Es klingt paradox, aber das bundesweite Wassersparen treibt die Wasserpreise in die Höhe. Denn inzwischen müssen Leitungen aufwendig gespült werden, um Ablagerungen und Keimbildung zu verhindern. Und die Kosten werden auf den Verbraucher abgewälzt. Ebenso das Geld, das bundesweit in den Rückbau von Wassernetzen und Anlagen fließt, um die Infrastruktur an den geringeren Verbrauch anzupassen. Zwei aus einer ganzen Reihe von Gründen, die die Wasserpreise zwischen 2005 und 2016 um etwa 17,6 Prozent klettern ließen, teilte das Statistische Bundesamt am Freitag mit. Die Verbraucherpreise legten im selben Zeitraum um 16,1 Prozent zu.

Berliner Preise sind stabil

Berliner Haushalte können sich indes über konstante Wasserpreise freuen. „Die Grundpreise sind seit 2010 unverändert“, sagt Stephan Natz, Sprecher der Berliner Wasserbetriebe (BWB). Der Kubikmeterpreis für Trinkwasser sei seit 2007 sogar gesunken, der für Schmutzwasser seit 2008. Allerdings haben die Berliner auch schon andere Zeiten kennengelernt.

Bis Mitte der 2000er-Jahre waren die Preise für Trink- und Abwasser in der Stadt stetig gestiegen. Zuvor hatte sich die Stadt radikal verändert. Mit der Deindustrialisierung in den Neunzigern verschwanden etliche Betriebe. Dem seinerzeit privaten Wasserversorger (ein Konsortium um den französischen Konzern Veolia und die deutsche RWE) kamen Abnehmer abhanden. Zugleich musste die marode Infrastruktur erneuert werden. Die Wasserbetriebe investierten in einen schrumpfenden Markt. Steigende Wasserpreise waren die Folge. Und was macht der hiesige Trinkwasserlieferant heute anders als andere?

„Berlin übt bewusst Gewinnverzicht aus“

Die Berliner Wasserbetriebe profitieren von der wachsenden Stadt. Mittlerweile werden 3,7 Millionen Berliner versorgt. Mehr Kunden bedeuten mehr Absatz. Zudem zeigt sich an den stabilen Preisen, dass sich Rekommunalisierung lohnen kann. Denn seit Ende 2013 sind die Wasserbetriebe wieder ein landeseigenes Unternehmen. Dafür war ein erfolgreiches Volksbegehren der Auslöser, ein Volksentscheid folgte, und nun sollen es die Hauptstädter auch spüren. Entsprechende politische Entscheidungen helfen dabei.

„Das Land Berlin übt bewusst Gewinnverzicht aus“, sagt Stephan Natz und verweist auch auf eigene Rationalisierungsleistungen. Ein Beispiel dafür sind die rund 160 Pumpwerke in der Stadt. Von denen waren 45 Werke einst fünfschichtig besetzt. Nach und nach wurden die Stationen automatisiert und an eine zentrale Steuerung angeschlossen. In Kürze wird auch das letzte Pumpwerk vollautomatisiert sein, 600 Stellen sind weggefallen. Heute hat das Unternehmen gut 4300 Beschäftigte.

1,69 Euro pro Kubikmeter Wasser

Aktuell kostet ein Kubikmeter Trinkwasser 1,69 Euro. Seit 2014 ist die Preis unverändert. „Wir werden unsere Tarife mindestens bis 2021 konstant halten“, sagte BWB-Chef Jörg Simon kürzlich. Nötige Investitionen sollen dank steigender Umsätze in der wachsenden Stadt aus dem eigenen Budget finanziert werden. Bei gut einer Milliarde Euro lag der Umsatz voriges Jahr.

Dass investiert werden muss, steht außer Frage. Schadstoffe sind ein großes Thema in der Trinkwasseraufbereitung. Zwar kann für Nitrat Entwarnung gegeben werden. Das sei vor allem für Flächenländer problematisch, heißt es bei den Wasserbetrieben. „Wir liegen um 90 Prozent unter dem Grenzwert der Trinkwasserverordnung“, sagt Natz.

Schwieriger ist es bei den Sulfaten, die mit der Spree aus den Kohlefördergebieten der Lausitz in die Stadt kommen können. Hier setzen die BWB auf das Verursacherprinzip. In Brandenburg müsse die Sulfatschwemme verhindert werden, was laut Natz bislang gut funktioniere.

Arzneimittel und Süßstoffe

Die dritte und durchaus kostspielige Herausforderung sind Spurenstoffe. Konkret handelt es sich um Spuren von Arzneimitteln oder Süßstoffen aus Getränken. Um deren Anteil im Trinkwasser weiter reduzieren zu können, müssen die sechs Berliner Klärwerke aufgerüstet werden.

Statt bislang drei sollen sie vier Klärstufen bekommen. Allein dafür wollen die Wasserbetriebe mehr als eine halbe Milliarde Euro ausgeben. Insgesamt will das Unternehmen in den nächsten fünf Jahren 2,3 Milliarden Euro investieren – bestenfalls bei stabilen Preisen. Laut Natz seien die Investitionen bereits eingepreist.

Anmerkung der Redaktion: Ursprünglich hieß es, die Trinkwasserpreise seien im Zeitraum von 2005 bis 2016 um etwa 25 Prozent gestiegen. Diese Zahlen nannte die Grünen-Fraktion im Bundestag und berief sich auf aktuelle Zahlen des Statistischen Bundesamts. Die Wiesbadener Behörde korrigierte die Zahlen allerdings. Die Auswertung der Grünen sei nicht korrekt gewesen. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten, diesen zu entschuldigen.