In der Wrangelstraße 66 in Kreuzberg ist die Freude groß. Nicht nur auf das bevorstehende Weihnachtsfest, sondern vor allem wegen einer Sicherheit, die die 30 Mieter seit Monaten sehnlichst vermisst haben: Nach dem Verkauf ihrer Wohnungen an eine Aktiengesellschaft in Luxemburg mussten sie damit rechnen, dass sie irgendwann raus müssen. Dass der 1907 errichtete Fünfgeschosser entmietet, teuer saniert und dann als Filetstück weiterverkauft wird.

Dieses Prozedere scheint jetzt abgewendet. Kurz vor Ablauf der dafür vorgesehenen Frist hat der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg sein Vorkaufsrecht für das Haus Wrangelstraße 66 angemeldet.

Klappt alles wie vorgesehen, könne man damit die Verdrängung der Mieter abwenden, sagt Baustadtrat Hans Panhoff von den Grünen: „Es bestand der dringende Verdacht, dass das Gebäude zum Objekt von Spekulation wird.“ Diese Spekulation stehe im klaren Widerspruch zum geltenden Milieuschutz, der in der Luisenstadt die Zusammensetzung der Wohnbevölkerung sichern soll. Deshalb habe man einen Ausweg für die Bewohner gesucht. Geld für den Rückkauf hat der Bezirk natürlich nicht selbst. Er fand dafür die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft Gewobag.

Dort war man bereit, 2,7 Millionen Euro für das Haus mit den 30 Wohnungen zu bezahlen. Der Verkehrswert des Altbaus lag aber bei knapp 3,7 Millionen. Gemeinsam mit den Mietern fand der Bezirk eine Stiftung, die die restliche Million aufbringen will. Der Name der Stiftung wird noch nicht genannt, weil das Geschäft noch nicht perfekt ist. Beide, Gewobag und Stiftung, sollen in einem bislang einmaligen Kooperationsmodell das Haus übernehmen und so die preisgünstigen Mieten sichern. Der Bezirk nimmt so sein Vorkaufsrecht „zugunsten Dritter“ wahr, wie es im Amtsdeutsch heißt.

Signal gegen Spekulation

„Es ist ein deutliches Signal gegen Privatisierung von Wohnraum, gegen Mieterverdrängung und Immobilienspekulation“, sagt Joachim Knecht. Der 51-Jährige wohnt seit 28 Jahren in der Wrangelstraße 66. Die Mieten im Haus sind verhältnismäßig günstig. Knecht bezahlt rund vier Euro pro Quadratmeter nettokalt für seine Wohnung, die noch mit Kachelöfen beheizt wird. Ende Juli hatten er und seine Nachbarn vom Verkauf ihrer Wohnungen erfahren und im Bezirksamt Alarm geschlagen.

Alle Wohnungen waren an eine Tochtergesellschaft des Voreigentümers veräußert worden. Per Brief wurde den Mietern pflichtschuldig ein Vorkaufsrecht eingeräumt, wie es das Gesetz vorschreibt. Laut den angebotenen Kaufverträgen hätten die Bewohner aber für den Kauf ihrer Wohnungen viel mehr bezahlen müssen als die eigens für das Geschäft gegründete Aktiengesellschaft in Luxemburg.

„Es war uns schnell klar, dass wir die aufgerufenen Preise nicht aufbringen können“, sagt Joachim Knecht. Im Haus wohnen Handwerker wie der 51-Jährige, ein Arzt, ein Architekt, eine Kindergärtnerin und mehrere Angestellte. Ein typischer Kreuzberger Querschnitt, wie die Bewohner sagen. Manche leben dort schon seit 40 Jahren, andere sind erst kürzlich eingezogen. Zehn Wohnungen stehen seit langem leer. Nach dem Auszug der Bewohner wurden sie nicht wieder vermietet – was bei Experten als ein Beleg für mögliche Spekulationsgeschäfte gilt.

Durch Sanierung und Verkauf lassen sich hohe Renditen erwirtschaften. Jetzt sind alle Mieter sehr glücklich, weil sie langfristig in ihren Wohnungen bleiben können. Erleichtert ist man auch im Bezirk. Julian Schwarze von der Grünenfraktion im Bezirksparlament fordert, das Vorkaufsrecht durch das Land in Berlin zum Regelfall zu machen, um so die Preistreiberei bei Immobilien zu stoppen.

So wie in München: „Da wissen Investoren seit vielen Jahren, dass die Stadt kauft, wenn sie sich nicht bereit erklären, die Mieter zu schützen.“ Auch in Berlin müsse der Senat dieses Instrument der Bezirke verstärkt unterstützen.

Erst wenige Versuche in Berlin

In Berlin gab es bisher erst wenige Versuche, mit Hilfe des Vorkaufsrechts Privatinvestoren zu stoppen. In diesem Frühjahr machte der Bezirk Tempelhof-Schöneberg von diesem Recht Gebrauch. Er kündigte an, ein Haus an der Großgörschen-Ecke Katzlerstraße zu kaufen, ebenfalls mit Hilfe der Gewobag. Das Geschäft ist derzeit vor Gericht, weil der Verkehrswert unterschritten werden soll.

Für die Wrangelstraße 66 bleibt abzuwarten, heißt es im Kreuzbeger Rathaus, ob sich die bisherigen Eigentümer juristisch gegen die Entscheidung des Bezirks wehren.