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BerlinWie Rufmord funktioniert, war von einer Freundin und Kollegin zu erfahren. Sie fand die Berichte über die Staatliche Ballettschule überdimensioniert. Die Vorwürfe würden doch nun von Experten untersucht. Und wenn sich so viele Schüler beklagten, dann müsse ja wohl was dran sein. Wer sonst als der Schulleiter trage die Verantwortung?

Zum Rufmord gehört, eine falsche Behauptung so oft zu wiederholen, bis sie übergeht in einen scheinbar neuen Aggregatzustand, in Wahrheit. Seit sechs Monaten tun die Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) und die zuständige Staatssekretärin Beate Stoffers, als würden sie Missstände in der Ballettschule aufklären, um Kinder zu schützen. In der Praxis passiert das Gegenteil, sie setzen Ballettschüler weiter zwei mitunter rabiaten Lehrern aus. Eltern beschwerten sich wiederholt vergeblich. Jetzt stellte der Vater einer Schülerin deswegen Strafanzeige gegen die Senatorin. In einem zugehörigen offenen Brief erklärt rund ein Dutzend Eltern, dass sie ihre Kinder unter solchen Umständen nicht mehr in die Ballettschule schicken. Die Senatorin ließ bis heute keine Vorwürfe aufklären. Aber sie sorgt für vernichtende Schlagzeilen über die Schule.

Das Dossier

Der Skandal begann Anfang Januar. Ein anonymes Dossier mit schweren Vorwürfen gegen die Ballettschule ging an die Bildungsverwaltung, an Medien und Fachpolitiker. Entscheidende Passagen darin sind nachweislich Verleumdungen. Die Bildungsverwaltung unternahm sechs Wochen lang – nichts. Mitte Februar suspendierte sie medienwirksam den Schulleiter Ralf Stabel und den künstlerischen Leiter Gregor Seyffert nach 17 Jahren Arbeit. Sie seien Fällen von Mobbing, Bodyshaming und Essstörungen nicht ausreichend nachgegangen. Die Öffentlichkeit musste den Eindruck gewinnen, die Leiter hätten wüste Machenschaften geduldet, wenn derart scharf gegen sie vorgegangen wird.

Experten als Brandverstärker

Danach präsentierte die Senatorin Gremien, die die Vorgänge angeblich aufklären sollen: eine Expertenkommission, eine Clearingstelle, Wirtschaftsprüfer. Ohne ein Ergebnis abzuwarten, schrieb sie die Stelle des Schulleiters aus. Die Gremien berichteten der Presse von physischen Misshandlungen, fiebernden und verletzten Kinder, die zu Auftritten gezwungen worden seien. Ungezügelt zeichnete die Clearingstelle ein Bild wie aus einer Strafanstalt mit sexuellen Übergriffen jeder Art: „Alles, außer Vergewaltigung“. Kein Kind, kein Lehrer wage, sich zu beschweren. Warum aber sollten sich Kinder und Lehrer so einer Schule freiwillig aussetzen? Nun, die „Aufklärer“ räumten ein, dass kein Vorwurf geprüft sei, dass Aufklärung nicht ihr Auftrag war, dass es vor allem um zwei Problemlehrer gehe. Man fragt sich, ob Klaus Brunswicker, Chef einer Expertenkommission ohne Tanz-Experten, als ehemaliger Schulleiter auch ungeprüfte Anschuldigungen öffentlich ausgebreitet hätte. Er stellt gleich noch die Ausrichtung der Schule auf Spitzenleistungen in Frage, die sich vielleicht „nur aus den Interessen der Leitung“ erkläre. Er hätte dazu den Auftrag der Schule lesen können, zieht aber öffentlichen Zweifel vor. Brunswicker fragt ernsthaft, warum die Schule überhaupt Ausländer ausbildet. Hätte er lieber eine Schule nur für Deutsche? Warum nicht auch ein Staatsballett ohne Ausländer?

Die übergriffigen Lehrer

Die Frage ist, was an dieser Schule tatsächlich los ist? Der Berliner Zeitung liegen über 120 Seiten Wortmeldungen von fast nur begeisterten Schülern vor, aber auch Protokolle und Briefe, in der sich Schüler wie Eltern über erschreckend demütigende, rohe Tanzlehrer beschweren. Zwei Namen stehen im Focus, ermittelt nicht erst von Clearingstelle oder Kommission, sondern lange vorher bekannt: Tanzlehrer X und Tanzlehrerin Y. Er hat laut Protokoll zuletzt herumgebrüllt, seine Schüler „Arschlöcher“ genannt, sie verängstigt, beleidigt, rausgeschmissen.

