Als der Vermieter bei ihnen klingelt, sitzt Ingo Müller gerade in der Badewanne. Es ist ein Nachmittag im Oktober, der Besuch war nicht angekündigt. Zum Glück ist Marianne Müller zu Hause. Sie öffnet die Tür.

Ein Mann steht dort, jung, in heller Hose und Lederjacke, mit einem Umschlag in der Hand, Nicolas Herrmann, Geschäftsführer der Predac. Er bringe die Antwort, sagt er. Die Antwort auf ihr Schreiben. Da stehe drin, dass sie lebenslangen Mieterschutz hätten. Aber das sei ja ohnehin klar gewesen.

„Klar gewesen?“, fragt Marianne Müller. „Warum haben Sie uns das denn nicht gleich gesagt?“

Sie habe gedacht, sie spinne, sagt sie später. Als habe Herrmann nicht gerade noch Briefe verschickt, in denen vom zehnjährigen Kündigungsschutz die Rede war! Als hätte ihr Mann nicht die halbe Stadt verrückt machen müssen, um herauszufinden, ob der lebenslange Schutz für sie gilt!

Sie sitzen auf ihrem Sofa im Wohnzimmer, im Fernsehen läuft Skispringen, auf dem Tisch liegt Herrmanns Brief, ein brauner Umschlag, DIN A5. Alles ist drin, ihre Änderung zum Mietvertrag aus dem Jahr 1994, die Bestätigung des Vermieters, dass diese Änderung „zu einer den Eigentümer bindenden Verpflichtung geworden ist“. Und sogar noch eine Erklärung, dass das auch für alle anderen Mieter gilt, die seit 24 Jahren hier wohnen. Es ist der Moment, auf den Müllers gewartet haben. Sie haben es schwarz auf weiß. Sie können in ihrer Wohnung bleiben! Sie müssen nicht raus!

„Der wollte uns austricksen und kann es nicht zugeben“

Aber irgendwie können sie sich nicht so richtig darüber freuen. Herrmanns Bemerkung ist schuld, diese Art, so zu tun, als sei alles nur ein Missverständnis gewesen, ein Kommunikationsproblem.

„Der Herrmann hat es auf die Doofe versucht“, sagt Marianne Müller.

„Der wollte uns austricksen und kann es nicht zugeben“, sagt ihr Mann.

Es fühlt sich so an, als wären sie zweimal betrogen worden, erst um den Mieterschutz und jetzt auch noch um ihren Sieg gegen die Predac. Und wer weiß, um was noch alles.

Die Karl-Marx-Allee ist die prächtigste Straße im Osten der Stadt, eine Magistrale breiter als die Champs-Élysées, die Häuser im sowjetischen Zuckerbäckerstil gebaut. Marianne Müllers Vater war hier in den Fünfzigern Aufbauhelfer. Als Dank bekam er eine Wohnung. Marianne Müller, 58, wurde hier geboren und ist nie weggezogen, eine Blumenverkäuferin, die zu Mauerzeiten die Aufmärsche der Partei von ihrem Fenster aus sah und nach der Wiedervereinigung gegen den Verkauf der Straße an die Depfa, eine deutsche Investitionsbank, unterschrieb. Die Depfa gibt es nicht mehr, sie wurde 2001 in die Aareal Bank und die Depfa Bank aufgespalten und 2007 mit der Hypo Real Estate Bank zusammengelegt, die der Finanzkrise zum Opfer fiel.

Laut Herrmann sind die Müllers selber schuld

Müllers Haus gehört der Predac, einer Fondsgesellschaft, die sich als Depfa-Nachfolger versteht. Der Fond wird aufgelöst, das Haus in Eigentumswohnungen umgewandelt. Eine Eigenbedarfskündigung sei für mindestens zehn Jahre ausgeschlossen, schrieb Predac-Geschäftsführer Nicolas Herrmann am 19. April 2017. Er schrieb nicht, dass 1993 eine Klausel in den Kaufvertrag aufgenommen wurde, die allen Mietern, die zu diesem Zeitpunkt in der Karl-Marx-Allee wohnten, lebenslangen Schutz vor Eigenbedarfskündigungen garantiert. Bis heute.

