Geschichte in Berlin: So funktionierte die Obdachlosenunterkunft Fröbelstraße im Prenzlauer Berg

Obdachlose müssen sich kümmern. Im Vorteil ist, wer weiß, wo was zu haben wäre. Sonst geht es schnell zu Ende. Vor 100 Jahren empfahlen sich folgende Plätze: tagsüber die Zentralmarkthallen nahe am Alexanderplatz. Hier ließ sich Heruntergefallenes einsammeln.

Auf der anderen Seite des Alexanderplatzes lag „Die Kruke“, eine Kaschemme in den S-Bahnbögen am Polizeipräsidium (heute Alexa). Die war nicht nur als Wärmehalle und Tauschzentrale für Informationen, Sammel- und Diebesgut gesucht. Im Winter gingen Mäntel besonders gut. Machte die „Kruke“ dicht, zogen viele der abgerissenen Gestalten Richtung Prenzlauer Berg, in die Fröbelstraße, zum Städtischen Obdachlosenasyl.

Das mächtige Hauptgebäude existiert noch, Teile des Vivantes-Klinikum Prenzlauer Berg arbeiten dort. Als Obdachlosenasyl sprengte es heutige Vorstellungen: 5000 Menschen kamen dort Nacht für Nacht unter, hauptsächlich in 40 Schlafsälen mit jeweils 85 metallenen Bettgestellen. Trotzdem reichten die Plätze oftmals nicht. Ab 14 Uhr standen die ersten Leute in langen Schlangen bis zur der damaligen Gasanstalt Winsstraße an, um bei Asylöffnung um 16 Uhr sicher zu den Eingelassenen zu gehören. War das Haus voll, ging das Tor zu.

Die Anlage entsprang dem Wohlfahrtsgedanken der Kaiserzeit – man begegnete dem Elend, das so schnell wuchs wie die Hauptstadt seit der Reichsgründung, mit Effizienz und Strenge. Der Magistrat beschaffte das billige Grundstück. Bei Baubeginn noch an der Peripherie gelegen, war es bald von Mietskasernen-Quartieren umgeben. In dem Komplex befanden sich Hospital, Siechenhaus und – organisatorisch getrennt – das Obdach. alles sparsam in einem Stil zwischen Kasernen- und Fabrikanlage gebaut.

Bei der Eröffnung am 24. Oktober 1887 war es bereits das größte Obdachlosenasyl der Stadt, doch umgehend begann die Erweiterung: Notbaracken auf dem Fröbelplatz, mehr Schlafsäle, Waschküche, Leichenkammer, Küche. Immer mehr Opfer der Gründerjahre und -kräche waren aufzufangen.

Ein Koch als Augenzeuge

Die meisten Menschen suchten nächtliches Obdach, aber auch Familien, die man, zum Beispiel wegen Mietschulden, aus ihren Wohnungen geworfen hatte, konnten für eine Übergangszeit, in der Regel nicht mehr als acht Tage, samt ihrer Habe wie Bettzeug und Bettgestell, Zuflucht finden, bis sie neues Quartier hatten. Schuppen auf dem Gelände dienten als Depots. Die Anstaltsküche lieferte während des Aufenthalts volle Verpflegung, die Krankenbehandlung erfolgte kostenlos. Das Amt übernahm normalerweise die erste Mietrate, wenn neue Unterkunft gefunden war.

Kinder, Frauen, Familien und Kranke fanden in einem gesonderten Backsteingebäude Unterkunft. Für den 25. November 1925 sind genaue Zahlen dokumentiert: 3452 alleinstehende Männer, 346 alleinstehende Frauen, 341 Familien, 41 Schulkinder, 44 Kleinkinder, 43 Säuglinge, 225 Kranke.