Warum wurde das nicht geahndet? Immerhin beschwerten sich Schüler über den pöbelnden Lehrer. Schulleiter Ralf Stabel ließ den Fall prüfen, Zeugen hören. Der Lehrer verweigerte laut Protokoll eine Stellungnahme, so machte Stabel Anfang Februar Meldung an Schulaufsicht und Bildungsverwaltung. Denn nur die Behörde kann handeln, der Schulleiter darf nicht mal Abmahnungen aussprechen. Aber die Verwaltung reagierte offenbar bis heute nicht, antwortet auch nicht auf entsprechende Fragen der Berliner Zeitung. Festgehalten ist, worin die Angst der Schüler besteht: Dass nichts passiert, wenn sie sich beschweren. Dass der Lehrer noch mehr ausrasten könnte.

Die Tanzlehrerin Y hat laut Protokoll ihre Schüler bei einer Probe in der Deutschen Oper einmal stehen lassen und ist einfach gegangen. Der Schulleiter meldete der Verwaltung diese grobe Verletzung der Aufsichtspflicht, das war 2018. Die Lehrerin unterrichtet weiter. Mitte 2019 verlangten Eltern eine Aussprache mit Lehrerin Y, sie wird als scharf, verletzend, gemein und herabwürdigend gegenüber Schülern zitiert. Zugegen war die höchste Vertraute der Schüler, die Beratungslehrerin. Offenkundig ließ sie das Protokoll nicht der Schulleitung zukommen, trotz der schweren Vorwürfe. Auch einen Beschwerdebrief von Schülern wollte diese Lehrerin nicht dem Schulleiter weiterleiten, wie der verlangte. Der Streit ging an die Senatsverwaltung. Die ließ sich sieben Monate Zeit, gab dann dem Schulleiter recht. Heute lässt sie zu, dass die frühere Beratungslehrerin als Opfer präsentiert wird, von der Leitung „demontiert“, wie die Kommission behauptet.

Eine andere Tanzlehrerin musste immer wieder alkoholisiert nach Hause geschickt werden. Auch das scheint für die Verwaltung kein Grund zu handeln. Die Lehrerin verließ die Schule von sich aus. Danach gehörte sie wie die Beratungslehrerin zu den vier Autorinnen des Skandal-Dossiers. Ausgerechnet sie zitiert der RBB als Zeugin für die Sorge um das Kindeswohl. Sie soll zu den besonders ungnädigen Lehrerinnen gezählt haben.

Das gespaltene Kollegium

Halten wir fest: Von 120 Mitarbeitern der Ballettschule stehen zwei in der Kritik, durch Druck und grobe verbale Übergriffe Schülern das Leben an der Schule unerträglich zu machen. Einige sollen wegen dieser Kräfte aufgegeben haben. Die Sammlungen der Clearingstelle über Misshandlung, Missbrauch, sexuelle Übergriffe dagegen sind offenkundig durch keinen Fall belegt. Insgesamt haben sich dort 20 von aktuell 300 Schülerinnen und Schülern überhaupt geäußert. Warum steht in so einer Situation nicht das gesamte attackierte Kollegium auf und verwahrt sich gegen die allgemeine Verunglimpfung?

Weil die Kollegen zerstritten sind. Weil hier Eliteausbildung, Schule und Internatsleben aufeinanderprallen. Weil die Gruppen unterschiedliche Interessen haben. Allen werden vergleichsweise klasse Bedingungen geboten an einer hochmodernen Schule mit kleinen Klassen, motivierten, disziplinierten Schülern, aber das scheint nicht allen zu reichen. Lehrern missfällt, dass die Kunst hier Vorrang hat vor der Allgemeinbildung. Tanz-Ausbilder ärgert, dass sie weniger verdienen als die Pädagogen, aber sie sind selten bereit zu einer Zusatz-Ausbildung. Sechs-Tage-Woche und Schüler-Begleitung zu Auftritten scheint vielen lästig. Manche Erzieher würden in den Ferien am liebsten das Internat schließen. Etliche Unzufriedene bildeten eine Betriebsgruppe und schrieben im November 2019 an die Senatorin, die Kinder seien überlastet, die Allgemeinbildung leide durch zu viele Auftritte.