Nicolas Herrmann ist ein Immobilienkaufmann aus Süddeutschland, der hochgekrempelte Jeans trägt und sich locker und freundlich gibt, wenn man mit ihm redet, offiziell aber nur schriftlich auf Fragen antwortet und das so geschickt, dass man am Ende auch nicht mehr weiß als am Anfang. Im Sommer, als Müllers nach der Klausel suchten, schrieb er auf die Frage, ob er von dem besonderen Mieterschutz wisse: „Der Verkäuferin sind die Bedingungen des Kaufvertrages und aller weiteren mit der WBF geschlossenen Verträge bekannt und sie hält diese ein.“ Die WBF ist die Wohnungsbaugesellschaft Friedrichshain, die die Häuser 1993 verkaufte. Um welche Bedingungen es sich handelt, schrieb er nicht. Fragt man ihn heute, warum er die Klausel verschwieg, weist er darauf hin, den Mieterbeirat in seine Entscheidungen mit einbezogen zu haben. Außerdem hätten sich Müllers leider nicht bei ihm gemeldet, „um die individuelle Situation zu besprechen“. Mit anderen Worten: Müllers sind selber schuld.

Die wiederentdeckte Klausel ist nur das letzte Glied in einer langen, schwer durchschaubaren Kette von Vorgängen um eine Straße, die einst aus Kriegsruinen errichtet wurde. Müllers haben ein wenig Licht in das Dunkel gebracht, aber auch neue Fragen aufgeworfen: Wie ist die Klausel in den Vertrag gekommen? Wie ist sie verschwunden? Wer hat Schuld daran?

Der "tote Winkel der Erinnerungskultur"

Es geht um den Mieterschutz und die Karl-Marx-Allee, aber es geht auch um eine Zeit, in der in Deutschland mehr als nur eine Straße verkauft wurde. Über diese Zeit wird in Deutschland nicht viel gesprochen und geschrieben. Die Jahre nach der Wiedervereinigung sind aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden, als hätte es sie nie gegeben. Genau wie die Klausel. Das hat auch damit zu tun, dass diese Zeit in Ost und West völlig unterschiedlich wahrgenommen wird. Westdeutsche sehen ihren Einsatz im Osten als Höhepunkt ihrer beruflichen Laufbahn und sich selbst als nationale Aufbauhelfer.

Den Frust und die Enttäuschung vieler Ostdeutscher, die in dieser Zeit ihre Arbeit verloren und zusehen mussten, wie ihre Betriebe aufgelöst wurden, können sie schwer nachvollziehen. In einer Studie aus Bochum, die sich mit der Arbeit der Treuhandanstalt beschäftigt, wird von einem „toten Winkel der Erinnerungskultur“ gesprochen. Eine Möglichkeit, die Erinnerung wiederzubeleben, ist das Informationsfreiheitsgesetz. Danach hat jeder das Recht, Akten von Behörden und Institutionen kostenpflichtig einzusehen. Es soll die demokratische Meinungs- und Willensbildung fördern und eine Kontrolle des staatlichen Handelns ermöglichen, steht im Gesetzestext. Nicht erwähnt wird, dass Unterlagen nach zehn Jahren vernichtet werden können und in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung Probleme aus den Neunzigern nicht gerade oberste Priorität haben.

Nach zehn Wochen gibt es einen neuen Termin

Auf die erste Anfrage kommt gar keine Antwort. Auf die zweite der Hinweis, dass sich der verantwortliche Mitarbeiter im Urlaub befinde. Nach sechs Wochen gibt es einen Termin in der Württembergischen Straße in Wilmersdorf. Ein freundlicher Herr überreicht eine dünne Akte, in der sich vor allem die eigenen Artikel zur Karl-Marx-Allee befinden sowie der dazu gehörige Mailverkehr. Neue Erkenntnisse: keine.

