Berlin - Mehr als ein Jahrhundert prägten sie das Bild des Köpenicker Ortsteils Grünau: die Ausflugslokale Gesellschaftshaus und Riviera an der Regattastraße. 1890 beziehungsweise 1897 erbaut, feierten ganze Generationen in den Häusern – im eleganten Ballsaal des Gesellschaftshauses oder im palmengesäumten Biergarten der benachbarten Riviera. Legendär waren nicht nur die festlichen Bälle, sondern auch die Stimmung beim Blick in den Sonnenuntergang überm Fluss.

Doch seit mehr als 20 Jahren herrscht am Dahmeufer eine ganz andere Untergangsstimmung: Beide Lokale, die denkmalgeschützt sind, verfallen. Im Jahr 1991 wurden beide Häuser geschlossen, die Immobilien gingen an die Treuhand. Doch die kümmerte sich nicht um den Schutz der Denkmäler. Ebenso wie ein halbes Dutzend Investoren, die kamen und wieder gingen. Auch die aktuelle Eigentümerin, eine Unternehmerin aus dem türkischen Ankara, die die Immobilien im Jahr 2006 kaufte, lässt alles weiter vergammeln.

Jetzt greift der Bezirk Treptow-Köpenick ein – Gesellschaftshaus und Riviera sollen vor weiteren Wetterschäden gesichert werden. „Wir werden die Löcher im Dach zumachen, die Dachrinne reparieren und kaputte Fenster und Türen zunageln und sie so vor Nässe und Frost sichern, damit nicht noch mehr Substanz verloren geht“, sagt Baustadtrat Rainer Hölmer (SPD). Derzeit läuft die Ausschreibung für die Arbeiten, die frühestens im März beginnen könnten.

Die Rechnung für die Schutzmaßnahmen, deren Kosten von Denkmalexperten auf mindestens 40.000 Euro geschätzt werden, wird der Eigentümerin geschickt. „Wir wollen damit ein Signal an Investoren aussenden, dass wir als Bezirk uns nicht alles gefallen lassen“, sagt der Stadtrat.

Gericht gibt Bezirk recht

Tatsächlich hat der Bezirk keine anderen Möglichkeiten als Aufforderungen an Eigentümer zu verschicken, ihrer Pflicht zum Schutz der Gebäude nachzukommen. Gegen das entsprechende Schreiben aus dem Köpenicker Rathaus hatte die Eigentümerin Widerspruch eingelegt. Doch das Verwaltungsgericht gab dem Bezirk recht.

Was Selahattin Erdem, Unternehmer in Potsdam und Bruder der Besitzerin, überhaupt nicht versteht: „Seit 1991 ist dort alles dicht, seitdem hat dort niemand etwas getan. Wieso wird jetzt plötzlich Druck auf uns ausgeübt?“, fragt er. Erdem spricht gar von „Türkenfeindlichkeit“ in Köpenick und davon, dass es wohl andere Interessenten für die Immobilie gebe. „Allein die Sanierung der Säle würde 15 Millionen Euro kosten, das ist nicht zumutbar für uns“, sagt Erdem, der in Potsdam ein Unternehmen leitet, das Antennen, Radaranlagen und Funksysteme unter anderem für die Nato produziert.

Im Köpenicker Rathaus weist man die fremdenfeindlichen Vorwürfe vehement zurück: Der Bezirk wolle nur durchsetzen, dass die Eigentümerin ihren Besitz ordnungsgemäß vor Gefährdungen schützt, sagt Rainer Hölmer. Immerhin habe sie ihre Verpflichtungen über Jahre vernachlässigt und könne sich jetzt nicht darauf berufen, dass die Arbeiten nicht zumutbar wären. Was auf dem Grundstück einmal passieren soll, bleibt indes im Dunkeln. Ein Kongress-Hotel war dort mal geplant, dann wurde extensiver Wohnungsbau ins Gespräch gebracht. Der Stadtrat: „Ich kenne leider nur Skizzen und Überlegungen, mit denen wir nichts anfangen können.“ Belastbare Pläne, wofür auch immer, gebe es nicht.

Weitere Lokale verfallen

Nur eines steht fest: Die Säle und das Dahmeufer sollen öffentlich zugänglich bleiben. Im Bürgerverein Grünau hegt man einen Verdacht: Möglicherweise, sagt Bernd Hamm von der Arbeitsgruppe Ortsgestaltung, soll ja irgendwann mal alles zusammenfallen. „Dann muss sich niemand mehr um Denkmalschutz Gedanken machen.“

Gesellschaftshaus und Riviera sind nur zwei von vielen ehemaligen Ausflugszielen im Südosten, die verrotten. Auch das Eierhäuschen am Rande des Spreeparks im Plänterwald ist nur noch eine Ruine. Der Müggelturm wartet seit Jahren auf einen Neuanfang, und die Lokale Marienlust und Teufelssee in den Müggelbergen und den kleinen Waldkater in Grünau gibt es überhaupt nicht mehr.