Geschichte: Als sich Intellektuelle in berühmten Berliner Kaffeehäusern trafen

Berlin - Kaffee und Kuchen im Dezember, wenn es draußen kalt und drinnen kuschlig warm ist – das wünscht man sich von einem Kaffeehaus. Gemütlich soll es sein, entspannend. Doch so sah die berühmte Berliner Kaffeehauskultur nicht aus.

Größte Berühmtheit erlangte in den Zwanzigerjahren das Romanische Café nahe der Gedächtniskirche. Seinen Namen verdankt es dem trutzburghaft im neoromanischen Stil errichteten Gebäude an jener Stelle, wo heute das Europacenter steht. Gäste beschrieben das Lokal als farblos, frostig, das Essen schlecht. Aber günstig gelegen, denn am Kurfürstendamm hatten sich viele Theater etabliert, Varietés, Kabaretts, Revuebühnen, Kinos.

An dieser Stelle muss man einen Schritt zurückgehen, ins Café des Westens um die Jahrhundertwende – ohne dieses kommt die Geschichte nicht aus. „Es haben sich eine ziemliche Anzahl neuere Kaffeehäuser aufgethan. Da sitzen die Söhne Germaniens, trinken Kaffee, rauchen Cigarren, klappern mit den Dominosteinen und blättern in Journalen. In die Kaffeehäuser hat sich die Litteratur gerettet mitsammt den Litteraten.“ So beschrieb das Leipziger Tageblatt 1901 die Berliner Intellektuellenszene. Deren harten Kern traf man zu jener Zeit am Kurfürstendamm, Ecke Joachimstaler, im CdW. Hierher kam, wer sehen und gesehen werden wollte, wer schon etwas war und vor allem: wer etwas werden wollte.

Café Größenwahn

Es war Stammlokal der rebellischen Maler der Secession, der Expressionisten, Dadaisten, der Galeristen und Verleger. Hier trafen sich Else Lasker-Schüler, Gottfried Benn, Max Reinhardt, Marc Chagall, Jakob van Hoddis oder gefürchtete Kritiker wie Alfred Kerr und andere Wegbereiter der Moderne. Sie machten das CdW zum „Café Größenwahn“. Viele Gäste konnten ihre Zeche nicht bezahlen, saßen Stunden bei einer Tasse Kaffee. Gelegentlich half ein Erfolgreicher aus.

Für viele lohnte es sich: Hier wurden Zeitschriften geboren und Kabaretts, die dann auf einer Kudammbühne ihr Feuerwerk zündeten. Hier porträtierte ein Künstler den anderen, hier meißelte man Pamphlete und debattierte hitzig. Hier fanden nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs Pazifisten zueinander. Hier führte der Autor Frank Leonhard mit seinem Freund Egon Erwin Kisch (umgeben von einem Damenschwarm) „Kampfgespräche über Literatur“.

Leonhard erinnert sich: „Sie dauerten jeden Tag bis fünf Uhr früh. Und da wir spätestens bis vier Uhr nachmittags wieder im Café sein mußten und, wie ich mich mit Bestimmtheit erinnere, doch auch irgendwann geschlafen haben, frage ich mich heute vergebens, wann wir eigentlich unsere Bücher schrieben.“ Das Kaffeehaus, speziell das Café Größenwahn, hatte die Rolle des gepflegten bürgerlichen Salons übernommen – öffentlicher, rauer, antibürgerlich. Die bürgerliche Presse sah Sumpf und Gesindel.

In der Gegend blühte der Schwarzmarkt

Ob tatsächlich solche Attacken der Legende CdW ein Ende setzten? Jedenfalls wählte die Künstlerszene einen neuen Sitz im Romanischen Café. Die Erfolgreichen nahmen Platz an den 20 Tischen des kleinen Raums – dem „Bassin für Schwimmer“; die Möchtegerne und Kontaktsucher hatten sich im „Bassin für Nichtschwimmer“ mit 70 Tischen aufzuhalten. Sie hofften wie viele andere in so vielen anderen Kudamm-Cafés auf eine kleine Bühnenrolle, einen Zeitungsauftrag, die Chance zum Durchbruch. Zur Schnorrer-Abwehr wandte Wirt Fiering das „Ausweis“-System an: Notorische Nichtzahler fanden Zettel auf dem Tisch mit dem Hausverbot. Die Verbannten zogen zur „Lunte“ in der Rankestraße, Café der Trübsal.

Georg Zivier beschreibt in seinem 1965 erschienenen Büchlein „Das Romanische Café“ die neuen Umstände nach Krieg und Kaiserreich, in Hunger-, Not- und Inflationszeiten. Erst dann sei die richtige Größenwahn-Zeit ausgebrochen: „Da diktierten, nachdem es keine kaiserlichen Hofkreise mehr gab und eine neue Hautevolee sich nicht bilden wollte, in Berlin zum Teil die Künstler das gesellschaftliche Leben, und ihre Residenzen waren einige Gaststätten in der Nähe der Gedächtniskirche.“ Theodor Mommsen hatte schon zu Jahrhundertbeginn im „überstarken Hervortreten der Künstlerschaft, im Offiziellwerden von Literaten und Bühnengrößen“ Regimeschwäche erkannt.

