Berlin - Das Nachbarschaftshaus auf dem Helmholtzplatz in Prenzlauer Berg ist zurzeit in schwarze Folie gehüllt. Das soll Widerstand signalisieren, denn der zuständige grüne Stadtrat Jens-Holger Kirchner, hatte im letzten November in einer Nacht- und Nebelaktion mitgeteilt, dass er das Haus schließen will. Das verwunderte, weil Kirchner, Spitzname Nilson, ja selbst ein alter Prenzlauer Berger ist, der auch mal eine Wohnung besetzt hatte und Sinn für Soziales hat. Man rätselte, was der Mann plant.

Es gab eine Menge Proteste gegen die „Rambo-Aktion“, vom Förderverein Helmholtzplatz und seinen Partnern sowie von den Anwohnern. Befürchtet wurde, ein Café könnte daraus werden, oder eine Bar, um den schwierigen Platz endlich zu befrieden, jetzt, wo gerade das Ende der Sanierung des Gebiets verkündet wurde. Das Nachbarschaftshaus ist ein Symbol dafür, wie sich viele den künftigen Prenzlauer Berg vorgestellt hatten, einer der wenigen noch gebliebenen nichtkommerziellen Treffpunkte in den durchsanierten und gentrifizierten Stadtvierteln, ehrenamtlich betrieben, auch von den sozial schwachen Anwohnern genutzt.

Mal gefährlich, mal friedlich

„Wer hat Angst vorm Helmholtzplatz?!“, haben die Initiatoren in großen weißen Buchstaben auf die schwarze Folie gepinselt und die Anwohner aufgefordert, dazu zu schreiben, wie sie sich gute Nachbarschaft vorstellen. „Manchmal“, hat jemand notiert, „ist es ein Fortschritt, alles zu lassen wie es ist.“ Klingt fast schon philosophisch, gemeint ist sicher der Status quo auf dem Platz.

In einer Art friedlicher Koexistenz, das war zumindest bisher Konsens, sollen Mütter und Väter mit ihren Kindern die verschiedenen Angebote nutzen; Jugendliche, die im Kiez heranwachsen, ältere Leute, auch die wechselnden Trinkergemeinschaften haben ihren Ort.Das geht eigentlich seit 25 Jahren so, mal besser, mal schlechter. Mal galt der Helmholtzplatz als gefährlicher Ort, mal ging es über Jahre ziemlich friedlich zu, gerade wachsen wieder die Spannungen. Aber immer war eigentlich klar, wem der Platz gehört. Allen.

Das Platzhaus war zu DDR-Zeiten eine öffentliche Bedürfnisanstalt, jeder konnte dort gratis und diskret seine Notdurft verrichten, das schonte Büsche und Hecken. Mit der Wende schloss man die Klos einfach zu und kümmerte sich nicht weiter, das passte zu dem damals völlig heruntergekommenen Platz.

Sonja Kemnitz fing Ende der Neunzigerjahre als ABM-Kraft auf dem Helmholtzplatz an, in jenen Tagen nach Polizeieinschätzung „ein gefährlicher Ort“. Die Sanierung im Kiez war schon angelaufen, und Sonja Kemnitz sollte den Platz zivilisieren, zum Beispiel, indem sie mit Kindern und Jugendlichen dort Theater spielte. Aber es waren kaum Kinder da, viele Familien waren weggezogen, und diejenigen, die neu kamen, hatten erstmal andere Interessen. Dafür gab’s die Trinker. „Ich dachte damals, die verschlossene Bedürfnisanstalt könnte gut ein offenes Platzhaus für die Anwohner werden. Ich ging zur Wall AG, der das Haus gehörte, Wall fand das gut, drei Wochen später hatte ich die Schlüssel. Ganz unkompliziert.“ Der Bezirk war offen für ihre Pläne und gab Geld, denn das passte ins Aufwertungsprogramm für den Platz und die Gegend. Sonja Kemnitz organisierte den Umbau, und die Trinker packten mit an.

Diese trafen sich damals am alten Trafohaus im östlichen Teil des Platzes. Auf eine der geklinkerten Säulen hatte jemand zwischen bunte Graffiti Namen geschrieben. Lila, Nippes, Micha, Anja, Markus, Ricardo, Wahnsee, Jero: Die Trinkerinnen und Trinker der ersten Generation, die den Suff nicht überlebt haben. Damals gab es eine Menge Stress auf dem Platz, Brüllereien, Schlägereien, zerborstenen Bierflaschen, Unrat. Zank und Streit und weinseligen Frieden und wieder Zank und Streit.

Das Trafohaus wurde zwischenzeitlich ausgebaut zum Kindercafé mit Buddelsand, Plastikautos und Latte Macchiato. Die Totengalerie wurde wegsaniert, aber die Säufer blieben auf dem Platz, sie wechselten nur den Standort, mehr hin zur Platzmitte, in die Nähe des Platzhauses, dort, wo die Tischtennisplatten aus Beton stehen. Sie verhielten sich friedlich. Viel Anteil an dem guten Mit- und Nebeneinander hatte der Förderverein, der das Haus vor zwölf Jahren übernahm. Er vermittelte, wenn es Konflikte auf dem Platz gab.

Ilona Sachs ist seit vielen Jahren Vorsitzende des Vereins Helmholtzplatz. Sie lebt seit 24 Jahren in dem Kiez. Damals kam sie mit ihrer vierjährigen Tochter aus Waldheim in Sachsen nach Berlin und besetzte eine Wohnung in der Lychener Straße. Weil sie Gemeinschaft suchte, erzählt sie, gute Nachbarschaft, das Lebensgefühl des Prenzlauer Bergs. Heute, sagt sie, hätten die Leute andere Prioritäten, sie wollen eine der schönen, sanierten Wohnungen, gute Betreuung in einem der vielen Kinderläden im Viertel.

Das Sanierungsprogramm für den Kiez ist nach 21 Jahren gerade beendet. Die sozialen Ergebnisse benennt eine Studie: Nur noch 13 Prozent der Haushalte wohnten schon vor der Sanierung im Kiez. Die Stammbewohner verdienen weniger und sind öfter auf staatliche Hilfen angewiesen als die Zugezogenen. Die wiederum sind besser qualifiziert und ihr Einkommen ist so hoch, dass sie sich zunehmend Eigentumswohnungen leisten können. Viele ihrer Wohnungen sind so gut ausgestattet, dass sie als luxussaniert durchgehen, was eigentlich nicht sein darf in der Gegend. Ältere und ärmere Bewohner können nur im Kiez bleiben, wenn sie in einer der 2800 öffentlich geförderten Wohnungen unterkommen. Doch deren Anzahl sinkt. Das ursprüngliche Ziel der Sanierung, die Sozialstruktur zu erhalten, wurde damit klar verfehlt.

So sind auch die sozialen Konflikte rund um den Platz größer geworden. Man spürt das, wenn man einmal einen Tag dort verbringt.

Der 34-jährige S. ist an diesem Tag seit halb elf Uhr auf dem Platz, er hat die Nacht wie so oft im Treppenhaus vor dem Dachboden eines der umliegenden Häuser verbracht. S. stammt aus der Schorfheide, er lebt von Stütze und ist noch nicht lange hier. Jetzt ist es Mittag, S. hat eine halbe Flasche Schnaps getrunken und dazu zwei, drei Bier. Irgendwann wankt er an die Hecke am Rande des Platzes, um Urin abzuschlagen. Dann wankt er mit der halbvollen Flasche zurück zu den Tischtennisplatten.