Der erste Applaus, die ersten Jubelrufe, die in der Volksbühne zu hören sind, seit an einem Abend Anfang Juli die letzte Vorstellung und damit die Ära Castorf zu Ende ging, gelten nicht einem Theaterstück. Sie gelten einem Satz, den am Freitag gegen 18 Uhr im Foyer des Theaters eine Frau ins Mikrofon spricht: „Wir nehmen dieses Haus in Besitz. Und erklären es zum Eigentum aller Menschen.“

Das Foyer ist voll, etwa 100 junge Menschen sitzen auf den Treppen und auf dem Boden. Sie beklatschen nicht nur den kühnen Satz, sondern auch, dass sie so weit gekommen sind, dass, bis jetzt zumindest, niemand sie aufgehalten hat.

„Die VB61-12 wurde platziert und sie tickt“, so begann die Nachricht, mit der gut zwei Stunden vorher per SMS die Presse informiert worden war. Getickt hat die Bombe – B61-12 ist der Name der modernsten Atombombe – schon ziemlich lange, seit einigen Monaten ging das Gerücht, die Volksbühne solle besetzt werden, aus Protest gegen den neuen Intendanten Chris Dercon. Auf einer Facebookseite und auf Plakaten wurde die Operation „Staub zu Glitter“ angekündigt.

Theaterinszenierung statt Besetzung

Dahinter steckt eine Gruppe von Künstlern, Autoren, Kreativen, Studenten. Noch am Donnerstag bestritt die Sprecherin, dass das Theater am Rosa-Luxemburg-Platz am Freitag besetzt würde. Der Termin sollte nicht vorher bekannt werden – abgesehen davon, dass die Gruppe nicht von einer Besetzung spricht. Sondern von einer „transmedialen Theaterinszenierung“.
Was damit gemeint ist, beschreibt die Rednerin in schwarzer Bluse und engem schwarzen Rock am Freitagabend in sachlichem Nachrichtensprecherinnen-Ton. Man wollte ein „Zeichen setzen gegen die aktuelle Kultur- und Stadtentwicklungspolitik“, ein „lebendes Kunstwerk“ schaffen, dass für eine „andere, mögliche Zukunft“ steht. Um die Person Chris Dercon gehe es nicht. Ihm solle der Senat eine andere angemessene Wirkungsstätte anbieten.

An der Volksbühne aber werde ab sofort eine kollektive Intendanz ausgeübt werden. Konkret werde man das Haus erstmal auf mehreren Bühnen bespielen, das Programm sollen die vielen Unterstützer aus Kunst und Kultur liefern, die man habe. Die Pressekonferenz ist auch Performance, was die gewagten Forderungen ironisiert. Aber nicht sehr.

Die sich aufdrängenden Fragen lassen sich im Anschluss nicht klären, auch, weil das Kollektiv, das die Besetzung organisiert hat, sich mit ihrer Durchführung für aufgelöst erklärt und die Mitglieder für Fragen nicht zur Verfügung stehen. Können sie sicher sein, dass man sie gewähren lässt? Was, wenn die Volksbühnenleitung das Haus räumen lässt? Es habe Gespräche mit der Senatsverwaltung und mit Chris Dercon gegeben, hat die Kollektiv-Sprecherin am Tag zuvor am Telefon gesagt. Sie hätten zwar keine Zusage, dass sie gewähren dürften. Aber auch nichts Gegenteiliges gehört. Am Freitagabend schauen jedenfalls nur zwei Kontaktbereichsbeamte vorbei und gehen dann wieder.

Und, noch so eine Frage: Kommt das alles nicht ein bisschen spät? Die „Abwicklung“ der Volksbühne“, die das Kollektiv „nicht hinnehmen“ will, ist ja schon passiert, Chris Dercon im Amt, der Spielplan steht. Nein, eigentlich sei es nicht zu spät, sagt, bevor es im Foyer losgeht, eine langjährige Volksbühnen-Mitarbeiterin. Sie sitzt mit Kollegen auf der Wiese vor dem Theater und wartet, was passiert. Die Befürchtungen, die mit Dercons Berufung verbunden waren, seien eingetroffen. Aus dem Repertoiretheater sei ein Festivalbetrieb geworden. Sie finde es großartig, dass junge Leute etwas auf die Beine stellen. Einfach so.

Bester Club der Stadt

Im Haus wurde an diesem Freitag „Orfeo“ von Susan Kennedy geprobt, Regisseurin im neuen Volksbühnen-Team. Als die Besetzer durchs Foyer ins Haus kamen, wurde die Probe unterbrochen und der Metallvorhang heruntergelassen, mit dem man die Bühne vom Zuschauerraum trennen kann.

Nach der schwarz gekleideten Dame kündigt ein Mann mit Glitzerschlauch über dem Gesicht an, dass die Party bald beginnt, so ab 23, 24 Uhr werde der Rote Salon „zum besten Club der Stadt“. Das Foyer wird leerer, nur die beiden Frauen an den Kartenschaltern bleiben sitzen. Nein, sie habe mit der Sache hier nichts zu tun, sagte die eine. Sie mache einfach ihren Job.

Kartenbestellungen aufnehmen, per Telefon, übers Internet. Und wenn das Haus jetzt tatsächlich zur Bühne und zum Club wird, tagelang vielleicht? „Das bekommen wir schon hin“, sagt sie. „Wir sind hier einiges gewöhnt.“