Der freundliche Herr zuckt mit den Schultern, die Pressestelle empfiehlt, den Antrag noch einmal zu stellen, mit mehr Dringlichkeit. Nach zehn Wochen gibt es einen neuen Termin. Im Keller der Senatsverwaltung wurden Unterlagen gefunden, Briefe aus dem Senat an die Wohnungsbaugesellschaften im Ostteil der Stadt, datiert auf das Jahr 1993, mit Maschine getippt, „sehr geehrte Herren“ steht in der Anrede.

Es geht um Wohnungsverkäufe nach dem Altschuldenhilfegesetz. Die Depfa interessiert sich für die Stalinbauten in der Karl-Marx-Allee. Mitbewerber tauchen nicht auf. Am 9. November 1993 legt die Depfa dem Senat ein Privatisierungskonzept für einen „en-bloc-Verkauf an eine Objektgesellschaft“ vor.

Einen Tag später, am 10. November, berät der WBF-Aufsichtsrat das Papier. Es soll noch vor Jahresende unterschrieben werden. Grund ist eine Mieterbefragung, die ab 1994 Pflicht ist. Die Wohnungsbaugesellschaft Friedrichshain, die die Allee verkauft, rechnet zwar nicht damit, dass sich ehemalige DDR-Bürger den Kauf ihrer Wohnung leisten können, aber schon ein einziger Interessent könnte den „en-bloc-Verkauf“ durch die Depfa stoppen. Außerdem läuft zum 31. Dezember 1993 die Sonder-Afa von 50 Prozent aus, eine Regelung der Bundesregierung zum Abschreiben von Investitionen. CDU-Finanzsenator Elmar Pieroth schreibt an Wolfgang Nagel, seinen sozialdemokratischen Kollegen aus dem Bauressort, dass dann „der wesentliche Kaufreiz“ für Investoren entfalle.

Von der Mieterschutzklausel will niemand was wissen

Pieroths Ton ist scharf, er fürchtet offenbar, ein erstklassiges Geschäft für die Stadt zu verlieren. Es gehe um ein „Einnahmevolumen von über einer Milliarde D-Mark“, schreibt er an Nagel. Insgesamt würden durch die Verkäufe Investitionen von circa 9,4 Milliarden DM ausgelöst. Am Ende des Briefes bringt er den Rechnungshof ins Spiel und teilt dem Amtskollegen mit, dass eine Kopie des Briefes auch an den Regierenden Bürgermeister, Eberhard Diepgen, gehe.

Es klingt fast wie eine Drohung. Und es funktioniert. Der Sozialdemokrat Nagel erklärt sich bereit, 3000 kommunale Wohnungen an eine Bank aus Wiesbaden zu verkaufen, unter einer Bedingung: „Der Käufer von Miethäusern oder Wohnanlagen muß sich im Kaufvertrag dazu verpflichten, die Mietwohnungen dauerhaft… entweder nicht in Eigentumswohnungen umzuwandeln oder auf Eigenbedarfskündigungen zu verzichten.“ „Diese Verpflichtungen müssen“, legt Nagel in einem Brief vom 6. Dezember 1993 fest, „bei eventuellen Weiterverkäufen den jeweiligen Erwerbern in der Weise auferlegt werden, daß sie wiederum bei weiteren Verkäufen den Erwerbern auferlegt werden.“ Am Schluss des Briefes heißt es, eine „entsprechende grundbuchliche Sicherung zugunsten Berlins ist erforderlich“.

