Ein Ober mit Gesichtsmaske bedient Gäste in einem gut besuchten Cafe an der Spree.
Foto: Imago Images/Jochen Eckel

BerlinDie deutsche Hauptstadt  ist für Corona nicht gemacht. Es liest sich ja ganz gut. Restaurants dürfen wieder öffnen. Aber offiziell nur bis 22 Uhr und zwischen den Tischen muss auf dem Papier mindestens 1,5 Meter Abstand herrschen. Außerdem sollen die Gäste Namen und Adresse hinterlassen, damit im Fall der Fälle Infektionsketten zurückverfolgt werden können.

Doch die Realität macht es wie so oft: Sie sieht anders aus. Am Vorabend des Herrentages sitzen an einer großen Straßenkreuzung im Prenzlauer Berg die Gäste vor dem Hähnchenimbiss eng nebeneinander an den langen Tischen.

In der Warteschlange vor dem Eingang werden die Abstandsregeln hingegen berücksichtigt. Was zur Folge hat, dass sich die Passanten, die über die Kreuzung wollen, beispielsweise ich, zwischen den Wartenden hindurchdrängen müssen. Abstand wahren ist kaum möglich. Auch vor den Pizzerien, Spätis und anderen gastronomischen Einrichtungen das gleiche Bild. Man sitzt dicht an dicht an dicht. Schwer auch zu glauben, dass alle nach Namen und Adresse gefragt wurden.

An diesem lauen Frühlingsabend wollen die Menschen die langvermisste Geselligkeit genießen. Das ist natürlich höchst erfreulich für die Gastronomen. Sie können jetzt viel Umsatz machen und den werden sie brauchen, denn mir scheint, wenn das so weitergeht, kann es wohl nicht mehr lange so weitergehen.

Oder ist das Virus mittlerweile besiegt? Hab ich was verpasst?

Ich erfahre auch, dass der Berliner Senat gerade beschlossen hat, die Straßensondernutzungsgebühr für das Aufstellen von Restauranttischen abzuschaffen. Niemand will, dass Gastronomen wegen Corona pleitegehen, aber ist das wirklich eine gute Idee? Mancherorts war ja auch schon vorher kein Durchkommen wegen der vielen Tische, und jetzt wird es vermutlich noch enger auf den Bürgersteigen.

Ich stehe den Demonstranten auf den sogenannten “Hygiene- Demos” gegen die Corona- Maßnahmen sehr misstrauisch gegenüber, dagegen frage ich mich, was es für ein Bild von unserer Demokratie vermittelt, wenn die Polizei diese Demos wegen Nichtbeachtung der Abstandsregeln auflöst, jedoch ein paar Straßen weiter Menschengruppen vor Restaurants, die mindestens genauso eng zusammenstehen, in Ruhe gelassen werden. Bedeutet das, wer bezahlt, darf so tun, als gäbe es die Ansteckungsgefahr nicht mehr?

Ich finde die Großzügigkeit des Senats den Gastronomen gegenüber sympathisch, aber so wie ich es bisher erlebt habe, funktioniert in Berlin, außer der Parkraumbewirtschaftung im Prenzlauer Berg, die Überwachung der Gesetze nicht besonders gut. Es ist im gleichen Zusammenhang auch nicht zu verstehen, warum Kitakinder wegen Corona aktuell nur drei Tage die Woche die Einrichtungen besuchen dürfen, während die Erwachsenen dicht an dicht Latte Macchiato im Sonnenschein trinken.

Ich sehe nicht durch, wenn nicht sogar schwarz: Berlin ist für Corona einfach nicht gemacht.