Berlin - Nebel hängt über dem Teutoburger Platz, vom dunklen Himmel fällt Regen. In einer Art begehbarem Kleiderschrank ist ein Lichtkegel zu sehen. Ein Mann leuchtet mit einer Fahrradlampe auf die Fächer, inspiziert Bücher, Kleidung, Geschirr. Er ist auf der Suche nach Kleidung für seine Tochter. Und wird fündig: Eine lila Regenjacke und eine Schneehose packt er ein. Die Kleider von unbekannten Spendern haben soeben den Besitzer gewechselt.

Die Umsonstbox hat eine Anwohnerinitiative aufgestellt. Jeder kann Dinge hineinlegen, die er nicht mehr braucht – und mitnehmen, was ihm gefällt. Die Box funktioniert als Tauschring für die Nachbarschaft und wirkt liebevoller als eine auf die Straße gestellte Kiste. In dem Häuschen liegt alter Plunder neben fast neuer Kleidung und Kuriosem. Innerhalb eines Tages hat sich der Bestand meist komplett erneuert. Eine handgeschriebene Vokabelsammlung Kiswahili-Englisch und eine Herrenshorts mit dem Logo eines Stromkonzerns sind ähnlich begehrt wie ein Skateboard oder der Damenmantel eines angesagten dänischen Labels.

Nicht aus Not, sondern aus Spaß

„Hier Sachen mitzunehmen, ist nichts, wofür man sich schämen muss“, findet der Mann mit dem Fahrradlicht. Seinen Namen möchte er trotzdem lieber nicht in der Zeitung lesen, wir nennen ihn Herrn Schwarz. Die Idee sei genial, meint der 43-Jährige. Er schaue regelmäßig, was es Neues gibt. Nicht direkt aus Not, sondern auch zum Spaß, es sei wie eine Jagd. Für seine Tochter im Kleinkindalter hat er einen Koffer für später angelegt, mit Chucks, Hippie-Sachen zum Verkleiden und Netzhemden, „falls sie mal Punkerin wird“. Die Kleidung, aus der sie rausgewachsen ist, bringt er zurück. Sein Mantel sei von hier, ebenso die Hose. Dass er schlecht gekleidet wäre, kann man nicht behaupten.

Die Gegend um den Platz am Pfefferberg zwischen Schönhauser und Kastanienallee hat sich in den vergangenen Jahren schnell verändert, es wurde saniert und modernisiert, Mieten stiegen. Schwarz sagt: „Es sind oft gut Betuchte, die hier Sachen hinlegen.“ Manchmal begegnet er denen, die gerade Dinge herbringen – meist aus Platzgründen. Zum Beispiel einer Frau, die sich schweren Herzens von einem schön illustrierten Märchenbuch trennte und sich dann freute, damit einem Kind eine Freude zu machen.

Mehrere solcher Boxen stehen in Berlin, viele wurden aufgestellt von der Organisation „Givebox“, zum Beispiel in der Steinstraße in Mitte. Hinter der Givebox steht Andreas Richter, ein Berliner, der einen sinnvollen Weg suchte, gebrauchte Sachen weiterzugeben. Nach Auskunft der Organisation gibt es inzwischen über 30 Giveboxen in Europa und Kanada.

Am Teutoburger Platz gibt es auch einen Carsharing-Parkplatz und einen Leihladen. Tauschen und Teilen werden immer beliebter, wenngleich die Ideen nicht neu sind. Das erste Verschenkhäuschen auf dem Platz habe vor fünf Jahren in der ersten Nacht ein Unbekannter angezündet, erzählt Andrea Fritz'sche. Sie ist vom Verein „Leute am Teute“, der die neue Box im Frühjahr aufgebaut hat. Ein Zeichen gegen die Wegwerfgesellschaft solle sie sein, Nachbarschaft fördern und verhindern, dass Altkleider lokale Märkte in anderen Länder überschwemmen. Auch Fritzsche trägt eine Jeans aus der Box. „Hier kann man ohne Aufwand geben und nehmen“, so die 35-Jährige. Gerade für Leute mit wenig Geld sei das toll.

Ärger mit der Polizei

Bislang wird die Box auf dem Teutoburger Platz geduldet, wie viele andere dieser Einrichtungen auch. Doch die Organisatoren der Giveboxen hatten wegen ungenehmigter Sondernutzung öffentlichen Straßenlandes auch schon Ärger mit dem Bezirksamt in Kreuzberg. Ihre Box aus der Falckensteinstraße durften sie dann aber in einem nahen Nachbarschaftszentrum wieder aufbauen.

Am Teutoburger Platz huschen manche Passanten nur kurz und etwas verschämt in die Umsonstbox hinein, andere nutzen wiederum die Kontaktmöglichkeit, die die Einrichtung bietet. Eine ältere Frau zeigt stolz ihren Fund im Fahrradkorb: einen Bildband und ein paar Filme. Was andere Leute sonst weggeschmissen hätten, rettet ihren Abend.

Hier kommt die Box: Umsonstbox Prenzlauer Berg: Teutoburger Platz, Standorte Giveboxen: www.facebook.com/Givebox