Es ist genau jene Mieterschutzklausel, auf die ein ehemaliger WBF-Mitarbeiter, Peter Mayenknecht, 24 Jahre später die Mieter Marianne und Ingo Müller hinweist und von der außer ihm niemand mehr etwas wissen will, nicht einmal die linke Senatorin. Katrin Lompscher sitzt im 10. Stock der Stadtentwicklungsverwaltung. Die Unterlagen zum Verkauf der Karl-Marx-Allee lagern im Keller dieses Hauses, darunter auch ein Brief vom 21. Dezember 1993, dem Tag des Verkaufs der Gebäude der Karl-Marx-Allee. Absender sind der Finanz- und der Bausenator, Adressat die „Geschäftsführungen der Wohnungsbaugesellschaften im Ostteil der Stadt“, verlangt wird der „volle Nachweis der Einhaltung der Kriterien des Briefes des Bausenators vom 6. Dezember“.

Wie konnte die Klausel vergessen werden?

Wer das liest, begreift, wie bis zum letzten Moment gerungen wurde, und dass dieser Vertrag ohne das Zugeständnis an die Mieter nie zustandegekommen wäre. Die Mieterschutzklausel war der Schlüssel für den umstrittensten Immobilienverkauf der Berliner Nachwendegeschichte. Wie konnte das vergessen werden?

Auf diese Frage gibt es keine Antwort mehr in den Unterlagen der Senatsverwaltung. Die Kaufverträge aus den Jahren 1993 und 1995 sind die letzten Akten, die man einsehen kann. 1993 wurde Müllers Haus an die Depfa verkauft, 1995 das dazugehörige Grundstück. In beiden Verträgen steht die Klausel. Ins Grundbuch wurde sie jedoch nie eingetragen, obwohl Wolfgang Nagel das gefordert hatte. Der Senator, der sich für die Mieter eingesetzt hat, schied 1995 aus dem Amt und wechselte selbst ins Immobiliengeschäft. Auf die Bitte um ein Interview reagiert er nicht. Wie viele andere auch. Norbert Hentschel, Geschäftsführer der Wohnungsverwaltung Optima, schreibt: „Wir verdienen unser Geld nicht mit Indiskretionen.“ Die WBM ignoriert sämtliche Mails. Helios Mendiburu, Ex-Bürgermeister von Friedrichshain und WBF-Aufsichtsratsmitglied, ist nicht auffindbar. Er soll in Vietnam leben. Ein ehemaliger Depfa-Mitarbeiter redet nur unter der Bedingung, anonym zu bleiben. Das fordern auch andere, die in dieser Geschichte vorkommen. Sie wollen Aufklärung, aber haben Angst, Öffentlichkeit könnte ihrem Ansehen schaden, egal auf welcher Seite sie stehen.

Der Depfa-Mitarbeiter ist um die 50, ein Mann, der sich in den Neunzigern vom Autoverkäufer zum Top-Manager hochgearbeitet hat. Die Depfa war für ihn eine Zwischenstation auf diesem Weg. Er war für „problembehaftete“ Immobilien zuständig, Häuser, bei deren Verkauf etwas schiefgelaufen war. Zu seinen Objekten zählten eine Lagerhalle in Wiesbaden, eine Reha-Klinik in Brandenburg und das Haus des Kindes in der Karl-Marx-Allee.

Das Haus des Kindes war ein Prestigeobjekt

Es war das Jahr 2001, die Depfa hatte zu diesem Zeitpunkt bereits die meisten der Stalinbauten in Immobilienfonds umgewandelt, das Haus des Kindes, ein architektonisches Schmuckstück, von Hermann Henselmann entworfen, war übriggeblieben, das war das Problem.

„Restabwicklung“ hieß der Auftrag, es gab vier Kaufangebote, ein holländischer Fond war dabei, ein luxemburgischer sowie eine Privatperson. Die Holländer bekamen den Zuschlag, sie übernahmen das ganze Haus bis auf zwei Etagen, die waren vorher verkauft worden, offenbar so überstürzt, dass sich Fehler in den Kaufvertrag geschlichen hatten. Auch das war ein Problem. Es gab zum Beispiel keine Teilungserklärung. „Man wusste nicht, welche Wand wem gehört. Sowas hatte ich vorher noch nicht gesehen“, sagt der Depfa-Mann.

