Blau ist die Farbe, die alle suchen, wenn sie einen Termin beim Bürgeramt brauchen. Denn Blau sind die Tage unterlegt, an denen man noch einen Termin buchen kann. Meist jedoch (okay: eigentlich immer) sind die einzelnen Tage der kommenden Wochen immer Rot unterlegt. Das bedeutet: Für diesen Tag sind alle Termine ausgebucht. Vorteil: Die Tage, in denen man sich einen halben Tag frei nehmen musste, um einen Ausweis zu beantragen, gibt es nicht mehr. Nachteil: Es gibt keine Termine mehr.

Die Berliner Bürgerämter nehmen sich die Kritik zu Herzen und wollen aufstocken. Berlins Innensenatorin Iris Spranger (SPD) hat angekündigt, dass es demnächst viel mehr Mitarbeiter geben soll. Bis zu fünf neue Bürgerämter soll es demnächst in Berlin geben. Es sollen 100 neue Mitarbeiter eingestellt werden.

Damit diese auch einmal hören, wie sich zufriedene Kunden anhören, haben wir hier ein paar positive Erlebnisse der letzten Monate zusammengefasst. Haben Sie auch ein Erlebnis? Schreiben Sie uns: Briefe@berliner-zeitung.de.


Überpünktlich: Bürgeramt Tempelhof

Der Klassiker: Mein Personalausweis war abgelaufen. Ich bemerkte es natürlich erst Monate danach und kurz vor dem Auslandsurlaub. Hektisch versuchte ich, online einen Termin in einem Berliner Bürgeramt zu bekommen, was sich recht aufregend gestaltete, denn die meisten Ämter waren ausgebucht. Das Bürgeramt Tempelhof hatte noch einen Termin, und mit einem Klick hatte ich ihn auch. Ein Datum und dazu den Hinweis, ich solle bitte pünktlich um 10.54 erscheinen. Ich musste sehr lachen über diese exakte Angabe, denn meine Erfahrungen mit Terminen in der Vergangenheit waren, dass im Grunde nur der Tag verbindlich ist. Ansonsten sollte man mehrere Stunden einplanen, so meine Erfahrung.

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Wo die Uhren richtig gehen: das Rathaus Tempelhof

An besagtem Tag war ich eine halbe Stunde vor dem Termin im Bürgeramt Tempelhof. Ich hatte ein Buch dabei, eine Zeitung und etwas Proviant, mein Handy und etwas zu trinken. Ich war für einen längeren Aufenthalt gerüstet. Da alles hätte ich mir sparen können, denn um 10.53 Uhr und 58 Sekunden erschien meine Nummer auf dem Display des Wartesaals. Perplex saß ich eine halbe Minute später einer überaus netten Behördenmitarbeiterin gegenüber, die gut gelaunt meinen Ausweis verlängerte, ich konnte mit Karte zahlen, und um 10.58 Uhr stand ich wieder vor dem Rathaus Tempelhof, in dem sich auch das Bürgeramt befindet. Den restlichen Tag hatte ich frei, denn ich hatte ja mit einem längeren Termin gerechnet, und gut gelaunt aß ich auf dem Nachhauseweg meinen Proviant. Angenehmer kann man sich einen Termin auf einem Amt gar nicht wünschen. Marcus Weingärtner


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Sie haben Post, das kann auch eine E-Mail vom Bürgeramt sein.

Ein neuer Führerschein, Bot sei Dank!

Ich würde mich ja gerne persönlich bedanken, doch die Mail wurde automatisch erstellt. Das steht oben direkt unter dem Betreff „Terminbestätigung“. Ich habe einen Termin beim Bürgeramt Prenzlauer Berg! Einfach so! An einem Tag Mitte Juni, um 11.48 Uhr, also in nicht allzu ferner Zukunft und nicht zu nachtschlafender Zeit! Ich werde meinen Führerschein umtauschen können, womit ich nach all den Geschichten, die ich zum Thema Bürgerämter und Termine gehört und gelesen habe, eigentlich nicht mehr gerechnet hatte.

