Berlin - Klaus Bittermann, 59, ist sein eigener Verleger. Doch der Chef der Edition Tiamat gibt mitnichten nur seine eigenen Bücher, wie etwa die jüngst erschienene Sammlung seiner Kolumnen, heraus. Das Spektrum des linken Ein-Mann-Verlages reicht von gelehrten Klassikern wie Hannah Arendt, Guy Debord und Antonio Negri bis hin zu Humoristen wie Wiglaf Droste, Hans Zippert und Fanny Müller. Das Bittermann-Buch mit den „Kreuzberger Szenen“ – Kolumnen aus aus taz und der Junger Welt - trägt den Titel „Möbel zu Hause, aber kein Geld für Alkohol“. Wir haben mit Bittermann darüber gesprochen, wie sich dieser Berliner Bezirk gewandelt hat und warum er trotz allem reizvoll bleibt.

Herr Bittermann, Sie leben seit 30 Jahren in Kreuzberg in der Gegend, die man heute Graefekiez nennt. „Gern lebenslänglich“ heißt ein Slogan von engagierten Kiezbewohnern, der kursiert auch als Postkarte. Wird es für Sie lebenslänglich Graefekiez werden?

Man kann nie wissen. Doch warum eigentlich nicht - ich habe schon oft meine Späße darüber gemacht, dass ich diese Wohnung, in der ich schon 30 Jahre lebe, wohl nur mit den Füßen voraus verlassen werde. Als ich aus Nürnberg hierher kam, war das eine ziemlich graue, heruntergekommene Gegend, vergleichbar vielleicht mit einigen schlimmen Gegenden im Wedding in der heutigen Zeit. Man lebte hier fast an der Mauer, im Winter hing der Geruch der Kohleöfen in der Luft.

Eine ganz eigene Atmosphäre, muss man mögen.

Ja, das hatte auch seinen Reiz. Diese Abgeschlossenheit West-Berlins. Wichtig war damals natürlich, dass die Miete hier extrem billig war. Und billig ist sie immer noch, wenn man auf das heutige Mietniveau schaut. Bei Sanierung und Neuvermietung wäre wohl das Dreifache fällig. Warum sollte ich umziehen, das ist eine nette Gegend heute. Früher gab es hier keine Cafés, Bars und Restaurants. Nur die typischen Berliner Eckneipen und mal eine Sanitärhandlung oder einen Trödelladen. Die Gentrifizierung hat auch ihre Vorteile.

Warum sind Sie all die Jahre in Kreuzberg geblieben?

Ich fand Kreuzberg immer ganz spannend. Als ich kam, waren hier die Hausbesetzer aktiv. West-Berlin war damals, was die Jugendbewegung betraf, zusammen mit Zürich, Amsterdam und London ganz vorne. Das war sehr attraktiv für junge Leute wie mich.

Gab es später nie den Reiz, mal den Osten auszuprobieren?

Der Osten hat mich nie sonderlich interessiert. Es ist keine Aversion, eher Gleichgültigkeit. Vielleicht kommt das daher, dass ich in Mauerzeiten fünf, höchstens zehn Mal drüben war - und jedes Mal fand ich es absolut deprimierend. Es war noch grauer und trüber als in Kreuzberg, es herrschte da eine Geisterstadtatmosphäre. Mir gelang es kaum, mein Zwangsumtauschgeld auszugeben. Und die Entwicklung von Berlin-Mitte nach der Wende hat mir auch nicht gefallen, diese Durchkommerzialisierung, die dann bald einsetzte. Da ist mir auch die Bevölkerungsstruktur zu homogen.

In ihren Kolumnen beschreiben Sie ein Kreuzberg, dass sich unter dem Ansturm junger Rollkoffer-Touristen und solventer Mittelschichtsfamilien verändert. Doch Penner, Alkoholiker, Renitente, Griesgrämige halten sich hartnäckig. Alles gar nicht so schlimm mit der Gentrifizierung?

Der Goldrausch ist deutlich zu merken. Die Immobilienbranche hat Kreuzberg entdeckt, da läuft die Suche nach den Filetstücken, Mietwohnungen werden in Eigentumswohnungen umgewandelt. Manchmal sieht man diese „Immobilienhaie“ dann beim Italiener essen. Die Veränderungen sind teils auch im Straßenbild ganz deutlich zu sehen.

Die Oranienstraße zum Beispiel hat sich sehr ballermannmäßig entwickelt. Das kriege ich immer mit, wenn ich meine Lieblingsbuchhandlung Kisch und Co. besuche. Aber letztlich mag ich auch diese Gegend immer noch. Ich habe nichts generell gegen Styling und Schick, doch wenn es zu homogen wird, dann wird es langweilig. Das gilt nicht nur für Kreuzberg.