Das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg hat Konsequenzen aus der tödlichen Bluttat in der besetzten ehemaligen Gerhart-Hauptmann-Schule an der Reichenberger Straße gezogen. Am Montagabend wurden die rund 200 Flüchtlinge darüber informiert, dass sie alle ausziehen müssen. Sobald Sozialsenator Mario Czaja (CDU) die versprochene Unterkunft für sie gefunden habe, werde die Schule frei gemacht. Ziel sei es weiterhin, das Haus zu einem Flüchtlingszentrum mit 70 Plätzen zu entwickeln, sagte Bezirksamtssprecher Sascha Langenbach.

Aber: „Vorher wird umfassend saniert und umgebaut.“ Für 35 Flüchtlinge, die Bauhandwerker seien und bei den Arbeiten helfen sollen, werde der Pavillon auf dem Schulhof als Behelfs-Unterkunft hergerichtet. Baustadtrat Hans Panhoff (Grüne) bat die Flüchtlinge erneut dringend, sich auf der Liste von Sozialsenatorin Dilek Kolat (SPD) einzutragen. „Wer sich nicht registrieren lässt, bekommt keine Unterkunft“, so der Sprecher. Bislang stünden erschreckend wenige Namen auf der Liste. Das Bezirksamt stellte zudem klar, dass es nicht für alle Roma-Familien aus der Schule eine Unterkunft finden könne.

Trauerfeier für Getöteten

Am Vormittag hatten etwa 40 Freunde und Nachbarn eine Trauerfeier für den am Freitag in der Schule getöteten Flüchtling arrangiert. Anwar, so nannte sich der 29-Jährige, war von einem anderen Mann erstochen worden. Blumen standen an der Stelle, an der Anwar starb. Kerzen brannten. Anwars Freunde hatten Mohamed Lahrima von der marokkanischen Gemeinde eingeladen, damit er ein paar Worte sagt über den Toten und auch über sie. „Sie sind nicht hier, um kriminell zu sein, sie sind nicht hier, um andere zu töten“, sagte Lahrima. Sicherlich auch nicht, um getötet zu werden. Es ging um die Dusche, die einzige im Haus. Anwar habe nur sein Duschzeug rausholen wollen, sagte einer seiner Freunde. Der andere habe sofort zugestochen. Gegen ihn wird wegen Totschlags ermittelt. Bisher hat er sich nicht zu den Vorwürfen geäußert.

Lahrima sprach ein Gebet. Viel mehr könne er nicht tun, er wisse nicht viel über den Toten. „Es wurde mir gesagt, dass er aus Marokko kommt“, sagte Lahrima. Anwar stamme aus der Stadt Fès, einer Millionenstadt im nördlichen Marokko, sagten seine Freunde. Er habe als Gastarbeiter in Spanien gearbeitet, sagte der 28-jährige Mohamed. Wegen der Krise sei er nordwärts gezogen. „Ich will ihn zu seiner Mutter bringen“, sagte Muktar. Beide haben Mühe, ihre Emotionen zu kontrollieren. „Die brauchen hier einen Seelsorger“, forderte Gemeindemann Lahrima.

Rund 200 Menschen leben seit eineinhalb Jahren in dem Gebäude: Afrikaner, Araber, Roma-Familien, Obdachlose. Immer wieder kommt es zu Messerstechereien. „Sechs verletzte Araber in 15 Tagen“, bilanzierten Anwars Freunde. Was alternative Unterkünfte angeht, halten sich die Behörden bedeckt. Angeblich bereitet die Sozialverwaltung geeignete Häuser vor. Einen Umzugsplan macht sie aber von Erhebungen der Daten seitens der Integrationsverwaltung abhängig. „Wir sind auf einem guten Weg“, formulierte deren Sprecher Mathias Gille.