Mit 86 Jahren geht Walther Tröger noch immer täglich ins Büro. Das ist ein bescheidener Raum, den ihm ein großer Versicherer in einem gewerblich geprägten Gebiet im Frankfurter Westen, in Bockenheim, zur Verfügung stellt. Er ist ja seit Jahrzehnten in Frankfurt zu Hause. Überall im Zimmer gibt es Papierstapel. Er will wohl auf dem Laufenden bleiben und wirkt so, als gelänge ihm das auch. Zwischendurch steht der freundliche alte Mann auch schon mal einer Studentin für eine Stunde telefonisch mit Antworten für eine Magisterarbeit zur Verfügung. Als Sportfunktionär war er an allen deutschen Versuchen, die Olympischen Spiele ins Land zu holen, in den vergangenen Dekaden beteiligt. Im Interview schätzt er die Chancen von Berlin und Hamburg ein und äußert sich kritisch über das Prozedere.

Herr Tröger, Berlin oder Hamburg: Haben Sie da eine Präferenz, und dürften Sie die in Ihrer Position überhaupt äußern?

Ich dürfte sie äußern, ich habe ja kein Stimmrecht. Aber ich habe im Augenblick keine Präferenz. Ich kenne beide Städte gut. Schauen Sie, eine Bewerbung um Olympische Spiele hat zwei Aspekte. Der erste und wichtigste: Wie steht das Land dazu? Wie wird die Bewerbung also vorbereitet, wie wird sie verkauft, wie werden Fehler vermieden, wie wir sie zweimal schon gemacht haben bei Bewerbungen um Sommerspiele, die schiefgegangen sind? Und dann kommt der zweite Aspekt danach: Wie setzen wir das so um, dass wir Chancen haben zu gewinnen?

Sie haben die gescheiterten Bewerbungen Berlin 2000 und Leipzig 2012 erwähnt. Welche Fehler wurden damals gemacht?

Also bei Berlin 2000 wurde nichts gravierend falsch gemacht. Die Bewerbungschance kam für die Stadt einfach ein bisschen zu spät. Berlin hätte zwei, drei Jahre vorher eine starke Position gehabt …

… mit dem Bonus der geeinten Stadt nach dem Fall der Mauer.

Mit der Wiedervereinigung, ja. Als die Bewerbung dann vorgetragen werden konnte, war Berlin schon eine Stadt wie jede andere. Im internationalen Bereich wurden dann andere Prioritäten gesetzt. Dass Berlin damals eine vorzügliche Bewerbung abgegeben hatte, ist allseits anerkannt worden. Noch heute sagen IOC-Kollegen mir, dass die Präsentation Berlins die beste war, die sie je gesehen haben. Und zu Leipzig: Die Stadt hätte eine bessere Chance verdient gehabt, zumindest den Cut zu schaffen. Da sind wir aufs Kreuz gelegt worden. Das werfe ich meinen IOC-Kollegen heute noch vor. Nehmen Sie die Sache mit den vorgeblich fehlenden Hotelbetten, die immer wieder aufs Tapet kam. Das war lächerlich. Hotels kann man in sieben Jahren bauen.

Der Unterton war ja immer: Was will diese vergleichsweise kleine Stadt in Sachsen in einer Bewerbungsrunde mit den Weltmetropolen London und Paris ausrichten? Haben Sie sich nach dem Scheitern der Bewerbung nicht auch in diese Richtung geäußert?

Nein, nie! Ich wusste allerdings, dass wir wahrscheinlich keine Chance haben würden. Ich habe die Leipziger Bewerbung für kompetent und schlüssig gehalten. Aber da kamen dann ja Querelen hinzu, etwa die Frage, wo die Segelwettbewerbe ausgetragen werden sollen. Damals ging es ja auch noch sehr um Ost oder West. Richtig ist: Ich war mir ziemlich sicher, dass wir am Ende keine Chance hatten.

Nimmt man mal die beiden Münchner Bewerbungen um die Winterspiele noch hinzu: Was kann der organisierte deutsche Sport aus seinem regelmäßigen Scheitern in jüngerer Vergangenheit lernen? Und was hat er tatsächlich daraus gelernt?

Nun, für den Fall München gilt: Er hätte schon beim ersten Mal etwas lernen müssen fürs zweite Mal. Es kann doch nicht angehen, dass die Mehrheit einer Minderheit der Stimmberechtigten die eigentliche Mehrheit, von der ich sicher bin, dass es sie gab, überstimmt. Hier sind, und das habe ich meinen Kollegen auch gesagt, gravierende Fehler gemacht worden. Man hat zugelassen, dass ein Mann mit einem Wort, nämlich „Knebelverträge“, über die Dörfer zieht und die Leute auf seine Seite, die Anti-Seite, zieht. Und niemand ist dagegen aufgetreten und hat erklärt, dass es gar keine Knebelverträge gibt. Niemand hat mit Nachdruck auf die Positiva hingewiesen.

Sie haben doch kein Problem damit, dass es auch Olympiagegner gibt?

Nein, überhaupt nicht.

Trotzdem sagen Sie, es werde bei Olympiabewerbungen hierzulande von kleinen Gruppen Stimmung gemacht, wodurch eine große Zahl von Menschen so beeinflusst wird, dass sie ihre Meinung ändert?

Natürlich, weil die große Menge nicht informiert, vielleicht auch nicht interessiert ist. Das haben wir doch in der Politik mit Pegida und anderen genauso. Da muss man eben dagegen arbeiten. Und wir, der Sport, können das eigentlich besser als die Politik. Weil wir in unseren Reihen, wenn die Entscheidung mal getroffen ist, keine Opposition haben.

Lassen Sie uns über ein paar der gängigen Vorbehalte gegen die Spiele reden. Sie können gern versuchen, die als Mythen zu entlarven. Zum Beispiel ist immer vom berühmten „blank sheet“ die Rede. Also davon, dass die Bewerberstädte dem IOC quasi einen Blankoscheck ausstellen, dort zu tun und zu lassen, was ihm beliebt. Dem steht ja nun die Agenda 2020 des IOC-Präsidenten Thomas Bach entgegen. Darin heißt es, den Bewerbern werde mehr Mitsprache eingeräumt. Nehmen wir mal ein konkretes Beispiel, über das gern polemisch gestritten wird: Wird es weiter Olympic Lanes geben, also Extra-Fahrspuren für die olympische Großfamilie?

Das ist ja so ein Punkt, der von kleinen Gruppen aufgeblasen wird. Schauen Sie, eine Olympic Lane ist ja nicht für einige wenige Funktionäre da, sondern in erster Linie für die Athleten.

Und für viele Tausend Journalisten.

Und für Tausende Journalisten, natürlich. Dagegen zu opponieren, dass für 14 Tage auf einer breiten Straße, die in der Regel drei Fahrspuren in eine Richtung hat, eine Spur zur Olympic Lane umgewidmet wird und das auch nur zu bestimmten Zeiten am Tag, wenn der Hauptverkehr zu den Wettkämpfen läuft, ist einfach lächerlich. Ich halte das für einen ganz und gar absurden Einwand.