Manchmal reicht ein Stau auf der Autobahn, um aus frischen Lebensmitteln im Laster unbrauchbaren Abfall zu machen, jedenfalls nach den strengen Kriterien des deutschen Lebensmittelhandels. Dort werden auch keine Kohlrabi mit Rissen, weiche Bananen, krumme Möhren oder zu große Kartoffeln verkauft. Kommt der Lastwagen also später als vereinbart ans Ziel, kann ein Supermarkt schon mal die Lieferung ablehnen, die bestellte Ware landet im Müll, obwohl die Produkte noch genießbar sind.

1,3 Milliarden Tonnen Lebensmittel werden jedes Jahr weltweit verschwendet. In Deutschland entsorgen Industrie, Handel, Großverbraucher und Privathaushalte jedes Jahr elf Millionen Tonnen Lebensmittel als Abfall, schätzt das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft. Initiativen vermuten, es werden jedes Jahr 20 Millionen Tonnen an Lebensmittels verschwendet, also etwa 500.000 Lkw-Ladungen.

Und auch Landwirte müssen manchmal große Mengen ihrer angebauten Lebensmittel auf dem Feld lassen, weil es nicht der Norm entspricht.

Günstiger als üblich

Überschüssige und ungenormte Lebensmittel werden die Kunden von Berlins erstem Reste-Supermarkt bald einkaufen können. Bis zu 70 Prozent günstiger als im regulären Supermarkt sollen die Produkte sein, es gibt sogar die Möglichkeit, sich die gewünschten Waren im Laufe eines Tages nach Hause liefern zu lassen. Auch ein Online-Shop ist später geplant.

Drei Aktivisten aus der Bewegung der Lebensmittelretter – sie nennen sich Foodsharer, also Essensretter – haben jetzt das Start-up Sirplus gegründet und sie wollen mit ihrer Idee die Lebensmittelindustrie revolutionieren, verkünden sie optimistisch. Und haben wohl allen Grund dazu.

Denn bei einer Spendensammlung im Internet, die seit Mittwochmittag auf der Plattform Startnext läuft, haben sie bereits ein Drittel der notwendigen Summe von 50.000 Euro bekommen. Mehr als 200 Unterstützer haben knapp 15.000 Euro gespendet, so der Stand vom Donnerstagabend. Die Aktion läuft bis Anfang Juni.

Über 3000 Betriebe kooperieren

Im Sommer soll der neue Supermarkt eröffnen. Zurzeit suchen die Unternehmer einen geeigneten Standort innerhalb des S-Bahnrings, etwa 150 Quadratmeter groß soll er sein.

Vielleicht liegt der schnelle Spendenerfolg auch an der Prominenz der drei Firmengründer. Sie sind in der Bewegung der Lebensmittelretter bekannte Leute. Der Berliner Raphael Fellmer etwa war mit seiner Familie fünf Jahre lang ohne Geld in Deutschland unterwegs, ohne Konto, ohne Scheine und Münzen. Sein freiwilliger Geldstreik sollte einen Alternative sein zu Wohlstand, Konsum und der massiven Lebensmittelverschwendung in den reichen Industrie-Nationen. „Glücklich ohne Geld“, hieß sein Buch, das er verschenkte. In etlichen Talkshows konnte er seine Ideen vorstellen. 2012 gründete Fellmer mit seinem langjährigen Freund, dem Ingenieur für erneuerbare Energien, Martin Schott (auch er gehört zum Start-up), die Foodsharing-Bewegung, zu der heute mehr als 26.000 Menschen in vielen Städten in Deutschland Österreich und der Schweiz gehören. Über 3000 Betriebe kooperieren mit den Initiativen.

Essen aus Mülltonnen sammeln

Auch in Berlin haben die Lebensmittelretter ein stabiles Netzwerk aufgebaut, in dem sie übrig gebliebene Lebensmittel, sei es Brot, Joghurt, Obst und Gemüse in frei zugängliche Kühlschränke legen, aus denen sich jeder bedienen kann. Die bezirklichen Ordnungsämter ließen die Kühlschränke schließen.

Es gibt auch Aktivisten, die in Mülltonnen der Supermärkte nach weggeworfenen Esswaren suchen, eine juristisch umstrittene Aktion, die sich Containern nennt. In den vergangenen Jahre, so die Bilanz der Lebensmittelretter, wurden etwa 25 Millionen Mahlzeiten vor der Vernichtung bewahrt. In Neukölln bereitet ein Koch seine Gerichte aus übrig gebliebenen Waren zu. „Restlos glücklich“ heißt das Restaurant.

Zum Start-up-Team gehört auch Alexander Piutti, ein Digital-Unternehmer, der schon für namhafte Online-Betriebe wie Yahoo und Game Genetics gearbeitet hat.

Jeder Konsument kann seinen Beitrag leisten

Und so liest sich der Geschäftsplan der drei Unternehmer auch nicht wie ein Hirngespinst am Kneipentisch. In den vergangenen zehn Monaten haben sie Großhändlern und Logistikunternehmern ihr Konzept vorgestellt, sie kooperieren nun mit der Metro, Real und Hamberger. „Für Unternehmen ist die Zusammenarbeit mit uns ein Gewinn“, sagt Raphael Fellmer. Sie sparen Entsorgungskosten und tun etwas gegen die Lebensmittelverschwendung.

Als Konkurrenz zu bestehenden Organisationen wie die Berliner Tafel sieht sich das Start-up nicht. Ein Teil der Umsätze wird an gemeinnützige Organisationen gespendet, etwa an Obdachlose und Flüchtlinge. Später soll ein digitaler Marktplatz für überschüssige Lebensmittel entstehen, ebenso eine App zur Vermittlung der Waren. „Jeder Konsument kann seinen Beitrag leisten, die Welt ein Stück besser zu machen“, sagt Fellmer.