Gerüchte im Internet: Angst vor Kinderfängern im weißen Kleinbus

Dallgow-Döberitz - Das Böse kommt per E-Mail, wird beim Abendessen erzählt und am Telefon weitergegeben. Eltern in vielen Orten rund um Berlin haben derzeit Angst um ihre Kinder. Die Angst hat nach einer versuchten Kindesentführung am Sonnabend in Friedersdorf (Dahme-Spreewald) neue Nahrung erhalten. Ein Unbekannter soll versucht haben, eine Achtjährige in seinen weißen Kleinbus zu zerren. Das Mädchen wehrte sich, eine Freundin warf einen Stein in die Frontscheibe des Autos – der Mann floh. So erzählten es die Kinder, die Polizei glaubt ihnen, denn die Achtjährige hatte Blutergüsse an den Handgelenken.

„Wir nehmen jede Anzeige sehr ernst und ermitteln“, sagt Polizeisprecherin Anja Resmer. „Aber wir warnen auch vor Hysterie.“

Eltern organisieren Abholservice für Kinder

In diesem Jahr sind schon mehr als 60 Meldungen bei der Polizei eingegangen, wonach Männer Kinder angesprochen hätten und angeblich in Autos holen wollten. Immer wieder ist dabei von einem weißen Transporter die Rede. Die Angst der Eltern wächst: Inzwischen gilt jedes fremde Auto an Schulen und Kitas potenziell als verdächtig. Seit dem Vorfall in Friedersdorf belehren Grundschullehrer die Schüler, nicht mit Fremden mitzugehen, Schulkonferenzen tagen, Eltern informieren sich gegenseitig und lassen ihre Kinder oft nicht mehr allein auf die Straße gehen.

In Dallgow-Döberitz (Havelland) fürchten Lehrer, Erzieher und Schüler seit einiger Zeit auch das Auftauchen eines dunklen Kombis, der öfter nachmittags an der Grundschule gesehen wurde. Die Horterzieher baten die Kinder, sie zu informieren, wenn sie ein solchen Auto sehen. Elternvertreter rufen die Eltern auf, wachsam zu sein und ihre Kinder noch einmal aufzuklären, wie sie sich gegenüber Fremden verhalten sollen. In Bad Freienwalde haben Eltern einen Abholservice für Kinder organisiert.

Allerdings ist die Geschichte vom Mann mit dem weißen Bus offenbar erfunden. Seit September verbreitet sich das Gerücht im Internet. So soll der ominöse Bus am selben Tag an zwei Orten aufgetaucht sein, die hunderte Kilometer auseinander liegen. Kaum machte das Gerücht die Runde, verdoppelte sich in Brandenburg die Zahl der Meldungen bei der Polizei.

Am Mittwoch wurde ein neuer Fall gemeldet. In Petershagen-Eggersdorf (Märkisch-Oderland) erzählte eine Neunjährige, ein Mann im weißen Kleinbus habe sie an einer Bushaltestelle angesprochen. Als die Kripo sie befragte, stellte sich heraus, dass es zwar einen weißen Bus gab. Doch der Fahrer hatte nur gehalten, um zu telefonieren und niemanden angesprochen. „Das Kind war offenbar durch Vorfälle der jüngsten Zeit übersensibilisiert“, so ein Polizeisprecher.