Wir sollen mehr miteinander reden, heißt es gerade, und insbesondere jenen zuhören, die anders denken als man selbst. Weil die eigene Erfahrung zeigt, dass fremde Andersdenkende häufig gar nicht an einem offenen Dialog interessiert sind, war es interessant, was ein entfernter Bekannter vor ein paar Tagen zu erzählen hatte. Auf die Frage, wie es ihm ging, antwortete er: „Fantastisch!“ Was, fantastisch?

Na ja, sagte er, er sei halt sehr happy, dass endlich seine Quarantäne vorbei sei und er die Corona-Infektion problemlos überstanden habe. Da drängte sich die Nachfrage auf: „Geimpft oder ungeimpft?“ Er sei ungeimpft, sagte er ungeniert, schickte aber sogleich hinterher, er wolle sich nicht streiten. Umso besser, denn missionieren wollte ich nicht, dafür aber gerne mal im persönlichen Gespräch hören, was einen Menschen von der Impfung abhält.

Er sei viel gereist, sagte er, auch in Länder, für die er sich mit allen möglichen Sachen habe impfen lassen müssen. Er sei also kein Impfgegner, er traue nur den mRNA-Stoffen nicht. Okay, die Einschätzung muss man nicht teilen, aber individuelle Vorbehalte lassen sich akzeptieren, solange keine kruden Ideen dahinterstecken. Er sei ja auch froh, dass seine Mutter geimpft sei, sagte der Bekannte, was irgendwie unschlüssig schien, denn: Wenn ich einer Sache misstraue, will ich doch eigentlich nicht, dass meine Angehörigen damit in Berührung kommen, oder?

Wer über die Impfung seiner Mutter froh ist, stellt wenigstens die Existenz des Virus nicht infrage. „Nein, überhaupt nicht“, bestätigte er, allerdings zweifele er an dessen Gefährlichkeit. Er rechnete vor, dass während der Pandemie in Deutschland in knapp zwei Jahren rund 100.000 Menschen mit oder an Corona gestorben seien, um sogleich mit Zahlen angeblich normaler Grippewellen zu hantieren, in denen die Sterberate kaum niedriger gewesen sei.

Auf die Entgegnung, dass die Grippewelle vor vier Jahren mit rund 25.000 Toten in Deutschland die höchste seit Jahrzehnten war, reagierte er überraschend aufgeschlossen: „Aha, na gut, ich lasse mich gerne eines besseren belehren.“ Klang gut, nur: Seine Zahlen muss er irgendwoher haben – genau wie den Leichtsinn, sie ungeprüft zu verbreiten. Aber gut, dass wir mal darüber geredet haben.