An eine Mieterschutzklausel erinnert er sich nicht. Nur an ein Vorkaufsrecht für Mieter, ja, das habe es gegeben, sagt er. Es würde ihn aber nicht wundern, wenn ein Teil der Klausel dem Chaos der Zeit zum Opfer gefallen wäre. Er lächelt, das Chaos hat ihm gefallen, er war jung, flog von einer Stadt in die andere, trug teure Anzüge, stieg in Hotels ab, wurde von Geschäftspartnern zum Essen eingeladen. Mit der Karl-Marx-Allee hatte er ein Jahr lang zu tun, das Haus des Kindes war etwas Besonderes für ihn, sagt er, ein Prestigeobjekt.

Das ist es heute noch. Mehr denn je. Berlin boomt. Die DDR ist lange her und die Karl-Marx-Allee mit ihren Zuckerbäckerbauten ein Teil der deutschen Geschichte, von der man sich ein Stück kaufen kann. „Buy a piece of history“ heißt der Werbeslogan der Maklerfirma Central Berlin, die ihr Büro gegenüber vom Haus des Kindes hat. Hier werden Eigentumswohnungen als Kapitalanlage verkauft, 86 Quadratmeter für 367.000 Euro. Auf der Website findet man Videos, Fotos und Informationen zur einzigartigen Geschichte der „kolossal sozialistischen Prachtstraße“: die Umbenennung an Stalins 70. Geburtstag, Leningrad als städtebauliches Vorbild, die SED-Paraden, alles ist dabei. Kein Wort aber vom Verkauf von Volkseigentum an eine deutsche Bank, von der Empörung der Anwohner, der großen Versammlung in der Kongresshalle, vom einzigartigen Mieterschutz. Mit diesem Teil der Geschichte kann man keine Wohnungen verkaufen, er liegt im Keller und darf jederzeit vernichtet werden.

„Den Neuen sind ihre Rechte egal, die Alten sind zu müde.“

Das Café Sibylle hat die Zeit fast unbeschadet überstanden. Die Wandbemalung ist noch die alte, im Fenster steht eine Frauenskulptur mit Kind auf dem Arm, hinter der Kuchentheke gibt es Schautafeln zur Geschichte der Straße . Hier trifft sich der Mieterbeirat der Karl-Marx-Allee. Wenn er sich trifft. Bei der letzten Versammlung waren sie zu viert, bei der vorletzten zu zweit. „Nicht mal beschlussfähig“, sagt Norbert Bogedein. Er ist der Vorsitzende des Mieterbeirats, 65 Jahre alt, von Beruf Versicherungsagent, ein lebensfroher Mensch mit roten Schuhen und einer Weste mit Hirschmotiven über dem karierten Hemd. Neben ihm sitzt sein Stellvertreter, zehn Jahre älter, mit Vollbart, ein Alt-Mieter wie Frau Müller.

Es ist Montag, 11 Uhr, das Café Sibylle fast leer. Die Männer bestellen zwei Schoppen Rotwein.

„Wir sind Rentner“, sagt Norbert Bogedein.

„Wir sind kein richtiger Mieterverein“, sagt der Stellvertreter.

Der Beirat wurde vor 24 Jahren als Zugeständnis der Depfa an die Mieterschaft gegründet, die erst nach dem Verkauf ihrer Wohnungen informiert wurde. Sie sollten sich nicht noch einmal so überrumpelt fühlen müssen.

Allerdings war den Mietern, die alle aus dem Osten kamen, wo es Hausbuchbeauftragte gab, aber keine Mieterbeiräte, nicht klar, dass Hauseigentümer dem Beirat gar nicht auskunftspflichtig sind.

„Wir haben praktisch keine Kompetenzen“, sagt Bogedein.

„Wir sind nur ein Feigenblatt für die Eigentümer“, sagt sein Stellvertreter.

Die Depfa hat schnell mit den Weiterverkäufen begonnen, der Beirat wusste nie, an wen. Heute gibt es unzählige Einzeleigentümer und ein paar Fondsgesellschaften. Wer dahintersteckt? Die Männer zucken mit den Schultern.

