Das Gehen fällt ihm schwer und auch das Hören, doch diesen Termin wollte Gerhard Grote auf keinen Fall verpassen. Am Dienstagvormittag sitzt der 96-Jährige in der Bibliothek der Heinz-Brandt-Schule in Weißensee, um ihn neun Schüler vom Gesellschaftskurs der 9. Klasse. Geschichtslehrer Lars Degen hat Gerhard Grote eingeladen, damit die Schüler mal Dinge erfahren, die nicht in den Geschichtsbüchern stehen. „Es geht um Menschlichkeit, nicht um Jahreszahlen“, sagt der Geschichtslehrer.

„Als Zeitzeuge will ich mich für den Frieden engagieren“ - sagt Gerhard Grote

Gerhard Grote sagt zu den Schülern, er wolle wissen, was die Jugend über den Nationalsozialismus denkt, den Grote als Kind kennengelernt hat. Da war er so alt wie die Schüler, die jetzt vor ihm sitzen. Grote war in der Hitlerjugend, er erlebte Hitlers Überfall auf Danzig, mit 18 wurde er Soldat der Wehrmacht. „Als die Sowjetunion überfallen wurde, war ich dabei“, sagt er. „Und ich habe den Krieg bis zum Ende mitgemacht.“

Grote hat seine Lehren aus dem Krieg gezogen. Er ist zum Pazifisten und Antimilitaristen geworden. Darum geht es in seinen Büchern und deswegen spricht er zu den Schülern in Weißensee: „Es darf nie wieder zu einem Krieg und zu Nationalsozialismus kommen“, sagt Grote mit lauter und fester Stimme. „Als Zeitzeuge will ich mich für den Frieden engagieren.“ Die Schüler hören ihm gespannt zu.

Grotes persönliche Geschichtsstunden sind Teil von Anthony Giacchinos Film

Grotes persönliche Geschichtsstunde in der Heinz-Brandt-Schule gehört zu einem internationalen Filmprojekt. Der renommierte Dokumentarfilmer und Emmy-Award-Gewinner Anthony Giacchino produziert derzeit einen Film mit dem Titel „The Last Warriors“ – die letzten Veteranen. Giacchino ist mit seiner Filmcrew im vergangenen Jahr durch die USA und Europa gereist, er hat mit Kriegsveteranen in England, Italien, Russland, Frankreich und Deutschland über ihre Kriegserfahrungen gesprochen. Gerhard Grote ist der einzige Deutsche im Film. Es war schwer, jemanden zu finden, der darüber reden wollte.

Vor zwei Jahren schrieb die Berliner Zeitung über Gerhard Grote. Da war er 95 Jahre alt und arbeitete an seinem vierten Buch, um seine Schicksalsschläge zu verarbeiten. Fünf Jahre zuvor war seine Frau Gretel gestorben. Mehr als 60 Jahre haben die beiden miteinander verbracht. Ein Jahr nach dem Tod seiner Frau starb ihr gemeinsamer Sohn.

Durch den Zeitungsartikel wurde Giacchinos Crew auf Gerhard Grote aufmerksam. Grote sagte zu, vor der Kamera über sein Leben zu reden. Im vergangenen Jahr kam Anthony Giacchino nach Berlin und filmte Gerhard Grote.

Gerhard Grote beantwortet Fragen der Weißenseer Schüler

An diesem Dienstag nehmen zwei Kameraleute noch einige Szenen von Grotes Gesprächs mit den Schülern auf. Nächstes Jahr wird der Dokumentarfilm in den USA gezeigt. 75 Jahre sind dann seit dem Kriegsende im Jahr 1945 vergangen.

Die Jungen und Mädchen in der Weißenseer Schulbibliothek wollen an diesem Vormittag viel wissen von Gerhard Grote. Ob er etwas bereue in seine Leben, ob er gedacht habe, dass Deutschland den Krieg gewinnen würde? Grote sagt, er sei ein Kind gewesen, und er habe damals wie viele andere geglaubt, wenn Krieg sei, dann müsse man mitmachen. Doch als sein bester Freund mit 18 Jahren an der Front fiel, sei ihm die Sinnlosigkeit von Krieges bewusst geworden. Er sagt, er machte sich Vorwürfe und glaubte, er sei Schuld, er hatte damals seinen Freund zum Wachdienst eingeteilt.

Der Autor schreibt gegen Militäreinsätze an

Ein Schüler fragt: „Warum seid ihr damals Hitler gefolgt?“ Grote antwortet: „Der Antisemitismus war in Deutschland weit verbreitet. Hitler konnte daran gut anknüpfen.“

Grote ist ein guter Redner. Er kennt Zahlen und Fakten auswendig, redet gestenreich und strukturiert. In der DDR war er Professor für Außenwirtschaft an der Hochschule für Ökonomie. Zeitungen liest er jeden Tag, er will Bescheid wissen in der Politik. Nachmittags schreibt er an seinem fünften Buch. Neulich hat er in einem Brief an die Bundeskanzlerin die Rüstungsausgaben und Militäreinsätze kritisiert. „Das ist doch Wahnsinn!“ sagt Grote zu den Schülern. „Ich schreibe dagegen an.“