Berlin - Auf dem ehemaligen Jüdischen Friedhof in Mitte liegt ein berüchtigter Nazi-Verbrecher. Gestapo-Chef Heinrich Müller, einer der Hauptverantwortlichen für den Holocaust, galt bislang als verschollen. Nun fand der Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Professor Johannes Tuchel, heraus, dass er gegen Kriegsende starb. 1945 wurde Müller ausgerechnet auf dem Jüdischen Friedhof an der Großen Hamburger Straße begraben.

Der Zentralrat der Juden ist entsetzt. „Ich bin schockiert über die Tatsache, dass der frühere Gestapo-Chef Heinrich Müller ausgerechnet auf einem jüdischen Friedhof begraben wurde“, sagte dessen Vorsitzender Dieter Graumann. „Dass ausgerechnet einer der schlimmsten Nazi-Sadisten, der Technokrat des Tötens, dort seine letzte Ruhestätte finden sollte, hat fast eine diabolische Dimension. Das kommt einer Verhöhnung der Millionen von jüdischen Opfern gleich.“

Dienstausweis mit Foto in der Brusttasche

Um den Chef der Geheimen Staatspolizei hatten sich jahrzehntelang Gerüchte gerankt. Manche sagten, er sei in den letzten Kriegstagen in Berlin ums Leben gekommen. Andere glaubten, dass er in Südafrika oder Südamerika lebe. 1963 stieß die Polizei auf ein angebliches Grab Müllers an der Neuköllner Lilienthalstraße. Die Untersuchung ergab, dass es sich nicht um Müller handeln kann. Auch die CIA ging Tipps nach, laut denen Müller angeblich verhaftet und in der Sowjetunion sei. „Tatsächlich wurde Müllers Leiche im August 1945 in einem provisorischen Grab in der Nähe des ehemaligen Reichsluftfahrtministeriums von einem Beerdigungskommando gefunden“, sagt Tuchel.

Er war auf Müllers Geschichte gestoßen, weil er über das ehemalige Zellengefängnis an der Lehrter Straße forschte. Dort wurden zwischen dem 22. und 24. April 1945 achtzehn Häftlinge auf Befehl Müllers ermordet. Tuchel bringt seine Rechercheergebnisse diesen Morden und zum Verbleib des Gestapo-Chefs unter dem Titel „... und ihrer aller wartete der Strick“ im Dezember im Berliner Lukas-Verlag heraus. „Ich wollte wissen, wo er sich eigentlich aufhielt“, sagt Tuchel.

Er forschte unter anderem im Landesarchiv, bei der Zentralen Stelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg und in Standesamts-Unterlagen. Demnach sei Müller damals identifiziert worden. Tuchel stieß auf die Aussage des Totengräbers Walter Lüders bei der Polizei in Ost-Berlin. Dieser war in Mitte bei einem Beerdigungskommando, das Tote der letzten Kriegstage in Massengräbern bestattete. 1963 gab er an, am Luftfahrtministerium Müllers Leiche gefunden zu haben und ihn an der Hamburger Straße begraben zu haben.

Der Tote habe eine Generalsuniform angehabt. In der inneren linken Brusttasche habe Müllers Dienstausweis mit Foto gesteckt. Das Bild habe er mit dem Gesicht der Leiche verglichen. Das Gesicht sei erstaunlich gut erhalten gewesen: „Ich kann sagen, dass die auf dem Lichtbild dargestellte Person rein äußerlich mit der Leiche identisch war.“ Auch der Rat des Stadtbezirks Mitte habe 1955 Müllers Tod bestätigt und als Grab den Jüdischen Friedhof angegeben, sagt Tuchel. Er fragt sich, warum in West und Ost Lüders' Aussage nicht intensiver nachgegangen wurde.

Müller bleibt im Grab

Den Jüdischen Friedhof zerstörten SS-Leute 1943 auf Befehl der Gestapo. Im April 1945 wurde er zum Massengrab für Soldaten und Zivilisten. 16 Sammelgräber mit 2425 Toten sind dort. Sie lassen sich nicht mehr genau ausmachen und gehen ineinander über. 2007 wurde das Areal gärtnerisch wiederhergestellt.

Der Gestapo-Chef wird auf dem Friedhof seine ewige Ruhe im Massengrab behalten. Zumal nach jüdischem Gesetz Tote ohnehin nicht exhumiert werden dürfen. Jetzt, da dieser geradezu perverse Umstand bekanntgeworden sei, müsse alles getan werden, um zu verhindern, dass der Friedhof zum Pilgerort für Nazis und für faschistische Propaganda instrumentalisiert werde, fordert Graumann. Auch bei der Jüdischen Gemeinde ruft dieser Zustand „starkes Unbehagen“ hervor.

„Bei der Wiedereinweihung 2008 waren sich alle Beteiligten aufseiten der Jüdischen Gemeinde und des Landes Berlin bewusst, dass auf dem Areal auch viele Nichtjuden, darunter Nazis, begraben liegen“, sagt Sprecher Ilan Kiesling. „Die Gestapo hatte den Friedhof verwüstet und zu Kriegsende wurden dort Splittergräben angelegt, in welchen dann zivile Kriegsopfer, aber auch Soldaten verscharrt wurden.“ Und er sagt: „Ein würdevollerer Umgang mit dieser Sachlage, der aus jüdischer Sicht auf Ewigkeit Bestand haben muss, ist leider noch nicht gefunden.“

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