„Das ist so ein kompliziertes Firmengeflecht, da sieht kein Aas mehr durch“, sagt Bogedein.

1997 hatten sie mal einen Erfolg. Eine Hausverwaltung hatte die Grunderwerbssteuer auf die Mieten umgelegt. Dagegen haben sie Einspruch eingelegt und eine Datenbank eingerichtet, mit der man die Betriebsabrechnungen genau überprüfen kann.

„Nutzt aber keiner.“

„Den Neuen sind ihre Rechte egal, die Alten sind zu müde.“

„Wir fragen uns, warum wir das überhaupt noch machen.“

„Kann sein, dass Sie heute das letzte Mal einem Mieterbeirat der Karl-Marx-Allee gegenübersitzen.“

Herrmann hat die Klausel nie erwähnt

Sie sitzen vor ihren Weingläsern und werfen sich die Stichworte zu wie ein in die Jahre gekommenes Ehepaar, das ein und dasselbe Gespräch immer wieder führt. Geld ist auch ein Problem. Die Hausverwaltungen sollen den Beirat finanziell unterstützen, so war das ausgemacht, damals vor 24 Jahren. Aber nur die Predac zahlt, Müllers Vermieter, 400 Euro im Jahr. Hoffentlich auch diesmal wieder. Noch ist das Geld nicht eingegangen, aber auf die Predac lassen die Männer nichts kommen. Die Predac habe sie bei der Fenstersanierung „mit ins Boot geholt“, schwärmt Bogedein. Und auch bei der Umwandlung in Eigentumswohnungen. Geschäftsführer Herrmann hat ihnen sogar den Musterbrief an die Mieter gezeigt. Sie konnten nichts Auffälliges entdecken und haben zugestimmt.

Sie haben zugestimmt?

Die Männer sehen sich an. Die Sache ist ihnen unangenehm. Der Vorsitzende spricht es als Erster aus: „Von der Mieterschutzklausel wussten wir nichts.“

„Das ist völlig an uns vorbeigegangen“, erklärt der Stellvertreter.

Und Nicolas Herrmann hat ihnen nichts davon gesagt?

Die Männer schütteln den Kopf. Sie wussten gar nicht, dass Herrmann von der Klausel wusste, sie dachten, er habe aus der Zeitung davon erfahren wie sie. Sie kennen auch seinen Brief an Müllers nicht, die Erklärung, dass der lebenslange Mieterschutz für alle gilt, die zum Zeitpunkt des Verkaufs hier wohnten. Die Männer schweigen. Der nette Herr Herrmann, das begreifen sie in diesem Moment, ist womöglich gar nicht so nett. Er hat ihnen den Brief vielleicht nur deshalb gezeigt, weil er testen wollte, was sie wissen und was nicht, wie weit er gehen kann. Und jetzt benutzt er sie als Alibi.

182.400 Euro für 60 Quadratmeter

Langsam versteht man, wie die Klausel verschwinden konnte.

„Sie geben dir immer genau so viele Informationen, wie sie müssen, aber kein bisschen mehr“, sagt Daniel Ulrich (Name geändert), 31, Jura-Referendar. Er lernt diese Sachen gerade beim Start in das Berufsleben, aber nun – eher unfreiwillig – auch im Privaten. Seine Mutter wohnt in der Karl-Marx-Allee 136, zwei Zimmer, Balkon zum Hof. 1989 ist sie eingezogen, jetzt würde sie ihre Wohnung gerne kaufen. Das hat sie gleich beim Besichtigungstermin im April gesagt. Auch das Vorkaufsrecht ist ja Teil der Mieterschutzklausel, bei der Predac gibt es für Mieter sogar einen Preisnachlass von fünf Prozent.

Nur ein Angebot hat Katrin Ulrich nicht bekommen. Im Juli fragte sie bei der Predac nach. Im August kam das Angebot dann doch: 182.400 Euro für 60 Quadratmeter. Eine Frist wurde nicht genannt.

