Doberlug-Kirchhain - Gerber Andreas Oettrich entfleischt gerade das Fell eines Hasen. Mit seinem Schabmesser fährt der 48-Jährige über die Innenseite der Tierhaut. Fett und Fleischreste müssen ab. Sie würden sonst die gleichmäßige Gerbung – also das Konservieren des Fells – behindern. Neben Andreas Oettrich steht sein Chef und Bruder: der 49-jährige Gerbermeister Manfred Oettrich. Die beiden groß gewachsenen Männer halten eine Familientradition aufrecht. Schon in fünfter Generation sind sie Gerber in Doberlug-Kirchhain (Elbe-Elster).

Nach der Säuberung stecken die Oettrichs die Felle wieder ins Walkfass. Mit Wasser, Säure und Salz werden darin die Felle gegerbt und dadurch haltbar gemacht. Nun müssen sie noch getrocknet, das Leder geschliffen und die Haare gekämmt werden. Danach eignen sie sich als kuschelige Sitzfläche, als Bettvorleger oder als Einlage im Kinderwagen. Doch nicht nur private Tierhalter und Schäfer schwören mittlerweile auf die Gerberbrüder. Auch in dem Historienfilm „Der Medicus“ mit Ben Kingsley, der Ende 2013 in die Kinos kam und inzwischen mehr als drei Millionen Zuschauer hatte, wurden Drehorte mit Schaffellen und Arbeitsgeräten der beiden Brüder ausgestattet.

Weiches Wasser

Das Grundstück an der Kleinen Elster, auf dem die Oettrichs wohnen und arbeiten, ist perfekt für ihr Handwerk – wie so viele in der Gerberstadt Doberlug-Kirchhain. Vorn das Wohnhaus, dahinter die Gerberei und dann das Wasser. Fast 100 Gerber gab es hier noch um 1900. Denn das weiche Wasser der Kleinen Elster eignet sich hervorragend zum Gerben. Dass von Schlachttieren nicht nur Fleisch, sondern auch Felle und Leder gewonnen werden, war früher selbstverständlich. Leder kommt heute jedoch wie so vieles meist aus Fernost. Derzeit sind in Doberlug-Kirchhain lediglich noch zwei Gerbereien ansässig.

Deutschlandweit wissen die Brüder noch von etwa zwanzig Gerbern, die Felle herstellen. „Doch die Kollegen, die wir kennen, sind alle älter als wir.“ Nachwuchs gebe es kaum. An der einzigen Berufsschule für Gerber und Pelzveredler in Reutlingen (Baden-Württemberg) werden in drei Schuljahren gerade mal 43 Gerber ausgebildet. Sie kommen aus Deutschland, Österreich und Dänemark zum Blockunterricht an die Schule.

Auch der Bestand der Gerberei Oettrich war nicht immer gesichert. „Am Tag der Deutschen Einheit 1990 war ich der jüngste Gerbermeister in der DDR“, erzählt Manfred Oettrich. Doch mit der DDR verlor die Familie auch ihren besten Absatzmarkt. „Wir haben vor allem Schweinsleder gemacht, für Arbeitshandschuhe“, so Oettrich. In Deutschland sei das aber nicht mehr rentabel gewesen, da die Angebote aus Südostasien viel günstiger waren.

Der Betrieb schloss. Bruder Andreas arbeitete bei Gerbereien in ganz Deutschland. Manfred Oettrich machte ab 1993 eine Umschulung zum Industriekaufmann. Beim Anhänger-Hersteller Stema war er bald für das Marketing zuständig. Mit der Stahlkrise 2005 war die Arbeit bei Stema für Manfred Oettrich vorbei. „Mich erwischte die zweite Entlassungswelle.“ Die Abfindung steckte er in die alte Gerberei in Doberlug-Kirchhain. 2006 eröffnete er neu und spezialisierte sich auf Fellgerbung – unter dem Firmenslogan: „Wir gerben jedem das Fell.“

Nun bringen Kunden das Fell der geschlachteten Tiere und können es fertig gegerbt abholen. Etwa vier Wochen dauert das bei einem Schaffell. Man kann auch ein Fell kaufen. Ein ganzer Raum ist bei den Oettrichs deshalb mit Fellen vollgestopft. Ob Schaf, Galloway, Fuchs, Wildschwein oder Hase – vieles ist zu haben, auch in ausgefallenen Fellfarben. Denn die Gerber wissen: Wenn sie gegen das Angebot von Möbeldiscountern bestehen wollen, müssen sie das Besondere bieten. Nicht nur in den Farben, sondern auch in der Gerbung.

Es gibt auch mal ausgefallene Aufträge

Deshalb sind auch waschbare Felle im Angebot, die sich gut für Kinderwagen eignen. Hobby-Schafzüchterin Marlis Rohde aus Suschow im Spreewald bringt zwei Felle vorbei. „Ein Schaf stand auf meiner Wiese, das Fell war dann beim Gerber und liegt nun unter meinem Enkel“, so Rohde. „Das ist doch toll.“ Auf dem Weg in den Innenhof kommt sie an einem Spanngestell mit dem Fell eines gescheckten Pferdes vorbei. Einer der letzten Rossschlachter der Region meldet den Gerbern besonders schöne Tiere. Das sind nicht nur Schecken sondern Raritäten wie Shetlandponys oder Braune Pferde mit heller Mähne. Sie sind besonders zum Bespannen von Trommeln geeignet.

Hin und wieder erreichen die Oettrichs auch ausgefallene Aufträge: Etwa von einem Zirkus, der in Cottbus gastierte und ein Zebrafell hatte. „Ich war gerade unterwegs, als sie mich auf dem Handy erreichten. Da bin ich noch schnell vorbeigefahren und hab das Fell mitgenommen“, erzählt Manfred Oettrich. Nach drei Monaten war es fertig – die Oettrichs schickten es dem Zirkus per Nachnahme zu.