Einmal noch die Arrabbiata. Obwohl sie beide schon lange kaum mehr Fleisch essen. Aber es ist der letzte Abend, an dem alles noch einmal ist, wie es immer war, die letzten acht Jahre lang. Morgen bauen sie die Küche aus. „Irgendwann muss man ja anfangen“, sagt Antje Borchardt. Irgendwann muss das Ende beginnen.

Alle Tische sind besetzt an diesem Abend, eine Woche, bevor das Freie Neukölln schließen soll. Stammgäste, die noch einmal bei Kerzenschein an einem der abgewetzten Tische sitzen wollen. Viele kommen gerade noch einmal und noch einmal. Und noch ein letztes Mal. Wie man das so macht mit Dingen, die man vermissen wird.

Antje Borchardt und Matthias Merkle sitzen hinten, wo geraucht wird, stecken sich eine nach der anderen an und reden jetzt erst mal über alles, was sie nicht vermissen werden. Es war nicht ihre Entscheidung, die Kneipe dichtzumachen, eigentlich. Sie haben sie aber zu ihrer gemacht. Sie hatten genug Zeit dafür. Ihr Mietvertrag war nur ein befristeter, der Vermieter, sagen sie, habe sie schon lange raushaben wollen, ihnen mehrmals fristlos gekündigt, jedes Mal konnte ihr Anwalt helfen. Sie sahen dann keine Möglichkeit, über eine Verlängerung des Vertrages überhaupt zu verhandeln.

„Wir glauben nicht mehr, dass die Stadt noch taugt, um ein gutes Leben zu führen“, sagt Matthias Merkle jetzt. Wie eine Wohnung, die zu klein geworden ist, oder ein Job, der nicht mehr passt. „Die Stadt ist woanders hin unterwegs als wir.“

Nur wohin? Als das Freie Neukölln aufmachte, war die Weserstraße noch unbekannt, weil dort noch nicht eine Bar neben der anderen sie als Ausgehmeile auf dem Stadtplan hervorhob. Das Freien Neukölln erzählt deshalb heute auch die Geschichte vom Dilemma der Pioniere, der ersten am Platz: Aus einer unwirtlichen Wohnstraße im Reuterkiez, durch die man am besten schnellen Schrittes ging, die spärlich beleuchtet war, wurde ein Szenekiez, weil eine Bar die andere anzieht wie Motten das Licht.

Da gibt es heute das Silver Future, das kurz nach dem Freien Neukölln aufmachte, queer, mit himbeerroten Wänden; es gibt das Sadhu, indisch, ab 18 Uhr ist Happy Hour; es gibt eine Bäckerei, in der es so gemütlich weiß ist wie in einer Arztpraxis, wer’s mag hat meistens einen Laptop dabei. Und es gibt sie auch noch, die Eckkneipe, wo das kleine Schultheiss 1,50 Euro kostet. So gesehen ist die Welt noch ganz in Ordnung im Reuterkiez. Nur das Freie Neukölln ist eben nicht mehr da.

Ist das alles? Nicht ganz. Es passiert noch etwas anderes, das man besser in Zahlen zeigt als auf einem Spaziergang, bei dem den Blick nur trübt, dass so ein neuer Laden mit gutem Kaffee doch so schlecht nicht sein kann. Ist er ja auch nicht. Aber: 8,37 Euro Nettokaltmiete bei Neuvermietungen. Das ist eine Preissteigerung von 54 Prozent seit 2009. Spitzenplatz in Berlin. Übrigens auch bei den Kaufpreisen für Eigentumswohnungen.

Wäre der Vertrag verlängert worden, hätten sie wohl die neue Miete nicht mehr zahlen können im Freien Neukölln, so sehen Antje Borchardt und Matthias Merkle das. Und selbst die Preise anheben, das hätten sie nicht gewollt. Es war Teil ihres Konzepts, dass das Bier günstig ist und die Lust, lange um einen Tisch herum zu debattieren, groß.

Es geht darum, was man will in dieser Stadt. Das Quartiersmanagement im Kiez hat sich in den vergangenen Jahren vor allem darum gekümmert, leere Läden an Kreative zu vermieten. Viele sagen jetzt: Das war zu viel Imagepflege. Und zu kurzfristig gedacht.

„Hätten wir gesehen, dass es Widerstand gibt gegen diese Nicht-Stadtentwicklung, wären wir geblieben“, sagt Matthias Merkle. Sie haben selbst auf ihrem Videoblog oft Kritik geäußert. Auch wenn es nichts geändert hat, eine Haltung zum Neuen zu finden, sei wichtig, sagen sie. Damit gehen sie jetzt raus aus der Stadt: Bei Strausberg planen sie auf einem ehemaligen Fernmeldegelände der DDR die Andere Welt. Wohnen, arbeiten, Kultur, alles nichtkommerziell und nachhaltig. Gerade handeln sie den Bebauungsplan aus. Sie sind wieder Pioniere. Aber nicht mehr in Berlin.