An seinem zehnten Geburtstag, dem 17. Oktober 1944, um Punkt 15.30 Uhr, sollte Franz Michalski zusammen mit seiner Mutter und seinem kleinen Bruder Peter deportiert werden. Lily backte an jenem Vormittag einen Kuchen aus Zutaten, die Franz besorgt hatte, weil die Mutter nicht mehr einkaufen ging. Sie hielt die damit verbundenen Demütigungen nicht mehr aus. Sie deckte eine Kaffeetafel, setzte Kakao auf und als die Gestapo an der Tür klopfte, verschwand sie mit den Kindern durch den Hinterhof.

Verwalter der Judenkartei

Sie rannten zum Bahnhof von Breslau, wo Gerda wartete, eine Kollegin des Vaters. Der arbeitete damals in Berlin und hatte sich schon am Vormittag abgesetzt, als er sich eigentlich zur Zwangsarbeit hätte melden müssen. Herbert Michalski war ein Mischling ersten Grades, wie die Nazis Männer nannten, die mit einer Jüdin verheiratet waren, und Lily Michalski war eine gebürtige Jüdin. Aber ein Freund von Herberts Bruder verwaltete die Judenkartei und hatte ihre Karte lange Zeit immer wieder nach ganz hinten gesteckt. Bis keine anderen Karten mehr da waren. Da bot Gerda an: Ich helfe euch raus aus der Stadt.

Diese Geschichte erzählt nicht Franz Michalski, der an diesem Dienstag in einem dreiteiligen Anzug gütig lächelnd in der Gedenkstätte Stille Helden in der Rosenthaler Straße steht, sondern seine Frau Petra. Michalski hat vor drei Jahren einen Schlaganfall, seither ist seine Frau sein „Sprachrohr“. Auch Peter Michalski, der neben seinem Bruder steht, lächelt nur still. Bis ins Jahr 2008 hat die Familie kaum über ihre Geschichte gesprochen. Damals regte der Berliner Kulturstaatssekretär André Schmitz, der die Umstände ihrer Flucht kannte, die Michalskis an, jene Frauen, die ihnen das Leben retteten, zur Aufnahme bei Yad Vashem anzumelden.

Seitdem erzählt Petra Michalski Schülern und Studenten die Geschichte der Michalskis, damit sie nicht verloren geht. Am Dienstag, fünf Jahre später, fand auch endlich die Feierstunde statt. Emmanuel Nahshon, der Gesandte der israelischen Botschaft, überreichte einem Enkel und einem Neffen von Gerda Mez und Erna Raack die Yad-Vashem-Medaillen. Die beiden Frauen sind bereits verstorben.

Lily Michalski wollte in das österreichische Poppendorf, wo ein Zahnpastafabrikant, den Herbert kannte, ein Schloss besaß. Sie hatte offenbar darauf gesetzt, dass die Gestapo in der Wohnung auf die Rückkehr der Familie an den gedeckten Kaffeetisch wartet. So muss es gewesen sein, denn sie schaffte es zu Gerda und in den überfüllten Zug nach Wien. Ständig wurden die Ausweise kontrolliert, aber Franz gelang es von den Beamten unbemerkt Gerdas Ausweis zwischen ihr und seiner Mutter hin- und her zu schmuggeln. Im Ausweis der Mutter stand ein „J“ für Jude.

In Poppendorf empfing ein großer Mann in einem langen, weißen Pelzmantel die Familie mit einer Pferdekutsche, der Marquis Respaldizza. Schon in der ersten Nacht stellte sich heraus, dass der Mann, der tagsüber wie ein Zirkusdirektor durch die Gegend lief, nachts eine Partisanenzentrale unterhielt. Es gab geheime Leitungen nach London und New York, an die zwanzig Studenten versteckten sich im Schloss und zogen in der Dunkelheit los, um Nazis zu bekämpfen. Das war kein sicherer Ort für Kinder.

Sieben in eine Doppelzimmer

Vier Wochen später brachten Herbert und Lily ihre Söhne zu Erna Raack, ihrem ehemaligen Kindermädchen, in die Nähe von Görlitz. Auch dort waren sie bald nicht mehr sicher und die gesamte Familie floh weiter ins heutige Tschechien, wo Gerda Mez inzwischen ein Hotelzimmer bewohnte. Sie nahm die vier auf, dazu ihre Schwester und deren Sohn. Der Hotelbesitzer verlor kein Wort darüber, dass sieben Personen bei ihm bis Kriegsende in einem Doppelzimmer hausten.

Lily Michalski starb 1966 an Krebs, Herbert Michalski wurde 83 und starb 1982. Peter Michalski ging mit seiner Familie nach England, Franz Michalski lebt mit seiner Frau in Berlin-Friedenau. Zu Gerda Mez und Erna Raack haben sie immer Kontakt gehalten. Nur Alfons Thienelt, den Mann, der ihre Karte in der Judenkartei immer wieder nach hinten steckte, haben sie nicht ausfindig machen können. „Dabei sind er und der Hotelbesitzer auch Stille Helden“, sagt Petra Michalski.

Die Geschichte von Franz und Peter Michalski ist auch in dem Buch“Uns kriegt ihr nicht - jüdische Überlebende erzählen“ von Tina Hüttl und Alexander Meschnig aufgezeichnet. Außerdem findet sie sich in der Gedenkstätte Stille Helden in der Rosenthaler Straße 39.