Eine Kollegin zum Beispiel riet mir, ich solle morgens, um kurz vor acht, den Computer hochfahren, auf www.berlin.de die Seite für Terminbuchungen aufrufen, um Punkt acht auf „Aktualisieren“ drücken und beim erstbesten freien Slot zuschlagen, ob er nun in Reinickendorf oder Grünau ist. Ich habe es dann doch erst einmal telefonisch unter der Servicehotline 115 versucht, die mich dann auch per Computerstimme themengenau an die richtige Stelle dirigierte: „... drücken sie die 2“. Die Stimme teilte mir mit, ich sei Nummer 42 in der Warteschleife und müsse mich daher noch zirka 45 Minuten gedulden.

Aus lauter Verzweiflung entschloss ich mich, etwas ganz Verrücktes anzustellen. Ich schrieb eine Mail ans Bürgeramt Pankow, in der ich mein Anliegen schilderte und beteuerte, alle erforderlichen Unterlagen nebst biometrischem Passfoto vorlegen zu können. Umgehend schickte mir der Bürgeramt-Bot eine Empfangsbestätigung: „Aufgrund des momentan sehr hohen Anfrageaufkommens“ – und so weiter. Sollte ich ab Januar verwaltungsbedingt kein Fahrzeug mehr führen dürfen?

Vier Tage später bekam ich kommentarlos den Termin. Dank! Dank! Immer wieder Dank! Wer auch immer ihn sich persönlich verdient hat. Ach ja, und zum Termin bringe ich Kekse mit. Christian Schwager


Marzahn-Hellersdorf: Ein Standesamt zum Liebhaben

Ich teile hier gern meine uneingeschränkte Zufriedenheit mit dem Standesamt Marzahn-Hellersdorf. Allerdings, das möchte ich dann doch dazusagen, man muss schon auch selbst einiges tun, wenn man vor der Hochzeit nicht im Behördenwahnsinn enden will. Eheschließung rechtzeitig anmelden, Abschrift aus dem Geburtenregister besorgen, Unterlagen zusammensuchen – und, ganz wichtig, früh aufstehen. Oder wie es die Standesbeamtin am Alice-Salomon-Platz ausdrückte: „Wer an so nem Tach heiraten will, der muss halt ooch mal zeitich aus'n Federn kommen.“

Wir hatten uns ein Schnapszahldatum für die Hochzeit ausgesucht und waren mit unserem Wunsch natürlich nicht allein. Zumal es auch noch ein besonderer Ort sein sollte, eine Außenstelle des Standesamtes in dem Bezirk, in dem mein Mann und ich aufgewachsen sind. Da hieß es schnell sein. Das hatte ich bei der Online-Terminvergabe leider unterschätzt, daher kam es auf die Anmeldung vor Ort an. Es gab schließlich nur einige wenige Trauungstermine, und demzufolge auch nur wenige erfolgversprechende Wartenummern. Ich weiß noch, dass ich zu Hause losfuhr, als es noch dunkel war, raus an den östlichen Stadtrand, im Bus mit Leuten, die müde aus der Nachtschicht kamen. Ich stand eine Stunde vor Öffnung des Standesamtes vor der Tür und war trotzdem nicht die erste. Mit der Wartenummer 5 klappte dann aber alles.