Nun liegt die Schule mit ihren hervorragenden Abschlüssen der 10. Klasse und des Abiturs immer auf den vordersten Plätzen Berlins. Offenbar fühlten sich vor allem Kollegen überlastet. Darauf verweisen die externen Berater, von Schulleitung und Verwaltung im Januar zur Untersuchung der Vorwürfe eingesetzt. Sie befragten das gesamte Kollegium systematisch und konstruktiv, konstatierten Kommunikationsprobleme, zu wenig Personal, nicht ausreichend qualifiziert. Die Profis wollten danach die Schüler systematisch befragen, aber die Verwaltung ließ die Untersuchung abbrechen. Sie setzte auf die Clearingstelle, die lieferte Zufallssammlungen.

Die Versager

Tatsächlich gibt es an dieser Schule ein massives Problem: Die Schulstruktur kollidiert mit ihrem Auftrag, hochprofessionelle Tänzer auszubilden, weil der Chef nicht Herr im Haus ist. Er hat keine Macht. Sonst könnte er widerstreitende Interessen koordinieren, auffällige Tanzlehrer in die Schranken weisen und abmahnen. Er aber muss die Vorfälle einem schwerfälligen Apparat melden, der offensichtlich untätig bleibt. Solange Lehrer ungestraft „Arschloch!“ brüllen und sogar Gespräche dazu verweigern dürfen, solange ist das eigentliche Wunder, dass aus der Schule überhaupt Tänzerinnen und Akrobaten für die Weltspitze hervorgingen.

Die Versager sitzen in der Behörde. Sie versäumten es wiederholt, gegen die zwei Problem-Lehrer vorzugehen. Sie enthauptete die Schulleitung, offensichtlich auch, um Fehlverhalten der Behörde zu vertuschen. Aber den Eltern, die ihre Kinder nicht länger zwei ungeeigneten Lehrern überlassen wollen, schleudert sie entgegen: Die Ahndung von Verstößen erfordere Beweise!

Genau – eine bewährte demokratische Regel. Warum kam sie nicht bei den Leitern der Schule zum Einsatz? Warum sollen sie ohne Beweise gefeuert werden? Banale Anschuldigungen, der Schulleiter etwa habe zu wenige Stunden unterrichtet, konnte der Anwalt leicht widerlegen. Selbst wenn – welcher Richter erkennt darin nach Jahren der Praxis unter Aufsicht den Grund für eine fristlose Kündigung? Die Kündigungsvorwürfe gegen Seyffert sind nicht nur von 2012, sondern auch infam. Sie bekommen ein Kapitel, wenn sie vor Gericht gehen.

Der Widerstand

Indessen formieren sich große Proteste gegen die Zerstörung der Schule, gebündelt auf der Internetseite „Save the dance“. Auch, weil zwei erfolgreiche Leiter der Schule mittels absurder Kündigungen um ihr Lebenswerk gebracht werden sollen. Gregor Seyffert, 53, Meistertänzer und Choreograf, hatte die Ballettschule seit 2003 zusammen mit dem promovierten Tanz- und Theaterwissenschaftler Ralf Stabel, 55, umfassend modernisiert, beide verschafften ihr internationales Ansehen. Stabel vernetzte das Haus, führte den Bachelor-Abschluss ein, plante den auch für Artisten. Mit dem Landesjugendballett wurden Auftrittsmöglichkeiten geschaffen, es hatte weltweit Vorstellungen. Alles vorbei. Ohne Seyffert gibt es nicht mal mehr ein Repertoire.

Keine Politikerin, die eine angesehene Schule zu schätzen weiß, würde so mit deren Leitern und Schülern umspringen. Längst fordert nicht nur die Kommission, dass Schluss sein müsse mit der harten Ausbildung, den extremen Anstrengungen, die Schüler unter Druck setzen können. Es liegt in der Natur dieses Traumberufs, dass es nur die wenigsten bis ans Ziel schaffen, hier sind es etwa ein Drittel der Schülerinnen. Das kann man alles hinterfragen wie den gesamten Hochleistungssport – eine gewaltige gesellschaftliche Debatte. Aber die beginnt man nicht mit dem Hausverbot für zwei Leiter einer Ballettschule.

Jetzt steht ihre Existenz als Eliteschule infrage. Und noch ist nicht ausgemacht, ob der Regierende Bürgermeister die Senatorin zu stoppen gedenkt, um den Rufmord an dieser Schule zu beenden. Oder ob er alles den Gerichten überlassen will.