Berlin - Der Berliner Senat macht den Kampf gegen die Obdachlosigkeit zur Chefsache. Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) will dem wachsenden Problem künftig mit einer gesamtstädtischen Strategie begegnen. Bislang haben die Berliner Bezirke die Hauptverantwortung für die Unterbringung obdachloser Menschen.

Einige Bezirksämter stießen aber, so Breitenbach, längst an die Grenzen ihrer Kapazitäten, auch sei das Engagement unterschiedlich. Senat, Bezirke, Wohlfahrtsverbände und Wohnungslosenhilfe wollen nun auf einer Konferenz am 10. Januar über Inhalte der neuen Zukunftsstrategie beraten.

Das Milieu verändert sich stark

6000 Menschen leben in Berlin nach Angaben von Caritas und Diakonie dauerhaft auf der Straße. Hinzu kommen 40.000 Wohnungslose, die in sozialen Einrichtungen untergebracht sind. Eine starke Veränderung gibt es, so Senatorin Breitenbach, nicht nur bei der Zahl der Betroffenen, sondern auch bei der sozialen Zusammensetzung des Obdachlosenmilieus.

„Vor einigen Jahren war der Obdachlose noch der deutsche Mann zwischen 35 und 55, jetzt sehen wir viel mehr Frauen, Familien, ältere und behinderte Menschen“, sagt Breitenbach. Es gebe auch großen Zulauf von EU-Bürgern, die in Berlin stranden.

Nach Schätzungen von Sozialverbänden stammen 60 Prozent der Obdachlosen aus dem Ausland, zumeist aus Osteuropa. „Wir haben ein umfassendes Hilfesystem, stellen aber fest, dass die Hilfen nicht immer dort ankommen, wo sie gebraucht werden“, so Breitenbach.

Der Berliner Senat will auch Vertreter mehrerer ausländischer Botschaften einladen, sich an der Ausarbeitung einer gesamtstädtischen Strategie zu beteiligen. Bislang gebe es, so Senatorin Breitenbach, keine erkennbare Bereitschaft der Botschaften der Herkunftsländer von Obdachlosen aus Ost- und Südosteuropa, Verantwortung für ihre in Berlin gestrandeten Landsleute zu übernehmen.

Eckpfeiler der gesamtstädtischen Strategie

Zuletzt waren, wie berichtet, etwa im Tiergarten und am Club „Berghain“ in Friedrichshain mehrere Camps osteuropäischer Obdachloser entstanden und in einigen Fällen geräumt worden. Elke Breitenbach betont, dass jede Hilfe für Obdachlose „nach Berliner Spielregeln“ ablaufen müsse. Die Option, Betroffene ihrem Schicksal zu überlassen, wie es in einigen Ländern geschehe, gebe es nicht.

Einige Eckpfeiler der künftigen gesamtstädtischen Strategie stehen bereits. Der Senat hat die Mittel für die Bekämpfung der Obdachlosigkeit und für die Schuldnerberatung im neuen Doppelhaushalt auf rund zwölf Millionen Euro verdoppelt.

Ihr Weg sei dabei nicht, sagt Breitenbach, eigene Strukturen für Obdachlose weiter auszubauen. Betroffene müssten in die Regelsysteme der Unterstützung überführt werden. „Da gehören sie hin, denn sie sind Menschen wie Sie und ich“, so die Senatorin. „Mein Weg sind nicht spezielle Krankenhäuser oder Pflegeheime für Obdachlose. Wir haben jetzt schon ein Zwei-Klassen-System, wir brauchen nicht noch ein Drei-Klassen-System.“

Der Vorstoß der Sozialsenatorin stößt bei der Berliner Stadtmission grundsätzlich auf Zustimmung, es gibt aber auch einige Bedenken. „Ein Runder Tisch zur Erarbeitung einer gesamtstädtischen Lösung sollte nur eine überschaubare Anzahl von Teilnehmern haben und sich von vornherein klare Ziele setzen“, sagt Ortrud Wohlwend, Sprecherin der Berliner Stadtmission.

Es müssten zunächst feste inhaltliche und zeitliche Zielmarken definiert werden, damit Planungen und Debattenbeiträge nicht gleich wieder zerredet werden. „Ziele können auf Jahre gedacht sein, etwa dass wir langfristig 2000 Obdachlose von der Straße holen. Oder auch kurzfristig, dass wir im nächsten halben Jahr 100 Betroffenen helfen“, so Wohlwend.

Auch der Bund soll in die Pflicht genommen werden

Auch müssten die Verantwortlichkeiten klar geregelt sein: „Welche Person spricht mit welcher osteuropäischen Botschaft über die wohnungslosen, ausländischen EU-Bürger in Berlin?“ Ohne effektive Organisation werde sich zu wenig verbessern.

Ein wichtiges Ziel sieht man bei der Stadtmission, die unter anderem die Bahnhofsmission am Zoo betreibt, in einer stärkeren Vernetzung der Hilfsangebote. „Betroffene müssen sich leichter informieren können, und sie müssen zielsicher weitergeleitet werden, wenn sie sich zunächst an die falsche Adresse gewandt hatten“, sagt Ortrud Wohlwend. Die Gesamtsteuerung des Informationsflusses und der Hilfsangebote laufe noch nicht reibungslos.

Allgemeine Einigkeit besteht in der Einschätzung, dass die Obdachlosigkeit nur langfristig zu beseitigen ist. Nicht zuletzt sei, so heißt es beim Berliner Senat, auch mehr Einsatz des Bundes nötig. (mit epd)