Ein von dem Koch Friedrich E. überlieferter, im Archiv des Museums Pankow verwahrter Bericht gibt Einblicke in den Alltagsbetrieb. 1922 hatte Friedrich E. als Küchenjunge angefangen, und zwar gerne: „Da hatte man wenigstens zu essen, und das umsonst“, erinnerte er sich. Es war die Zeit der Hyperinflation, später brach die Weltwirtschaftskrise aus. Arbeitslose seien gekommen, Leute ohne Geld, viele polnische Landarbeiter, Bettler, Krüppel, Alkoholiker, Kriminelle, auch Menschen, die nur augenblicklich in Not waren, manche aus sogenannten guten Familien, erinnert sich der Mann: „Hab immerzu Suppe gekocht, jahrelang Suppe. Um sieben Uhr abends bekam jeder einen Teller voll und eine Kuhle Brot.

Auch wenn sie manchmal gemault haben und einen Braten verlangten, übrig blieb nichts.“ „Im Haus habe peinliche Sauberkeit und Strenge geherrscht. „Um zehn Uhr wurde das Licht ausgemacht. Viele mussten auf der bloßen Erde schlafen, die Pritschen reichten oft nicht. Was man nicht sicherte wurde gestohlen.“ Morgens halb sechs gab es wieder Suppe mit Gries oder Mehl, Brot.

Wir erfahren: „Wer 14 Tage hintereinander da war, wurde verwarnt und gedrängt, sich eine andere Bleibe zu suchen.“ Strenge Kontrollen habe es gegeben, um „Missbrauch durch Arbeitsscheue“ zu verhindern. Wer öfter als fünfmal (für mehrere Tage) auftauchte, den nahm sich die Polizei vor: „Wer sich nicht ausweisen konnte, kam ins Arbeitshaus, Verbrecher kamen vor den Richter.“ Etwa 200 Straßenmädels wurden nach seiner Erinnerung regelmäßig in die Anstalt gesteckt: „Die wurden mit der Grünen Minna geholt und kamen auf die geschlossene Station. Die wollten raus, haben lauter Skandale gemacht, mit bloßer Brust zum Fenster rausgehangen und zotige Sachen gerufen. Nutten waren die einzigen Spaßvögel im Haus.“

Die Anwohner und das „Gesindel“

Bei der Aufnahme erhielten die Obdachlosen ein Brausebad, Entlausung war Pflicht. Auch die Kleider wanderten direkt in die Desinfektionsanstalt. Die Entlausungsstation funktionierte auch für den öffentlichen Massenbetrieb. 1926 kamen 116.834 Berliner in die Fröbelstraße, um sich von den Blutsaugern befreien zu lassen. Noch in der DDR-Zeit nutzten Schulen und Kindergärten die Einrichtung.

Auch der Körperdesinfektionssaal blieb als Teil des Krankenhauses Prenzlauer Berg im Dienst. Bis in die 1960er-Jahre wurden die „flotten Mädchen“, wie Koch Friedrich E. sie nannte, in die Räume gesperrt, bis deren Geschlechtskrankheiten ausgeheilt waren. Eine Krankenschwester berichtete, dass nach der Leipziger Messe oder Kongressen Hochbetrieb herrschte.(Die Abteilung wurde 1963 nach Buch verlegt.)

Viele Anwohner fürchteten sich vor den Elenden, die in so großer Zahl durch ihre Straßen zogen. Sie schrieben Petitionen an den Magistrat – Hass auf das Obdach spricht daraus. Für die Nationalsozialisten gab es keine Obdachlosen mehr, nur noch „Gesindel“, das – unter dem Beifall der Mehrzahl der Bürger – ins Konzentrationslager, zu Zwangsarbeit kam, zumindest stetig verfolgt wurde. 1940 wurde das Gebäude zum Krankenhaus umfunktioniert. Die Schlafsäle riss man in den 1950er-Jahren ab.

Heute bedauern Lokalpolitiker den Mangel an Gebäuden in kommunalem Eigentum, um schnell und preiswert Notunterkünfte schaffen zu können. In diesem Winter stehen in Berlin 1100 Plätze für die Kältehilfe zur Verfügung. Wie viele Menschen auf der Straße leben, weiß man nicht genau – etwa 10.000, so wird vermutet.