Das war knapp. „Ich fuhr gerade über die Invalidenstraße mit dem Auto, als plötzlich neben mir die Straßenbahn hielt. Ich fuhr weiter, weil ich nicht gesehen hatte, dass dort eine Haltestelle war. Plötzlich stiegen die Leute aus und gingen vor mir über die Straße. Ich konnte gerade noch bremsen“, schildert ein West-Berliner seine Erfahrungen mit der Straßenbahn. Seitdem sei er besonders vorsichtig.

So wie ihm ergeht es vielen. Etliche West-Berliner haben ihren Führerschein zu Mauerzeiten gemacht, als es bei ihnen keine Straßenbahn gab. Manch einer fährt deswegen bis heute nicht gerne in den Ostteil. Das hat nichts damit zu tun, dass in West-Berlin die Straßenbahn abgelehnt wird. „Ich sitze lieber in der Bahn, als vor ihr zu fahren“, sagt eine West-Berlinerin.

Immer wieder tödliche Unfälle

Wenn sie im Auto unterwegs sei, meide sie aber Strecken, auf denen Straßenbahnen verkehren. „Ich habe immer Angst, in die Schienen zu fahren.“ Befördert wurde die Angst vor der Straßenbahn durch die ersten Erfahrungen nach der Verlängerung der Strecken in den Westteil. Immer wieder kam es auf der Linie über die Osloer Straße und die Seestraße zu tödlichen Unfällen.

Viele West-Berliner haben die Straßenbahn noch als Kind kennengelernt. Wehmütig haben sie damals verfolgt, wie die Straßenbahn bis 1967 aus dem Stadtbild verschwand. Anders als U-Bahn oder S-Bahn, die auf separaten Trassen verkehrten, gehörte die Straßenbahn viel stärker zum städtischen Leben. Sie rollte mit quietschenden Radachsen durch die Straßen und machte die Fahrgäste quasi zu Teilnehmern im Großstadtverkehr.

Den Verkehrsplanern ging die Rolle der Straßenbahn jedoch zu weit. Im Westteil wurden die Züge deswegen komplett aus dem Verkehr gezogen. In Zeiten, als die autogerechte Stadt geplant wurde, war für die Bahnen kein Platz. Die Pkws sollten Vorfahrt haben, die Fahrgäste in Busse und andere U-Bahnen umsteigen. Manch West-Berliner Kind war froh, als es wenigstens beim Besuch der Verwandten im Ostteil in einer Straßenbahn Platz nehmen konnte. Im Karussell auf dem Rummel war der Sitz im Straßenbahnwagen mindestens genauso beliebt wie im Polizeiauto. Je länger die Straßenbahn als Verkehrsmittel aus dem Stadtbild verschwunden war, umso mehr verblasste die Erinnerung an sie.

Ihr gehört die Zukunft

Mitunter wurde die Straßenbahn jedoch auch zu Mauerzeiten im Westen zum Erfolg. Zum Beispiel auf der Schallplatte „Chausseestraße 131“ von Wolf Biermann. Der Ost-Berliner Liedermacher hatte die Songs für die Platte in seiner Wohnung in der Chausseestraße 131 in Mitte gemacht. Dabei wurden jedoch auch die Geräusche der vorbeifahrenden Straßenbahn aufgezeichnet. Erst versuchte Biermann, die Geräusche durch Decken vor dem Fenster zu mindern. Dann wurde aber beschlossen, die Fenster zu öffnen, um den authentischen Klang aufzunehmen. Ein Erfolg.

Der Humorist Peter Ustinov sagte einmal, es stimmt, dass Geld allein nicht glücklich mache. Aber er weine lieber im Taxi als in der Straßenbahn. Dass die Straßenbahn nur ein Verkehrsmittel für diejenigen ist, die sich kein Taxi leisten können, stimmt jedoch nicht. Viele wissen ihre Vorzüge zu schätzen – unabhängig vom Einkommen. Sie ist oft schneller als der Bus und kann mehr Fahrgäste als dieser transportieren. Außerdem ist ihr Bau billiger als der U-Bahnbau. Keine Frage: Ihr gehört die Zukunft, auch im Westteil.