Werder - Ein Schiff fährt über Land. Groß und elegant ist es, weiß und windschnittig. Ganz vorn unter der Bugspitze hängt chromglänzend ein Anker. Die Jacht thront auf einem hüfthohen Wagen mit acht Rädern. Die Winterruhe ist vorbei auf dem Gelände der Marina Havelauen in Werder an der Havel. Die Saison beginnt.

Monatelang hat die Jacht in einer Schiffsgarage der Fünf-Sterne-Marina mit 210 Liegeplätzen geruht. Im Herbst hatte man sie wie die anderen Boote auch aus dem Wasser geholt und eingewintert. Auf dem zwölf Hektar großen Gelände gibt es ein Außenlager, überdachte Kalthallen und eine beheizte Warmhalle für die Boote der Betuchteren. Jetzt ist die Pause vorbei.

Eine Jacht auf der Fahrt in den Sommer

Für das Auswintern ist der Werkstattleiter Thomas Brachmüller zuständig. Die Boote stehen in den Hallen auf hohen Böcken, Brachmüller kann den flachen, elektrisch angetriebenen Wagen problemlos unter die „schwebenden Boote“ fahren. Dann beginnt die kurze Fahrt über Land – hin zum Wasser.

Die Havel wird in der Gegend von Werder, Potsdam und Caputh von einem wendigen Fluss zu einer weiten Seenlandschaft. Es ist eines der beliebten Ausflugsreviere in Brandenburg. Noch liegen die Hotels und das Gastgewerbe im Dauerschlaf des zweiten Lockdowns. In der Marina aber herrscht rege Betriebsamkeit. „Wir gehen davon aus, dass die Saison ein klarer Erfolg wird. Jedenfalls für uns“, sagt Catina Burchardi, die Chefin der Marina Havelauen. Ihrer Familie gehört die Marina, Burchardi verkauft hier mit der Firma Aqua Marin auch Boote.

Volkmar Otto
Werkstattleiter Thomas Brachmüller manövriert das ferngesteuerte Elektrofahrzeug auch um scharfe Ecken.

Es ist nicht irgendeine Firma. An der Tür hängt eine Urkunde, die bestätigt, dass Catina Burchardi und ihre Mitarbeiter bundesweit die erfolgreichsten Verkäufer von Prestige-Jachten sind. Deren französischer Hersteller gehört zu den Top 5 der beliebtesten Jachtbauern der Welt. „Es ist klar ein Trend erkennbar, dass mehr Boote verkauft werden als vor der Pandemie“, sagt Burchardi, 34 Jahre alt. Auch die Internetseite Boat24 für gebrauchte Yachten verzeichnete im Corona-Jahr ein Plus von mehr als 30 Prozent. „Dieser Boom mag manche überraschen“, sagt die Managerin. „Aber es gibt plausible Erklärungen.“

Das öffentliche Leben ist wegen der vielen Verbote weitgehend lahmgelegt worden. Aber es gibt auch einige wirtschaftliche Gewinner der globalen Dauerkrise: Neben Internetfirmen sind es jene, die den Menschen die kleinen individuellen Fluchten aus dem Corona-Stress oder der Pandemie-Lethargie ermöglichen.

Innerhalb weniger Monate hat sich die Urlaubswelt drastisch gewandelt. Das Gute wird nicht mehr in der Ferne gesucht, sondern in der Nähe. Und so wurden im ersten Corona-Sommer die Campingplätze überrannt, ebenso die Vermieter von Wohnwagen. Mit den rollenden Mini-Hotels ist Urlaub ohne viele Außenkontakte möglich. Und mit schwimmenden auch. „Boote und Jachten sind wie Wohnwagen“, sagt Catina Burchardi. „Aber ein Urlaub damit ist natürlich noch besser, noch edler, noch entspannter – weil er auf dem Wasser stattfindet.“

Thomas Brachmüller hat sich das Steuergerät umgehängt und manövriert damit die Jacht auf dem Elektrowagen geschickt um eine scharfe Kurve auf dem Betriebsgelände. Das Boot ist eine Marex. Der Name ist eine Kombination der Worte Mare und Rex – also Meer und König. In diesem Fall ist der König der Meere 4,30 Meter hoch, zwölf Meter lang und sieben Tonnen schwer. Nun muss die Jacht eine Straße überqueren. Sie ist weithin sichtbar, doppelt so hoch wie die Autos, die nun kurz im Stau stehen. Das Boot rollt lautlos über die Straße. Es ist auf dem Weg in den Sommer.

