Wilhelm Busch machte sich im September 1882 auf ins Riesengebirge. Er fand, „… es sei Dir gut und nütze/dass Du nicht auf Deinem Sitze/in der Heimat bleibst/und die Zeit mit Skat vertreibst“. Beim Besteigen der Schneekoppe fiel ihm ein, es könne „Dir nicht schaden/wenn Du Deine werten Waden/durch das Steigen auf und nieder/fester machst…“. So ist es, und so fasste er ein Motiv der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ausbrechenden Wanderlust in wenige Worte.

Tourismus wird durch Riesengebirgsverein angekurbelt

Der Dichter hatte Pech. Er sah die Attraktionen nicht: kein weiter Blick über das Hirschberger Becken gen Schlesien oder Richtung Böhmen. So klagte er: „Nebel war am ganzen Tage/und der Aufstieg eine Plage.“ Dann „auf der höchsten Spitzen Preußens/wollt acht Tag ich sitzen/oben, dacht ich, hast du Ruh/schrumm! schließt Pohl die Bude zu!“

Friedrich Pohl, seit 1875 Wirt der Preußischen und der benachbarten Böhmischen Baude, war im Begriff, das Haus für die Überwinterung zu verriegeln. Busch verewigte sich noch schnell im Fremdenbuch. Pohl sperrte auch immer wieder für seine Gäste auf: Er machte die beiden einfachen, von einer Staatsgrenze getrennten Hütten zu guten Hotels, deren Speise- und Getränkeangebot dem von Berliner oder Dresdener Häusern nicht nachstand – und das auf 1600 Metern Höhe.

Auch dieses Angebot machte dem Tourismus Beine, es lockte die gehobene Mittelschicht auf den Berg. Der 1850 gegründete Riesengebirgsverein tat ein Übriges: Bald stand auf jeder Kuppe eine Baude. Die Allgemeinheit entdeckte das Erhabene der Natur.

Berliner, Schlesier und Sachsen unter den Touristen

Die Liebe des Berliners zum Natürlichen und speziell zum Riesengebirge wuchs mit den Mauerwänden der Großstadt. Die einen gründeten Vegetariervereine, die anderen zogen in die Berge. Zunächst entdeckten sie den Harz, doch das Riesengebirge war mehr – fast alpin und doch überschaubar, zudem mit der runden, unbewaldeten Schneekoppe dem Brocken ganz ähnlich.

Bald konnte es nicht hoch und weit genug gehen: Just als Wilhelm Busch 1882 die Schneekoppe bezwang, versuchte eine Expedition des Berliner Forschungsreisenden Paul Güßfeldt den höchsten Berg der Anden, den 6961 Meter hohen Aconcagua, zu erklimmen. Güßfeldt brach den Versuch bei 6560 Metern ab, dem deutschen Turnverein in Santiago de Chile gelang 1897 die Besteigung. Die deutschen Bergfreunde nahmen die Nachrichten gierig auf und sprachen: Unser Aconcagua ist die Schneekoppe.

Heinrich Pohl, Enkel des Gründers und Baudenwirt in dritter Generation bis 1945, berichtete, aus aller Herren Länder seien die Gäste gekommen; besonders habe man sich über „Wanderer aus dem Westen des Reiches“ gefreut. Erstaunt hätte die Gäste, dass sich oberhalb der Baumgrenze bei 1200 Metern 70 Quadratkilometer Kämme und Abhänge ausbreiteten. Und dann die Täler, Ortschaften – eine unerwartete Großartigkeit: „Selbst die Berliner, denen doch sonst selten etwas imponiert, waren hier oben ganz klein.“ Die meisten Gäste waren Berliner, in einigem Abstand folgten Schlesier und Sachsen.

Direktverbindung von Berlin ins Riesengebirge

Heute erstaunen Tempo und Leichtigkeit der damaligen Reise von Berlin ins Riesengebirge. Der Verkehrswissenschaftler Moritz Filter von der Viadrina in Frankfurt (Oder) hat es recherchiert: Es gab Direktverbindungen im Kurswagen bis Schreiberhau (Szklarska Poreba) und eine Schnellzugverbindung bis Krumm-hübel. Ende der 1920er-Jahre wurden diese Verbindungen ab Görlitz elektrisch betrieben, sodass man in etwa sechs Stunden an den Fuß der Schneekoppe gelangte. In den späten 1930er-Jahren düste der „Fliegende Schlesier“ in zwei Stunden 45 Minuten von Berlin nach Breslau. Das dauert heute doppelt so lange.

