zu lernen.