Zäsur im Tourismus

Die neu entdeckte Liebe zu Wohnmobilen, Jachten, zum Urlaub in der Heimat - all das stelle durchaus eine Zäsur im Urlaubsverhalten der Deutschen dar, sagt Andreas Kagermeier, Tourismusexperte von der Universität Trier und zugleich Chef des bundesweiten Arbeitskreises Tourismusforschung. Zwei große Entwicklungen in den vergangenen Jahrzehnten habe es gegeben, sagt er. Zuerst wurden die Deutschen eine Nation von Urlaubern und dann wurde ihr Urlaub immer internationaler. „In den 1950er-Jahren ist nur ein Drittel der Bevölkerung in den Urlaub gefahren, heute sind es 70 Prozent.“ In den 50er-Jahren fanden 80 Prozent der Urlaube im eigenen Land satt, vor Pandemie-Beginn verbrachten die Deutschen dann 70 Prozent ihrer Haupturlaube im Ausland. „Mit Corona ist der Deutschland-Tourismus wieder massiv gewachsen “, sagt Kagermeier.

Der Massentourismus stieg vom Flugzeug aufs Auto um – und einige Luxustouristen auf Jachten. Der hochpreisige Tourismus macht nicht mal zehn Prozent aller Urlaube aus, mit steigender Tendenz jedoch. Dabei geht es um richtig teure Reisen, bei denen die Übernachtung in einer exklusiven Villa auf den Seychellen einige Tausend Euro pro Nacht kostet oder die Urlauber mit der Jacht einsame Buchten ansteuern. „Bei einigen Leuten gibt es das Bedürfnis, sich von der Masse zu unterscheiden, vom Jedermann-Tourismus“, sagt Kagermeier. Wichtig sei dabei das Prestige. Das sei schon so gewesen, als der moderne Tourismus begonnen habe. „Mit einer Reise in die Kaiserbäder auf Usedom wollte sich der Adel im 19. Jahrhundert von Krethi und Plethi abgrenzen.“ Damals galt es auch als schick, auf Mallorca zu überwintern. „Als die Insel im 20. Jahrhundert zur sogenannten Putzfrauen-Insel wurde, zogen die Eliten weiter.“

Dabei gehe es nicht nur um hohe Preise, sondern um Individualität, Unabhängigkeit und Exklusivität. „Und mit einer Jacht signalisieren die Leute, dass sie sich ökonomisch etabliert haben“, sagt Kagermeier. „Die Jacht wird oft gar nicht so häufig genutzt. Es geht darum, sie zu besitzen. Sie liegt am Mittelmeer, in Kroatien, am Starnberger See, der Ostsee, der Müritz oder eben an der Havel in Werder.“

Volkmar Otto
Jacht am Haken: Gut gesichert mit Gurten wird das sieben Tonnen schwere Boot zu Wasser gelassen. 

Dort ist die rollende Jacht am Hafen angekommen und muss ins Wasser gehoben werden. Thomas Brachmüller bedient nun gleich zwei Steuergeräte: Mit der einen Hand lässt er das Boot passgenau unter den Kran rollen, mit der anderen lässt er den Haken des Krans sinken. Nun wird das Boot mit dicken Tragegurten gesichert – dann schwebt es durch die Luft. Es ist äußerste Vorsicht geboten, immerhin ist die  Jacht 425.000 Euro wert. Schon bald setzt sie heil auf dem Wasser auf. Geschafft. 

Weit teurer als eine Million Euro

Arm sind die Gäste der Marina gewiss nicht, und doch unterscheiden sich die Bootsbesitzer voneinander – die einen haben mehr Geld, die anderen weniger. Und auch die Ansprüche und Bedürfnisse sind individuell. Gerade fährt ein Pärchen aus Thüringen mit seinem SUV vor, auf dem Hänger ein Sechs-Meter-Boot für 45.000 Euro, das ins Wasser soll. Die teuerste Jacht hier hat weit mehr als eine Million Euro gekostet. Gekauft werden solche Luxus-Boote meist von Geschäftsleuten oder Firmenchefs, die schon viele Annehmlichkeiten besitzen.

„Im vergangenen Sommer kamen tatsächlich Leute, die sagten: Ich brauche ganz schnell eine Jacht“, erzählt Catina Burchardi, die Managerin, die ganz in Marineblau gekleidet ist. Vor Corona dauerte es drei Monate, bis eine Jacht im Hafen lag. Nun sind ihre drei großen Marken bis weit ins nächste Jahr ausverkauft. Vor Pandemiebeginn stand die Verkaufshalle voller Boote. Jetzt ist sie fast leer. „Es ist schon ein verrückter Markt geworden.“ Es kämen, erzählt Burchardi, auch  Anfänger, die noch nie ein Boot gesteuert haben, die sich eine Jacht bestellen und erst dann den Führerschein machen.