Gleichwohl wächst das Interesse, an die Traditionen anzuknüpfen. Anfang Dezember befassten sich Experten aus Polen und Deutschland in einem Symposium an der TU Berlin mit dieser Frage. Die polnische Seite sei sehr interessiert an Direktverbindungen, sagt Moritz Filter, die lokalen Tourismusverbände hätten den starken Wunsch, die Infrastruktur auszubauen – zum Beispiel geht es um die Wiederinbetriebnahme der Bahnstrecke von Hirschberg (Jelena Gora) nach Krummhübel (Karpacz). 

Von deutscher und polnischer Seite soll die Elektrifizierung der Bahnen Beschleunigung bringen. Immerhin fahren jetzt Züge aus Hirschberg direkt zum Bahnhof in Görlitz – etwas mehr Komfort also. Außerdem erlaubt das Euro-Neiße-Ticket die grenzüberschreitende Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel im Dreiländereck Deutschland, Polen, Tschechien für nur 13 Euro.

Tourismus war bei Berlinern beliebt

Von 1880 an weitete sich die Teilhabe am Riesengebirgstourismus auf das wohlhabende Bürgertum aus. In Schreiberhau entstanden zahlreiche Ferienvillen von Berliner Fabrikanten. Viele sind noch erhalten. Den Fabrikanten folgten Künstler wie der Nationalschriftsteller und Literaturnobelpreisträger Gerhart Hauptmann, der in Agnetendorf groß baute. Der Stil vieler Villen und Hotels spiegelte die „Zurück zur Natur“-Romantik und zeigte zugleich die Loslösung von der Region: Statt schlesischer Architektur orientierte man sich an Bayern und der Schweiz – Reiseziele, von denen die Riesengebirgstouristen träumen mochten, die sie sich jedoch nicht leisten konnten.

Die „kleinen Leute“ reisten schon deshalb nicht, weil sie keine Zeit dafür hatten: 1928 standen 66 Prozent aller Arbeiter maximal drei Tage tarifvertraglicher Urlaub zu, 32 Prozent drei bis sechs Tage. 82 Prozent der Angestellten konnten drei bis sechs Tage frei machen.

Die Nazis verlängerten den Urlaub der Deutschen auf zwei bis drei Wochen pro Jahr; die Wochenend-skifahrten des NS-Ferienbetriebs Kraft durch Freude waren bei den Berlinern hochbeliebt. Eine Tour nach Agnetendorf (Anreise, Vollverpflegung, Skikurs) kostete 14 Reichsmark. Die 1940 mit Riesenherberge für Hunderte Urlauber wiederaufgebaute Wiesenbaude bot ungekannte Annehmlichkeiten: moderne Heizung, Lesesaal, Spielzimmer, Ski-Service, Wäsche- und Trockenraum.

Zeit für neuen Schwung auf der Schneekoppe

Nach 1945 wurden die Beziehungen gekappt – infrastrukturell wie persönlich. Für DDR-Bürger war es aufgrund von Abkommen mit der Tschechoslowakei leichter, nach Spindlermühle oder Harrachov zu reisen. Die polnische Seite blieb weitgehend verschlossen, vor allem, nachdem die Solidarnosc dort aktiv wurde. Die einst praktisch inexistente Grenze entlang des Riesengebirgskamms war ernst zu nehmen.

Nach der Wende kamen während einiger Jahre die nach 1945 vertriebenen, einstigen deutschen Bewohner zu Besuch – der Nostalgie- und Heimwehtourismus ist aber längst wieder abgeflaut. Jetzt ist es Zeit für neuen Schwung auf neuer Grundlage. Die alten Schönheiten sind ja immer noch da, sommers wie winters. Und die Schneekoppe ist inzwischen höher geworden: 2014 ergaben neue Messungen: 1603,2 Meter!