Zu dieser letztlich erfolgreichen Strategie riet man mir übrigens im Standesamt selbst, am Telefon. Ja, Sie haben richtig gehört, in Marzahn-Hellersdorf kann man die Mitarbeiter persönlich erreichen. Ich wurde ausführlich beraten, da konnte nichts mehr schiefgehen. Na ja, fast nichts. Später, bei der Trauung an unserem Wunschort zum Wunschtermin, verwechselte die Standesbeamtin die Unterlagen und redete uns mit falschem Namen an. Aber was macht das schon, an so einem Tag? Anne Vorbringer

Und plötzlich purzeln die Münzen über den Tisch

Es ist doch eigentlich gar nicht so schwer: Für einen neuen Reisepass braucht man den alten Reisepass, Geld und ein Passfoto. Ich hatte nur an den alten Reisepass gedacht. Den zerstört die Mitarbeiterin schon einmal vorsorglich, aber der war ohnehin vor Monaten abgelaufen. Man konnte ja ohnehin nirgendwohin. Zahlen wollte ich für den neuen, aber die Kartenzahlung funktioniert nicht. Na ja, das machen wir dann beim nächsten Mal, wenn alles wieder geht. Sie müssen ihn ja noch abholen.

Anschließend ging es um die Fotos. Sie sah mir tief in die Augen und sagte: „Gehen Sie nicht zum Automaten hier im Haus.“ Er sei teuer und das Ergebnis leider niemals so gut, wie beim Fotostudio gegenüber, das sogar günstiger sei. Aber es war noch zu früh für das Studio, und ich musste zum Automaten. Der nahm aber nur Münzen. 10 Euro. Als ich ihr meinen Fünf-Euro-Schein zeigte, nahm die Mitarbeiterin ihre Geldbörse und schüttete diese auf dem Tisch aus. Aus dem Berg fischte sie mir 5 Euro Münzgeld und bevor ich den Raum verließ, erzählte sie mir noch von ihrem Musical-Erlebnis neulich in Hamburg. Danke noch mal! Sören Kittel 

Freundlichkeit im Bürgeramt gibt's manchmal auch noch

Das Bürgeramt bleibt für mich als Britin der heilige Hohetempel der Bürokratie, für die Deutschland so berühmt ist. Mein Termin im Bürgeramt Lichtenrade war November 2020. Der Brexit drohte und ich wollte meinen britischen Führerschein gegen einen deutschen umtauschen. Doch entgegen aller Erwartung war es eine angenehme Erfahrung. Pünktlich um 10.36 Uhr wurde ich zum Büro gerufen, ich legte alle nötigen Unterlagen vor – dann aber musste ich bezahlen. Auf der Website des Amts hieß es, man kann nur mit EC-Karte bezahlen: Ein Problem für viele Ausländerinnen und Ausländer in Berlin, denn wir wissen kaum, was eine EC-Karte überhaupt ist. Wir besitzen sie selten.

Ich fragte die Beamtin leise, ob man doch nicht mit Debitkarte bezahlen konnte – zum Glück fand sie für mich eine Möglichkeit. Sie holte das eigene Portemonnaie aus der Tasche, die Gebühren für meinen Führerschein habe ich bar bezahlt. Bis auf die letzten 20 Cent, die mir fehlten. Diese hat mir der Kunde am Nachbartisch überreicht. Auch das gibt es manchmal in Berlin.

Der Führerschein-Umtausch ist nicht für alle Briten in Berlin so reibungslos verlaufen. Andere meiner Landsleute wurden gebeten, einen Sehtest oder ein Zertifikat von einem Erste-Hilfe-Kurs vorzulegen – die in Großbritannien nicht zur Fahrprüfung gehören. Es soll sogar Beamten gegeben haben, die sich weigerten, ihnen zu helfen. Sie sagten, der Brexit sei bereits vollzogen. War er aber nicht. Könnte es sein, dass die Undurchdringlichkeit dieser berühmten deutschen Bürokratie eigentlich komplett abhängig davon ist, welche Beamte oder Beamtin vor einem im Bürgeramt sitzt?

Anfang 2021 bekam ich einen Brief vom Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten (Labo) mit meinem  deutschen Führerschein. „Viel Spaß beim Fahren!“, wünschte mir das Labo am Ende des Briefs. Das ist für mich Deutschland: Bürokratisch, gleichzeitig irgendwie durcheinander, aber auch irgendwie süß. Elizabeth Rushton