Berliner Zeitung/Jens Blankennagel
Früher war hier ein Militärgebiet. Dann wurde die Marina gebaut und später ein ganzes Wohngebiet.

Das klingt nach leicht verdientem Geld für Burchardi. Aber so sei es nicht, sagt die Managerin. Ihre Firma müsse finanziell in Vorleistungen gehen, bestelle Jachten im Voraus. Und sie, die Chefin, hoffe dann auf Kundschaft. „Pro Jahr sind das etwa 25 Jachten, von denen wir nicht wissen, ob wir sie loswerden.“ Im vergangenen Jahr sei das Ganze zum Glücksspiel geworden. Sie erzählt, dass sie mit ihrer Familie in Florida im Urlaub gewesen sei, als die Rückflüge wegen Corona gestrichen wurden. Statt drei Wochen seien sie zehn Wochen in den USA geblieben. „Als wir zurückkamen, war klar, dass es mit den Quarantäne-Bestimmungen ernst wird, und wir dachten: Es kommen bestimmt Leute, die ein Boot wollen. Also haben wir ordentlich vorbestellt.“ Sie sagt das ruhig, mit einem kleinen Lächeln. „Andere Händler haben das nicht getan und stehen nun ohne Boote da.“

„Die perfekte Langzeit-Quarantäne“

Per Schlauchboot geht es nun an den mehr als 200 Jachten vorbei. Sie heißen: Magic Dream, Black Pearl, Joy oder Belle de Jour. Sie haben alles an Bord, was der Reisende so braucht: Toilette, Dusche, Kühlschrank, Küche, Betten. „Da kann eine Familie ganz bequem einen Urlaub für sich allein verbringen“, sagt Burchardi, die studierte Betriebswirtin. „Da ist quasi die perfekte Langzeit-Quarantäne – mit allen Annehmlichkeiten und auch noch in bester Natur. Vom Wasser sieht die Welt immer ein wenig schöner aus.“

Sie hat recht. Der Tag ist grau und düster, aus der Landperspektive zumindest. Eine kleine Runde mit dem Schlauchboot verändert die Wahrnehmung, hebt die Stimmung. Der Blick fällt sofort auf die kleinen Wellen, in denen sich der Himmel in all seinen Grautönen spiegelt. Ein dramatisches Bild. Das Wasser sieht aus wie flüssiges Blei: schwer, dunkel und glänzend. Eine Ente schießt aus dem Schilf und fliegt gen Himmel. Von einer Jacht winkt ein Pärchen herüber. Die beiden sind schon etwas älter.

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Ausgewintert: Die Jacht hat den Umzug von der Halle ins Wasser geschafft.

Das ist auch der Grund dafür, warum der aktuelle Jacht-Boom wohl nicht von langer Dauer sein wird. Die Käufer sind meist im gehobenem Alter – typische „Silver Consumer“, die aktiv bleiben wollen. Die einen pilgern den Jakobsweg entlang, andere kaufen sich ein Rennrad, die nächsten eine Jacht.

Jüngere Menschen finden sich eher nicht unter den Käufern, sie träumen nicht von einer eigenen Jacht. Teilen ist für sie wichtiger als besitzen. „Sie definieren sich nicht mehr so stark über das Vorzeigen von Statussymbolen“, sagt der Tourismusforscher Andreas Kagermeier. „Manche wollen sich mit bestimmten Formen des Eigentums nicht mehr belasten. Sie kaufen keine Autos oder Jachten, sie bevorzugen die gemeinsame Nutzung. Sharing ist ein starker Trend.“ Und so könnte es sein, dass der demonstrative Konsum irgendwann verdrängt wird. 

Das Schlauchboot ist wieder im Hafen. Die Mitarbeiter der Marina müssen sich vorerst keine Sorgen machen. Auf der Warteliste für den nächsten freien Liegeplatz stehen fünf Dutzend Namen. Gerade fährt ein Pärchen aus Bayern vor. „Eigentlich wollten sie bei uns nur eine Jacht ordern“, sagt Catina Burchardi. „Doch nun gefällt ihren die Seenlandschaft rund um Berlin so gut, dass sie fast jedes Wochenende anreisen.“ Sie winkt und ruft: Willkommen!