Bald bekam das Romanische Café den Zunamen „Rachmonisches“, hebräisch für „erbarmungswürdig“. In der Gegend blühte der Schwarzmarkt, tummelten sich Devisenschieber. Ein Zentner Kohle kostete mehr als das Aktienpaket eines ganzen Bergwerks. Im Rachmonischen pausierten die Zocker und Spekulanten, saßen dort in Sichtweite der dichtenden Hungerleider und Theaterleute umliegender Bühnen – zu jeder dieser Gruppen gehörten viele Juden.

Ab 1933 saßen Gestapo-Burschen an ihrem Stammtisch

An den Marmortischen besetzte man Rollen für kommende Bühnenstücke, und nach den Vorstellungen strömte erst recht alles herbei. Nach Premieren gierte man nach den Morgenzeitungen, die gegen Mitternacht herauskamen, bereits mit den Kritiken von Alfred Kerr und Herbert Ihering, über die man unbedingt und leidenschaftlich debattieren musste. Wegen des Essens kam man nicht: Es gab Makrönchen, Schnitzel, Bockbier, Buttercreme und dichten Tabakqualm.

Und man war politisch, je tiefer drin in den katzengoldenen Zwanzigern, desto mehr. Vor allem linke bis ultralinke Cliquen trafen in den Bassins aufeinander und mieden jeden Kontakt. Bald stampften vor den Fenstern rechte und linke Radikale, brüllten ihre Kampfhymnen. Georg Ziviers Zeitzeugen berichten, mit „welcher Elastizität sich auch im Romanischen eingefleischte Linksleute in Nazis verwandeln konnten“. Spitzel tauchten auf „wie ein angeblich sozialdemokratischer Polizeileutnant, der sich mit allen Roten, Rötlichen und Schwarzrotgoldenen vertraut gemacht hatte und bald nach der Machtergreifung als Gestapo-Funktionär die Verhaftungen vornahm“. Ab 1933 saßen Gestapo-Burschen an ihrem Stammtisch.

Angst an den Marmortischen

Der englische Schriftsteller Christopher Isherwood beobachtete eine Woche nach Hitlers Machtergreifung die Stimmung „in dem großen, halbleeren Café an der Gedächtniskirche, wo Juden und linksgerichtete Intellektuelle noch über den Marmortischen die Köpfe zusammenstecken und leise miteinander reden. Viele wissen genau, dass ihnen die Verhaftung bevorsteht – wenn nicht heute, dann morgen“. Rachmonisch nannte man das Café nicht mehr. Einst linke Leute kamen nun in SA-Uniform. Die Prominenz blieb fast vollständig aus, zumal die von den Bühnen verbannten jüdischen Künstler. Zivier schreibt: „Ein Widerstandsnest ist das Romanische nicht geworden. Es war passé, schon vor seiner Niederbombung.“ 1943 fiel es durch einen Luftangriff der Alliierten in Trümmer.

Hatte Marlene Dietrich, 1930 Welt-Super-Megastar, zum Publikum des Romanischen Cafés gehört? Steven Bach berichtet in seinem Buch „Marlene Dietrich. Life and Legend“ von den Streifzügen, die die mysteriöse Schönheit noch vor ihrem Aufstieg zu Weltruhm am Kurfürstendamm unternahm – in Gesellschaft von Rudi (seit 1923 ihr Ehemann Rudolf Siebert): „Sie zogen durch ambisexuelle Clubs wie Le Silhouette oder The White Rose oder El Dorado (an dessen Eingang grell beleuchtete Poster tanzender Paare hingen: Mann/Frau, Mann/Mann, Frau/Frau, Mann/Pudel – für jeden was).“ Steven Bach kolportiert auch, wie es dem damals siebzigjährigen Max Liebermann erging, als er sie einmal vor dem Romanischen Café vorbeibummeln sah, wie eine Erscheinung aus einem Otto-Dix-Gemälde. Er seufzte: „Oh wäre man 50 Jahre jünger…“

Marlene lernte in jener Zeit Boxen. Möglich, dass sie im Romanischen Café einkehrte, ihre Szene war die erregte Boheme ohnehin nicht. Ihre Welt war eher der erregende Glamour.

Dieser Text ist Teil unserer Weihnachtswunschaktion - unsere  Leserinnen und Leser haben uns Themenwünsche geschickt. Ralf Krüger, Müggelheim, regte an: Forschen Sie doch bitte mal in Richtung „Berliner Kaffeehauskultur“ um das Jahr 1930 herum. Sicher war Marlene auch oft in einem dieser vielen Berliner Kaffeehäuser zu Gast.