Katrin Ulrich, 54, alleinstehend, Assistentin der Geschäftsführung eines Verbandes, mag ihre Wohnung, kennt aber auch die Mängel: Die Elektrik ist aus den Fünfzigern, in den Wänden ist Schimmel, auf dem Balkon fließt das Regenwasser nicht richtig ab. Sie bat um einen Preisnachlass. Die Predac ließ sich darauf nicht ein, wiederholte nur noch einmal ihr ursprüngliches Angebot. Frau Ulrich holte sich Finanzierungsangebote von der Bank, beriet sich mit einem Steuerberater, auf wiederholte Anfrage erhielt sie am 30. November einen Musterkaufvertrag von der Predac.

Ulrich wusste nichts von einer Mieterkäuferphase

Sie dachte, alles gehe klar, sagt sie, nie habe sie den Eindruck gehabt, es sei Eile angebracht. Im Gegenteil. Die Predac habe oft erst beim zweiten Mal auf Mails geantwortet. Umso überraschter war sie, als sie im Januar um einen Notartermin bat und die Antwort erhielt, die Mieterkäuferphase sei abgeschlossen.

Mieterkäuferphase? Katrin Ulrich hat nie gewusst, dass es diese Phase überhaupt gab. Das teilte sie auch der Predac mit. Die blieb dabei: Das Angebot sei nicht mehr verfügbar, das gesetzliche Vorkaufsrecht bleibe unangetastet. Frau Ulrich soll jetzt für ihre Wohnung den marktüblichen Preis bezahlen, mindestens 10.000 Euro mehr.

Sie sitzt im Café Sibylle und sagt, sie könne sich das nicht leisten, ihr günstiger Kredit habe nur bis Ende Januar zur Verfügung gestanden. „Wir sind in eine Falle getappt“, sagt ihr Sohn. Er ist 31, genauso alt wie Nicolas Herrmann, vor ihm auf dem Tisch liegen Aktenordner und Laptop, seine Arbeitsmaterialien. Er ist erst im Referendariat, aber das hier könnte sein erster Fall werden. Daniel Ulrich hat beschlossen, für das Recht seiner Mutter zu kämpfen, er will Senatorin Lompscher einen Brief schreiben und fragen, warum sie sich nicht für die Mieter einsetzt und wie es kommt, dass die Mieterschutzklausel nie ins Grundbuch eingetragen wurde. Nicolas Herrmann hat er angekündigt, sich an die Öffentlichkeit zu wenden. Herrmann reagierte prompt. Schon die bloße Ankündigung einer Kontaktaufnahme stelle eine versuchte Nötigung nach dem Strafgesetzbuch dar, schrieb er. Ulrich ist das egal. Er sei selber Jurist, sagt er, ihn beeindrucke so eine Drohung nicht.

Die Predac hat die jährliche Spende bestätigt

Es ist ein anderer, neuer Ton, wie man ihn in der Karl-Marx-Allee lange nicht gehört hat. 24 Jahre nach ihrem Verkauf regt sich Widerstand, haben Mieter den Mut, sich zu wehren, um ihren Platz in einer Stadt zu kämpfen, in der es enger wird und rauer. Sogar der Mieterbeirat hat sich noch mal zusammengerauft. Norbert Bogedein und sein Stellvertreter haben Zettel in den Treppenhäusern aufgehängt und für die Mitgliedschaft im Beirat geworben.

16 Interessenten haben sich gemeldet. Bogedein ist begeistert. Sogar eine Anwältin ist dabei. Sie spricht perfekt Englisch und will eine zweisprachige Website einrichten, sagt er. Und dass das ja gut zur internationalen Mieterschaft der Allee passe. Im März soll die Wahl stattfinden, im April das erste Treffen. Auch das Geldproblem ist gelöst, vorerst zumindest, sagt Bogedein. Die Predac hat soeben die jährliche Spende bestätigt.